In Beichtstimmung
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 10. Oktober 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Am Freitag erreichte der Dow Jones ein neues Rekordhoch, gleich nach einem Rekordhoch am Vortag. Und der Preis für Gold ist eingebrochen ... auf 566 Dollar. Was soll man davon halten?
Einerseits steigt meine persönliche Aktie der Bescheidenheit. Andererseits fällt Gold.
Ich war schon die ganze Woche über in Beichtstimmung. Ich habe eingestanden, ein großes Wiederaufleben der Wirtschaft und des Aktienmarktes verpasst zu haben. Ich wusste, was Greenspan und Bush im Schilde führten. Aber ich hatte so meine Zweifel, dass sie damit auch durchkommen würden. Aber sie haben es durchgezogen. Heute, sechs Jahre nachdem der Dow seinen Höchstwert erreichte, ist er nach wie vor in der Nähe der absoluten Höchstwerte ... zumindest nominal ausgedrückt ... und mit jedem Tag bricht er neue Rekorde.
Natürlich sitzen die Leser, die meinen Rat, Aktien im Jahr 2000 zu verkaufen, nicht beachteten, immer noch auf verlustbringenden Positionen – denn sogar auf dem heutigen Niveau ist der Dow immer noch 20% unter seinem Rekord von 2000, angeglichen an die Inflation. Andererseits sei den Lesern, die meinen Rat 2002, 2003, 2004, 2005 oder 2006 missachteten zugestanden, noch beleidigter zu sein. Ja, vielleicht hätten sie mit Gold besser dagestanden. Aber das ist nur ein schwacher Trost, wenn sie es nicht gekauft haben. Mehr noch, heute fällt Gold ... es liegt ca. 150 Dollar unter dem Höchstwert dieses Zyklus.
Bei einem steigenden Dow und fallendem Gold mögen sich einige mittlerweile fragen, ob ich überhaupt noch weiß, wovon ich hier rede. Die Frage stelle ich mir auch gelegentlich, fast täglich. Und die unmissverständliche Antwort heißt: „Nein“. Dennoch, genau das gibt mir einen Vorteil gegenüber den meisten Marktkommentatoren. Sie wissen auch nicht, wovon sie sprechen ... aber es ist ihnen nicht bewusst. Die Wahrheit ist, dass letzten Endes jeder seine Theorie hat, seine Vorstellungen, seine Feststellungen, an die er sich hält wie ein schiffbrüchiger Seemann an seinen gebrochenen Mast. Wenn wir loslassen, werden wir untergehen.
Aber die Theorie, an die ich mich halte, ist, dass die Leute irgendwann nicht das bekommen, was sie erwartet haben, sondern das, was sie verdient haben. Harte Arbeit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Disziplin und Langmut zahlen sich aus. Das haben sie, mehr oder weniger, schon immer. Und das werden sie, mehr oder weniger, auch immer. Mit anderen Worten, es geht um die Grundlagen.
Genau die wollen wir uns jetzt ansehen. Was hat sich verändert? Haben die Wettbewerber aus dem Ausland vergessen wie man Dinge herstellt? Nein. Haben die Arbeiter im Ausland ihre Schaufeln und Lötkolben hingeschmissen? Nein. Ist das Handelsdefizit der USA verschwunden? Nein. Sind Amerikas Schulden geringer geworden? Nein. Wird Ford im nächsten Jahr mit Gewinn Autos herstellen? Nein. Werden die Arbeiter Lohnerhöhungen bekommen? Nein. Wird der Kongress den Haushalt ausgleichen und wird die Fed den Dollar wieder mit Gold decken? Nein ... und nein. Was ist also wirklich besser geworden?
Aktien werden zu einem großen Vielfachen ihrer Gewinne gehandelt. Aber das zu einer Zeit, zu der die Gewinne auch auf einem Rekordniveau liegen. Wie viel weiter können sie noch steigen? Und wenn man auf diesem Niveau kauft - kann dann der Lohn noch das Risiko wert sein? Hängen Aktien nicht letzten Endes von der Wirtschaft ab?
Liebe Leser, ich will Ihnen diese kurze Antwort geben: Aktien sind keine guten Investitionen. Nicht bei diesen Preisen. Und das bedeutet nicht, dass sie nicht noch weiter steigen werden. Es bedeutet, dass es unklug ist, ihnen zu folgen. Es gibt mehr Nachteile, über die man sich sorgen muss, als Vorteile, die einen hoffen lassen dürfen. Nehmen sie diesen kleinen Auftrieb als ein Geschenk der Götter und verkaufen Sie während der Erholungsphase.
Nachdem das gesagt ist, wende ich mich wieder meiner Beichte zu. Es ist wahr. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich der Markt noch so lange oben halten würde. Mein Fehler war, dass ich den gesunden Menschenverstand meiner Mitmenschen überschätzt habe. Sie sind noch größere Dummköpfe als ich je geglaubt hätte. Nachdem man die leichten Kredite, die Hypotheken mit den anpassbaren Zinssätzen und Kredite auf „geschätztes Einkommen“ eingeführt hat, haben sie diese Köder gierig ergriffen. Heute hängen sie an den Haken von deutlich mehr Geld, als eine Generation in der Geschichte ... ohne dass sie ein höheres Einkommen hätten, um dafür aufkommen zu können.
Bescheidenheit hält mich nicht davon ab, darauf hinzuweisen, dass ich, auch wenn es anders aussieht, mit dem Boom zwischen 2002 und 2006 richtig gelegen habe. Es war Betrug. Die Leute sind nicht wirklich reicher geworden. Sie sind ärmer geworden und stehen heute mit mehr Schulden und ohne höhere Einkommen da als zu der Zeit, als der Boom begann. Keine Gewinne und schon jetzt einige Sorgen.
Wie viele Sorgen noch folgen, wird sich erst noch zeigen müssen, aber selbst Bernanke gibt jetzt zu, dass bei den Häusern eine „merkliche Korrektur“ eingesetzt hat. In New York hat z.B. die Zahl der Wohnungen, die zum Verkauf stehen ein Niveau erreicht, das man schon seit 15 Jahren nicht mehr erlebt hat. Dieses Jahr sind die Preise zwischen dem zweiten und dem dritten Quartal um 2,2% eingebrochen. Und bei den besseren Wohnungen sind die Verkäufe seit dem letzten Jahr um 40% zurückgegangen.
Gleichzeitig werden die Hausbesitzer wohl bald anfangen, neue Anzeichen des Einbruchs zu generieren. Mehr als 20% aller Hausbesitzer in den USA stehen in den nächsten beiden Jahren höheren Zahlungen gegenüber, wenn ihre komplizierten Verträge zuschlagen. In Washington D.C. beispielsweise machen Kredite, bei denen nur die Zinsen zurückgezahlt werden, 28% der Hypotheken aus, während Kredite an nicht optimal kreditwürdige Kreditnehmer die gleiche Menge ausmachen. Ungefähr das Gleiche gilt auch in Florida. In Kalifornien sind die Kredite, bei denen nur die Zinsen gezahlt werden, sogar noch höher. Hier sind es schockierende 39%.
Auf der Verkaufsseite sind die Zahlen auch Unheil verkündend. Broker und Bauunternehmer fangen an, sich Sorgen zu machen. Einem Artikel von CNN Money zufolge sind die Mitgliederzahlen der Nationalen Vereinigung der Makler (NAR National Association of Realtors) in der Zeit, als der Immobilienboom seinen Zenit erreicht hatte, um 26% gestiegen, so dass es heute mehr als 1,2 Millionen registrierte Makler im Land gibt. Bei einem vorhergesagten Rückgang der Verkaufszahlen um 7,6% im Jahr 2006, trocknet diese Flut der Vermittler wohl bald aus.
Wie lange können Immobilien und Aktien in unterschiedliche Richtungen gehen, unterschiedlichen Regeln folgen ... als ob sie unterschiedliche Luft atmeten und sich von unterschiedlichem Brot ernährten? Nicht sehr lange, vermute ich. Wenn die Häuser schon anfangen vom Himmel zu steigen, dann können Aktien nicht mehr weit davon entfernt sein.