Inflation und steigende Zinsen
Porter Stansberry in Investors Daily
vom 27. Mai 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Letzte Woche hatte ich eine interessante Debatte mit Bill Bonner. Wir sprachen beide auf der Investmentkonferenz in Las Vegas, wo wir vor versammeltem Publikum über Zinsen, Inflation und den Aktienmarkt diskutierten.
Es hörten vielleicht 1.000 Leute zu. An der Debatte nahmen Bill Bonner, Addison Wiggin, Alex Green und ich teil.
Es ging um die wichtigen langfristigen Trends, die die Aktienmärkte heute beeinflussen. Wie Sie wahrscheinlich wissen, haben die Investor's Daily Autoren Bill Bonner und Addison Wiggin ein Buch darüber geschrieben, warum sie davon überzeugt sind, dass Amerika dem Weg der japanischen Volkswirtschaft folgen wird (dieses Buch erscheint voraussichtlich im Juni in Deutschland). Und Japan befand sich fast 14 Jahre in einer deflationären Spirale, in der Pleiten, fallende Preise und ein Rückgang der Geschäftstätigkeit tonangebend waren.
Ich warnte vor genau dem Gegenteil: Steigende Preise würden bald zu höheren Zinsen führen. Und unerwartet steigende Zinsen könnten den Aktienmarkt ohnmächtig werden lassen.
Alex Green wiederum meint, dass die Prognose der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zum Timen der Investmententscheidungen nicht verlässlich durchgeführt werden kann, und deshalb von den Investoren ignoriert werden sollte. Er meinte, dass man einfach gute Unternehmen kaufen soll, zu vernünftigen Preisen, und das sei genug.
Ich will hier nicht alle Punkte von Bill Bonner und Addison Wiggin aufführen – die kennen Sie wahrscheinlich ohnehin bereits. Zu 90 % der Zeit stimme ich dem Ansatz von Alex Green zu. Aber wenn die Märkte Extrempunkte erreichen, dann sollte man doch die größeren volkswirtschaftlichen Trends beachten. Denn wenn der Gesamtmarkt z.B. abstürzt, dann macht man meist keine Gewinne, wenn man vernünftige Aktien mit einer guten Bewertung gekauft hat. Dann macht man so oder so Verluste.
Ich bin der Ansicht, dass wir uns gerade an so einem Extrempunkt befinden. Meine Argumentation basiert darauf, dass die Zinsen in den USA zu lange erheblich zu niedrig gewesen sind. Früher oder später (wahrscheinlich früher) wird das zu einer Inflation führen, wie wir sie zuletzt in den 1970ern gesehen haben. Meine Argumentation ist einfach: Die US-Wirtschaft wird derzeit von Papier-Dollars gestützt, die die Reservewährung der Welt sind. Die Fed hat die Weltwirtschaft durch das Ermuntern von zu vielen Krediten angeheizt, und das wird zu einer Überhitzung führen. Das sehen wir schon in China, und das wird sich überall auf dem Globus ausbreiten.
Es beginnt bereits, dass sich diese Inflation (des Geldangebots) im Produzentenpreisindex und in Komponenten des Konsumentenpreisindexes widerspiegelt. Bald – wahrscheinlich irgendwann in diesem Jahr – wird die Fed handeln müssen. Sie wird dann beim Geldmengenwachstum auf die Bremse treten, um diese rapide steigenden Preise einzudämmen. Und wenn das passiert ... dann sollten Sie sich auf eine große Überraschung vorbereiten.
Statt die Inflation zu stoppen, wird die Aktion der Fed dazu führen, dass das überschüssige Geld, das es gibt, in höhere Konsumentenpreise umgewandelt wird. Wenn die Kosten für Geld (die Zinsen) steigen, dann werden auch die Kosten von fast allem in der amerikanischen Volkswirtschaft steigen – Mieten, Transportkosten, Lebensmittel und Energie. Die Inflation, die jetzt wegen der niedrigen Zinsen untätig ist, wird an die Oberfläche kommen – was es den US-Unternehmen erlauben wird, das erste Mal seit über 10 Jahren ihre Preise zu erhöhen.
Der US-Wirtschaft wird es sehr gut gehen. Das Gewinnwachstum wird spektakulär sein. Die Zahl der Neueinstellungen wird robust bleiben. Aber die Aktien werden einen Schlag erleiden, wenn die langfristigen Zinsen über 7 % steigen und Anleihen im Verhältnis zu Aktien attraktiver werden. Und die Aktien haben immer noch rekordtiefe Dividendenrenditen, und sie haben Kurs-Gewinn-Verhältnisse, die sich in der Nähe von Rekordhochs befinden.
Das war meine Position, die ich in Las Vegas vertrat. Und das ist die Position, die ich seit Jahresbeginn vertrete. Ich sehe genau das passieren. Ich hoffe, Sie sind vorbereitet.