In alter Frische
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 02. September 2003 18:00 Uhr
ENL5454
"In alter Frische" ... das ist zwar übertrieben, aber es geht mir heute etwas besser. Was ich nicht verstehe: Wir sind auf dem Mond gelandet, versuchen den Mars zu erreichen, entschlüsseln das menschliche Genom, die Gentechnik macht große Fortschritte, nur eine einfache Erkältung können wir noch nicht heilen. Ich frage mich, was Menschen in 300 Jahren über unser "düsteres" Siliziumzeitalter wohl denken mögen – wenn es in 300 Jahren noch Menschen gibt. Doch zur Börse:
Eigentlich sollte der Mensch doch aus der Vergangenheit lernen. Das ist zumindest ein Aspekt auf den der Mensch ziemlich stolz ist. Wenn ich mir die aktuellen Bewertungen ansehe, insbesondere die des Philadelphia Semiconductor Index, kann ich nicht behaupten, dass der Mensch aus der Vergangenheit lernt. Mir klingen noch die Aussagen aus den Jahren 2001–2002 in den Ohren. Keiner bezweifelte zu diesem Zeitpunkt mehr, dass die Bewertungen Anfang 2000 viel zu hoch waren. Alle schlugen sich vor den Kopf, man hätte es doch wissen müssen. Sind es genau die gleichen, die jetzt wieder kaufen und "dausend" schreien? Gut, noch haben die Werte nicht das Niveau von 2000 erreicht, aber ähnlich absurd sind sie bereits. Doch das allein hindert keinen Anleger, nicht zu hohen Kursen zu kaufen.
Gier und Angst, die Triebfeder an den Börsen. Beide haben etwas gemeinsam. Sowohl im Zustand der Gier, als auch im Zustand der Angst ist die Vernunft ausgeschaltet. Wahrscheinlich können die Börse nur so funktionieren – abseits der Vernunft.
Immerhin mehren sich auch in Amerika die warnenden Stimmen – mit all den Argumenten, die wir Ihnen seit Wochen nennen. Vielleicht sind wir einfach viel zu früh mit unseren Aussagen gewesen. Es kann noch etwas dauern, bis diese Argumente ins "Massenbewusstsein" der Anleger dringen. Bis dahin kann diese Rally weiter und weiter gehen.
Ich bin zum Beispiel gespannt, wann die Medien das Problem im Irak als eine Problem der Börsen begreifen. Bis jetzt ist es nur ein Problem von Amerika. Dass aber die gesamte Rallye startete, da durch den Irak-Krieg ein niedriger Ölpreis erwartet wurde, das schwarze Gold einfach der amerikanischen Wirtschaft hinzuaddiert wurde, ist mittlerweile offenbar vergessen.
Die Situation im Irak spitzt sich immer weiter zu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Amerikaner in diesem Land langfristig eine Chance haben. Die Situation im Irak wird zunehmend in einen Guerilla-Krieg abrutschen.
Eins weiß ich jetzt schon. Sollten die Amerikaner aus dem Irak abziehen müssen, werden die Börsen genauso fallen, wie sie ab März gestiegen sind. Die Amerikaner können sich diesen Schritt nicht erlauben. Weder politisch, noch wirtschaftlich. Das wissen die amerikanischen Strategen und deswegen befürchte ich, dass es im Irak zu einer sehr langen Phase der Instabilität kommen wird – mit all den üblen Auswüchsen, die so ein Guerilla-Krieg haben kann.
Zurück zu den warnenden Stimmen: Gerade hat wieder eine Ratingagentur, davor gewarnt, dass sich die Lage der privaten Konsumkredite zunehmend verschlechtert. Diese Ratingagentur sieht zwar auch einen Aufschwung, aber sie befürchtet, dass die Entlassungen der vergangenen Monate sich auf die Zahlungsfähigkeit der US-Bürger auswirkt. So soll in diesem Jahr die Zahl der US-Bürger, die zahlungsunfähig werden, um 8 % auf 1,65 Mio. (!) Fälle anwachsen.
Es ist eine einfache Rechnung: Die Kredit/Hypothekenvergabe geht drastisch zurück. Ziehen Sie von der Konsumkraft der US-Bürger diesen Rückgang ab, dann noch die Kaufkraft der Menschen die zahlungsunfähig werden, dazu noch den verminderten Wert der Kaufkraft der arbeitslos gewordenen Menschen. Natürlich kann man diese Wert nicht in "genaue" Zahlen fassen. Aber diese Faktoren zeigen, in welchem Dilemma der amerikanische Konsum zurzeit steckt.
Übrigens, meiden Sie zurzeit den US-Bankensektor. Die geringere Kreditvergabe, die Zahlungsunfähigkeiten (als faule Kredite), die Firmen-Insolvenzen und besonders der Crash am Anleihenmarkt dürften die Ergebnisse der Banken entscheidend belasten.