Inflation oder Deflation – eine andere Sichtweise
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 09. Dezember 2002 18:00 Uhr
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Der Winter ist nach New York City gekommen. Es schneite kräftig, und auch an der Wall Street gefror die Stimmung. Letzte Woche ging es per saldo mit den Kursen wieder nach unten. Der Goldpreis wärmt sich hingegen weiterhin am warmen Feuer der monetären Instabilität und der geopolitischen Unsicherheit. Auch Silber profitierte davon, zog auf zuletzt über 4,60 Dollar pro Unze an, dem höchsten Preis seit September.
Wollen uns diese beiden Edelmetalle etwas sagen – obwohl sie stumm sind? Warnen Sie uns vor einer bevorstehenden Inflation? Ich würde diese Möglichkeit nicht ausschließen. Aufmerksame Leser(innen) wissen, dass ich schon seit mehreren Monaten ein Anziehen der Inflation prognostiziere ...
Sicherlich bleibt aber Deflation derzeit das Gesprächsthema, und wahrscheinlich erwarten die meisten Investoren immer noch eher Deflation als Inflation. Aber das Wiederauferstehen der Inflation wird immer wahrscheinlicher. Am Mittwoch (als ich Co-Moderator bei CNNfn war) meinte ich: "Inflation ist ein Kauf. Wenn Inflation eine Aktie wäre, würde sie bei einem KGV von 8 stehen und unter Buchwert notieren."
Zugegeben – die großen Kräfte von Deflation und Inflation kämpfen derzeit immer noch in einem Kampf bis aufs Blut gegeneinander. Aber Inflation scheint die Oberhand zu gewinnen – zumindest ist das das Urteil von verschiedenen Finanzmärkten. Sowohl der Index der Rohstoffpreise als auch der Goldpreis sind seit mehr als einem Jahr in einem Aufwärtstrend. Hinzu kommt, dass der Dollar trotz eines starken Aktienmarktes nicht gestiegen ist.
Diese Marktphänomene sind ein Indikator dafür, dass die US-Wirtschaft einer Inflation zusteuert. Vielleicht wird das amerikanische wirtschaftliche Immunsystem den Ausbruch einer großflächigen Inflation verhindern. Aber darauf würde ich keine Wette abschließen. Das würde auch Bill Gross nicht, der erfolgreiche Fondsmanager von Pimco.
"Die goldenen Tage des Anleihenmarktes sind vorbei", so Gross in seinem jüngsten monatlichen Kommentar. "Die Fed und der Kongress werden dafür sorgen, indem sie die Deflation bekämpfen und damit die Inflation fördern werden, und dabei werden sie vielleicht sogar mehr finanzielle und wirtschaftliche Instabilität schaffen, als wir in den letzten Jahren gesehen haben."
Als Beweis für die Absicht der Fed, eine neue Inflation zu säen, bezieht sich Gross auf die Rede des Fed-Gouverneurs Bernanke vom 21. November – mit dem Titel: "Deflation: Wie wir sicher gehen, dass sie hier nicht eintreten wird."
"Die Eindringlichkeit der Rede von Bernanke sagt Beobachtern sehr viel darüber, wer am Ende den Kampf zwischen Inflation und Deflation gewinnen wird", so Gross. "Bernanke nennt mehrere zuvor selten genutzte Mittel, die die Fed nutzen könnte, um eine Deflation abzuwenden: (1) könnte die Fed am freien Markt einfach Staatsanleihen kaufen, sowohl kurz- als auch langfristige, (2) könnte die Fed auch die Zinssätze der Unternehmensanleihen und der Hypotheken beeinflussen, und damit die Kosten für privaten Kredit senken, (3) könnte die Fed Staatsschulden kaufen, um den Dollar nach unten zu drücken und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit der USA und gleichzeitig die Inflation zu steigern. ( ...) Diese Leute könnten Unrecht haben, ihre Politik könnte eventuell mehr Schaden als Gutes anrichten, aber ich glaube Ihnen. Sie werden der US-Wirtschaft keine Deflation erlauben, so lange wie die derzeitige Fed-Spitze (also Alan Greenspan) an der Macht ist."
Auch Paul Kasriel, Volkswirt bei Northern Trust, nimmt die Fed beim Wort, wenn sie ankündigt, die Deflation bekämpfen zu wollen. "Der weltgrößte Schuldner (die USA) verspricht, die Schulden mit billigeren Dollar zurückzuzahlen", so Kasriel. "Im Endeffekt ist es genau das, was Ben Bernanke der Welt am 21. November mitgeteilt hat ... deshalb keine Angst vor einer Deflation. Die Fed hat implizit versprochen, bis zum letzten Atemzug die Druckerpresse anzuwerfen, um eine Deflation abzuwenden."
Bleiben Sie dran ...