In poetischer Stimmung
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 22. Januar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Lass Rom im Tiber schmelzen, und den weiten Bogen des Imperiums fallen! Hier ist mein Platz ... für die Liebe der Liebe und ihre sanften Stunden ..."
Heute Morgen beschäftige ich mich mit dem amerikanischen Schuldenimperium, und ich bin in eine poetische Stimmung geraten. Ich bin sehr beeindruckt von dem Yin und Yang des ganzen ...
Überall, wo ich hinsehe, sehe ich eine exquisite ... aber labile ... Balance zwischen Dingen, die sowohl extravagant als auch absurd sind.
Einerseits bemühen sich alle Regierungen der Welt, ihre Währungen zu zerstören. Andererseits machen die Märkte Überstunden, um da gegen zu halten. So haben zum Beispiel die Japaner fast eine Viertel Billion Dollar gekauft, um ihren Yen fallen zu lassen. Aber die USA sind besser, wenn es ums Zerstören der eigenen Währung geht. Trotz der japanischen Bemühungen ist der Yen gegenüber dem Dollar auf ein 2-Jahres-Hoch gestiegen.
Bis jetzt haben sich in Europa, der "Alten Welt", die Zentralbanker dem Ruin der eigenen Währung widersetzt. Aber wahrscheinlich können sie sich nicht mehr sehr lange zurückhalten. Deutschland befindet sich in einer Rezession. Die Budgets platzen. Und der europäische Arbeitsmarkt könnte durch den starken Euro belastet werden: Die Europäische Zentralbank könnte deshalb schneller, als die meisten das erwarten, die Zinsen senken.
Währenddessen kommt aus Atlanta ein Bericht, der zeigt, warum der durch Kredite genährte amerikanische Boom nicht weitergehen kann. "Verbrannt durch die Wirtschaft, konsumiert durch Schulden", ist die Schlagzeile der gestrigen Ausgabe vom Constitution-Journal. Der Artikel beschriebt eine hypothetische Familie – die "Muckles", Opfer der amerikanischen Zentralbank. Die Muckles haben das genommen, was die Fed angeboten hatte: Sie haben auf Kredit gekauft und genossen – eine Zeitlang – die niedrigsten Zinssätze seit 45 Jahren. Dann sah sich Mister Muckle mit einem fallenden Einkommen konfrontiert. Aber statt die Ausgaben etwas zurückzufahren, füllten die Muckles diese Lücke mit Schulden – wie die gesamte Nation.
Das Problem mit Krediten ist, dass sie etwas kosten. Und jetzt entdecken wir, dass der durchschnittliche amerikanische Kreditkartenbesitzer jedes Jahr 1.000 Dollar an Zinsen bezahlt. Und hier ist eine leichte Frage für meine Leser(innen): Wieviel würde er zahlen, wenn er keine Kreditkarte hätte? Antwort: Nichts.
Haben die Überziehungen den Kreditkartenbesitzer reicher oder ärmer gemacht? Antwort: Ärmer; denn jetzt kann er 1.000 Dollar weniger ausgeben.
Das scheint mir alles so offensichtlich zu sein. Aber wir leben in merkwürdigen Zeiten. Und viele Leute glauben mittlerweile, dass man soviel Yin haben kann, wie man will ... ohne sich jemals Sorgen über das Yang machen zu müssen.
Das ist aber nicht so, liebe(r) Leser(in). Es gibt immer eine andere Seite der Medaille. Eine Nuance für jeden Fakt. Einen anderen Idioten als Gegenstück bei einem Handel und einen Abschwung für jeden Boom.
Das Yin des letzten halben Jahrhunderts war das, was mein Freund John Mauldin einen "Superzyklus" nennt: Der Aufstieg des Konsumenten-Kredit Kapitalismus. Die Leute haben ihre Aufmerksamkeit vom Vermögen hin zu den Zahlungsströmen verlegt ... von Bilanzen zu monatlichen Einnahme-Überschuss-Rechnungen. Von langfristigem Vermögensaufbau hin zu "von Rechnung zu Rechnung"-Finanzierung. Von Sparen zu Geld ausgeben.
Nach Jahrzehnten dieses Trends ... scheint sich dieser Trend einem Extrempunkt zu nähern. Obwohl die Zinsen auf 45-Jahres-Tiefs stehen, gehen in den USA 2 Millionen Menschen pro Jahr Pleite – darunter die Muckles. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was passieren wird, wenn die Zinsen steigen sollten. Plötzlich wären die monatlichen Ausgaben dieser Leute höher. Die Leute hätten weniger zum Ausgeben.
Das ist das "Bernanke-Paradox". Der Fed-Gouverneur Ben Bernanke versucht, eine Deflation abzuwenden – indem er den Wert des Dollar zerstört. Aber selbst ein moderater inflationärer Boom könnte die Zinsen auf 7 % steigen lassen ... oder sogar bis auf 9 %. Und das können die amerikanischen Privathaushalte nicht verkraften. Sie hätten nicht genug Geld für die monatlichen Zinszahlungen. Man kann sich das "Yang" davon sehr leicht vorstellen ... denn dann könnten 3 Millionen Leute Pleite gehen ... pro Jahr ... ein Jahrzehnt lang!
Nicht dass ich mit schon bald steigenden Zinsen rechne. Das wäre zu einfach. Zu direkt. Zu unpoetisch.
Jetzt zu Dir, Addison:
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