In gewisser Weise steht Japan an der Spitze

in Kapitalschutz Akte zum Thema Weitere Börsenthemen
vom


Nach diesem Rückblick nun der Blick in die Gegenwart: Japan ist zusammen mit China der größte Netto-Gläubiger der Welt", so las ich in der International Herald Tribune, und ist deshalb das reichste Land der Welt".

Wie kann das sein? Wie konnten die Leute in Japan seit Anfang der 1990er unter Stagnation leiden, während der Aktienmarkt 65% seines Wertes verlor, und dennoch an der Spitze stehen? Wie war das möglich?



Selbst 10 Jahre nach dem Höhepunkt der Spekulationsblase befand sich Japan in vielen Bereichen in einer besseren wirtschaftlichen Verfassung als die USA. Die Japaner arbeiteten weniger. Sie zahlten weniger Steuern. Sie bekamen für ihre Steuern mehr Sozialleistungen. Sie hatten eine bessere Gesundheit und lebten länger. Am Ende des 20. Jahrhunderts arbeitete zum Beispiel der durchschnittliche Fabrikarbeiter in Japan 5 Stunden pro Woche weniger als ein vergleichbarer Arbeiter in Amerika. Im Durchschnitt arbeitete ein Amerikaner im Jahr 2 volle Wochen mehr als ein japanischer Angestellter.

Im Durchschnitt kassierte die japanische Regierung 12% des Lohns des durchschnittlichen Arbeiters an Steuern. In den USA lag diese Zahl bei 16%. Verglichen mit den amerikanischen Arbeitern gingen die Japaner öfter nach Übersee in Urlaub, und sie kauften mehr Luxusgüter. Zwei Drittel der hochwertigsten Produkte der Welt wurden von Japanern gekauft.

Hinzu kam, dass Japan ein Wunder der gut funktionierenden Sozialsysteme war - und immer noch ist. Der Gesundheitssektor ist für Japaner praktisch kostenlos. Das öffentliche Verkehrssystem ist allgegenwärtig und effizient. Die Züge kommen im Durchschnitt 18 Sekunden früher an, als es auf dem Fahrplan steht. Ein Partner der Unternehmensberatung Accenture (ehemals Andersen Consulting) bemerkte zu Japan: Der durchschnittliche Lebensstandard und das Zufriedenheitsniveau sind hier höher als in den USA." In der Tat, japanische Frauen leben länger als jede andere Gruppe von Frauen in der Welt, und bei den japanischen Männern wird die durchschnittliche Lebenserwartung nur durch die der schwedischen Männer übertroffen.

Und dennoch bleiben trotz dieser Vorteile die harten Fakten: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war es so, als ob Japan, das in den 1980ern die boomende zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hatte, nicht mehr existierte. Die amerikanischen Volkswirte - und die Amerikaner generell - glaubten, dass die Japaner irgendetwas unglaublich falsch gemacht hätten; schließlich waren sie von der wirtschaftlichen Welt verschwunden. Die amerikanischen Volkswirte hatten die Japaner wiederholt ermuntert, ihr Geldangebot zu erhöhen. Sie meinten, dass eine Aufblähung der Geldmenge der Schlüssel sei. Wenn der Yen dadurch nach und nach zerstört würde, dann würden die japanischen Konsumenten bereitwilliger Geld ausgeben, statt es zu sparen.

Aber sowohl die monetäre als auch die fiskalische Politik wirkten nicht. Die amerikanischen Volkswirte gaben großzügig noch mehr nicht gewünschte Ratschläge und meinten, dass die Japaner jetzt ihre Wirtschaft reformieren müssten. Sie sollten den Mut haben, Probleme anzugehen, die faulen Kredite und die schlechten Unternehmen dem gnadenlosen Markt überlassen und falls notwendig ganze Industrien restrukturieren. Sie sollten den dynamischen Kapitalismus der amerikanischen Art auf den japanischen Inseln einführen.

Der Kapitalismus der amerikanischen Art war das Letzte, was die Japaner wollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sie ein komplett anderes System des Kapitalismus aufgebaut. Das war weit entfernt von dem völlig freien Kapitalismus, den Marx beschrieben hatte. Die Produktionsstätten wurden nicht von reichen, unabhängigen Kapitalisten kontrolliert, sondern von großen Geschäftsgruppen, die sich von den großen Banken Geld liehen. Diese wiederum erhielten ihr Geld durch die Ersparnisse der normalen Japaner. Das war eine Gesellschaft, in der die Risiken und Chancen des Kapitalismus kollektiviert worden waren, auf einzigartige japanische Weise.

Vielleicht gar nicht so schlimm, wenn Spekulationsblasen platzen. Vielleicht sollten wir alle ein wenig japanisch werden.

von
Bill Bonner
Bill Bonner

Bill Bonner ist einer der anerkanntesten Finanzexperten der USA und Bestseller-Autor. Bei uns schreibt er regelmäßig im Börsen-Newsletter Kapitalschutz Akte.


ähnliche Beiträge:

Artikel bewerten
Durschnittliche Wertung:
0 Sterne
Wertungen:
0 insgesamt
Artikel weiterempfehlen
Kommentar abgeben

* = Pflichtfeld, bitte unbedingt ausfüllen

Kommentare Kommentar abgeben