Indien – kaufen oder verkaufen? – Teil 1
Chris Mayer in Traders Daily zum Thema Global Anlegen
vom 12. Februar 2009, 12:00 Uhr
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Unter all den verrückten Ereignissen des Jahres 2008 ist das brennende Taj Mahal Palace Hotel auf den Fernsehbildschirmen eines, an das ich mich noch lange erinnern werde. Im vergangenen Jahre bin ich durch Indien gereist und mein erster Halt war Mumbai (oder Bombay, wie die Menschen immer noch sagen). Ich habe im Taj Mahal Palace gewohnt. Ich kann mich erinnern, dass das Hotel eine Oase der Ruhe war, nachdem man einen Tag im geschäftigen Bombay verbracht hatte. Ich kann mich an die Säulen aus Onyx, die Bogengänge und die Kuppeln erinnern, an die handgewebten Teppiche und die Kristall-Leuchter, an das übermäßig höfliche Personal und an die beeindruckenden Portiers, die Sikhs waren.
Das Taj Mahal wurde im Jahr 1903 von Tata gebaut. Es ist ein Hotel mit Würde und mit dem Charme der alten Welt. Vom Hotel aus hat man einen Panoramablick über die Bucht, in der die legendenumwobene Elephanta-Insel nur eine kurze Bootsfahrt entfernt liegt. Und das Hotel liegt in Sichtweite des historischen Gateway of India, von wo aus die letzten britischen Truppen im Jahr 1947 abgereist sind.
Armes Indien, für den alten Tummelplatz der großen Hindu-Könige, den Spielplatz des Mughal-Imperiums, war das Jahr 2008 ein hartes Jahr. Indien hatte eine solche Glückssträhne - fünf Jahre, in denen das Wirtschaftswachstum bei fast 9% lag und einen boomenden Aktienmarkt. Deswegen gab es gute Gründe davon auszugehen, dass man vom Schicksal verwöhnt wurde. Aber in einem langen und wechselvollen Leben gerät viel aus dem Ruder. Und in Indien ist es so gekommen.
Im Jahr 2008 hat der Aktienmarkt 60% seines Wertes verloren. Die Rupie hat gegenüber dem Dollar 20% verloren. Ausländische Investoren haben sich in Rekordzahlen aus dem Land zurückgezogen. Die weltweite ökonomische Frostperiode hat Indien schwer getroffen.
Die Frage lautet also, ob man Indien kaufen sollte oder vergessen.
Indien ist ein Land atemberaubender Widersprüche. Auf der einen Seite gibt es das „indische Wunder." Es gibt boomende Unternehmen und makellose IT-Universitäten. Täglich gibt es viele neue Millionäre. Allerdings gibt es auch viel Armut. Die Weltbank geht davon aus, dass 420 Millionen Menschen unter der Armutslinie leben. Diese Statistik erfasst nicht, wie schrecklich das alles ist.
Ich werde nie den Bahnhof in Agra vergessen. Die Massen der Armen, die dort in Tüchern auf dem Boden lagen, die Bettler und das menschliche Leid. Und doch ist es schon seit Äonen so. Mark Twain schrieb über die Landbesetzer in „Following the Equator" (1897). Er beschrieb die Massen mit ihren „bescheidenen Bündeln und Körben und den wenigen Haushaltsgeräten." Twain würde die Stadt vermutlich auch heute noch wiedererkennen.
In Indien kann man einen Mann im Anzug sehen, der sich über ein Mobiltelefon unterhält und neben ihm auf dem Boden sitzt ein Schlangenbeschwörer. Man sieht Elefanten, die die Straßen in Rajasthan herunterschlendern und daneben Busse und Roller und Handwagen. Man sieht wunderschöne Gebäude gleich neben absolutem Elend.
In Paul Theroux neuem Buch über den Eastern Star verfolgt er eine Route zurück, die er vor 33 Jahren bereist hat, als er 33 Jahre alt war. Ein Teil der Reise führte ihn durch Indien. Und deswegen ist er in einer guten Position, die Veränderungen in Indien beurteilen zu können. Er ist weitestgehend unbeeindruckt. „Ich bin durch die Straßen Mumbais gefahren, vorbei an den Slums, denen, die auf dem Bürgersteig schlafen und den Lahmen. War das Wunder, so fragte ich mich, nur eine Täuschung?"
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