Impressionen von San Francisco

in Investors Daily
vom


von unserem Korrespondenten Eric Fry, derzeit in San Francisco

Normalerweise berichte ich ja direkt von der Wall Street – aber derzeit bin ich in San Francisco, wo ich an einer Investmentkonferenz teilnehme. Gestern bin ich wie ein Tourist durch die City spaziert, obwohl ich einmal – in einem früheren Leben, wie mir scheint – für 8 Jahre in San Francisco gelebt und gearbeitet habe.


Der brillante Sonnenschein brachte viele sichtbare Zeichen der Jahre des Internet-Booms besonders gut zur Geltung: Neue Bürgersteige, 2 Jahre alte BMWs, die die California Street auf und ab fuhren.

Aber diese fast makellose Bilderbuch-Stadt war ziemlich ruhig ... und auf den Straßen war verdächtig wenig los. "Wo sind all die Leute?" fragte ich mich. "Als ich hier Mitte bis Ende der 1990er lebte, sah die Stadt niemals so verlassen aus."

Selbst die Touristenmassen waren dünner geworden – wenn auch nicht die Touristen selbst. Früher konnte man froh sein, wenn man in einer der berühmten Straßenbahnen San Franciscos, den "cable cars", einen Stehplatz bekam – heute gab es genug Sitzplätze. Aus der Perspektive eines Touristen gab es wahrscheinlich nie eine bessere Zeit, San Francisco zu besuchen. Aber was ist der Grund für diese Stille? Wer macht die Arbeit, die gemacht werden muss, damit die Steuern wieder fließen und das Haushaltsdefizit von Kalifornien wieder unter 40 Mrd. Dollar fallen kann?

Ok, meine Beobachtungen sind natürlich kein hinreichender Beweis für wirtschaftliche Schwierigkeiten. Vielleicht geht es San Francisco wirtschaftlich gut. Vielleicht scheuen die Hightech-Einwohner der Stadt einfach das Sonnenlicht, wie Albinos, und sie sitzen den ganzen Tag vor Monitoren und erwirtschaften so irgendwie ein Einkommen auf Hightech-Art.

Anderes Thema – zum Anleihenmarkt. Die Spekulationsblase am Aktienmarkt hatte Spaß gemacht, so lange es sie gab ... aber die ist jetzt definitive Vergangenheit, auch wenn Alan Greenspan sie wieder beleben will. Aber die Spekulationsblase am amerikanischen Anleihenmarkt platzt gerade erst – das ist noch keine Geschichte.

Der US-Anleihenmarkt bleibt DIE Story der Finanzmärkte ... was bedeutet, dass auch der Hypothekensektor zumindest ein Teil dieser Story ist. Denn mit steigenden Zinssätzen lösen sich die Anträge auf Erhöhung bestehender Hypotheken in Luft auf. In der Woche, die am 8. August endete, sind diese Anträge um 16,1 % gesunken. Gegenüber den Spitzenwerten, die im Mai erreicht wurden, bedeutet dies ein Minus von rund einem Drittel. Wenn die Zinsen weiter so stark steigen, dann werden wohl kaum noch bestehende Hypotheken erhöht werden.

Und die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac leiden darunter besonders. Die Rendite der 10jährigen US-Staatsanleihen ist seit dem 13. Juni um satte 147 Basispunkte gestiegen. Was kann daran gut sein für eine Hypothekenbank, die wenig Eigenkapital hat und in den letzten Monaten aggressiv neue Hypotheken auch an wenig kapitalkräftige Kunden vergeben hat?

Laut der New York Times gibt es bei Fannie Mae "Was wäre wenn?"-Berechnungen. Eine solche Berechnung, vor ein paar Monaten durchgeführt, hat demnach ergeben, dass das Portfolio der Gesellschaft einen Verlust von 7,5 Mrd. Dollar erleiden würde, "wenn die Zinssätze sofort um 1,5 Prozentpunkte steigen würden." Und raten Sie mal, was passiert ist – die Rendite der 10jährigen US-Anleihen ist um 1,47 Prozentpunkte gestiegen, in weniger als 2 Monten. Bedeutet das, dass das Portfolio von Fannie Mae jetzt mehrere Milliarden Dollar Verlust erleidet? Die Investoren sollten nicht überrascht sein, wenn das der Fall wäre. Laut Doug Noland von Prudent Bear ist die Bilanz von Fannie Mae schlecht vorbereitet auf widrige Umstände. "Fannie Mae hatte am 30. Juni 2000 ausstehende Hypotheken ( ...) im Volumen von 1,247 Billionen Dollar", so berechnet Noland.

Stellen Sie sich Eltern vor, die unter dem Bett ihres Kindes Dynamit lagern, und sie verstehen etwas vom Finanzprofil von Fannie Mae. Und jetzt stellen Sie sich vor, dass diese Eltern das Bett ihres Kindes mit dem Dynamit darunter an eine andere Stelle versetzen, um mehr Platz für noch mehr Dynamit zu erhalten. Dann verstehen sie die Unternehmensphilosophie von Fannie Mae: "Warum Sorgen machen; das Dynamit wird doch wahrscheinlich nicht explodieren."


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