Immobilienkrise und "Credit Crunch"
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 09. August 2007 07:30 Uhr
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Dieser Tage wird mal wieder mit vielen Parolen hausieren gegangen. Doch es werden meist nur die Namen durch die Gegend geworfen, ohne einen Schritt weiter zu denken. Immobilienkrise? Die einen sagen, sie könnte das westliche Abendland in den Abgrund stürzen, die anderen bezeichnen die Angelegenheit als Problem völlig irrelevanter Habenichtse. Kreditkrise? Alles im Griff, tönen die einen. Das war’s dann für das weltweite Wachstum, unken die anderen.
Ich möchte beide Begriffe abarbeiten und Ihnen einfach meine eigene Meinung dazu darlegen, ohne Anspruch darauf, man müsse nun ausgerechnet mir zustimmen, zumal ich beim Schreiben dessen nicht einmal eine teure Krawatte trage und unter mir der Name eines Finanzinstitutes eingeblendet wird.
Der Immobilienmarkt – eine kleine Flatulenz
Es wurde immer heftiger. Sie wissen, wenn ein Esel die Gasse hinunterrennt, werden andere magisch davon angezogen und rennen hinterher. Immer mehr Menschein in den USA, aber z.B. auch heftig in Spanien, verfielen auf die schlaue Idee, Häuser zu bauen. Nicht für sich, sondern für die Millionen, die in Kürze ein eigenen Haus haben wollen würden. Und sie würden es ihnen verkaufen. Das gelang eine zeitlang bestens, die frühen Vögel fingen den Fisch und erzielten satte Gewinne, aus denen sie Kapital für noch mehr Häuser zogen und so weiter. Diejenigen, die erst am Ende der Geschichte, vor einem Jahr oder etwas mehr, hinter der Herde herrannten stehen nun vor leeren, unverkauften Häusern ... die eigentlich über den Verkaufspreis finanziert werden sollten. Aber man kann sie auf einmal nicht mehr verkaufen.
Von der Sättigung des Marktes bis zum Überangebot ist es nur ein kleiner Schritt. Und er wird nirgendwo klar erkennbar. Erst recht nicht, wenn man Projekte angeht, die eben ein wenig länger dauern. Nun haben wir in den USA ein Überangebot. Neubauten können kaum mehr verkauft werden oder nur zu Preisen, die keinen Gewinn bedeuten oder gar unter den Herstellungskosten liegen. Wie steil dieser plötzliche Abstieg aus der erhofften finanziellen Glücksseligkeit ausfällt, zeigt der Chart der Neubauverkäufe (Quelle: www.markt-daten.de).
Ausgerechnet in dieser Phase stellt sich nun heraus, dass nicht nur die Verkäufer auf Sand gebaut haben. Frei nach dem Motto „jedem seine Hütte“ vergaben Banken Hypotheken an Leute, die gar nicht genug Geld hatten, um sie je zurück zu zahlen. Die Bonitätsprüfungen waren lax ... und nun platzt eine dieser Hypotheken nach der anderen. Die Konsequenz: Die Banken müssten die Häuser zwangsversteigern, um wenigstens noch einen Teil des Geldes wieder zu sehen. Was aber nicht viel versprechend ist, siehe oben: Der Markt ist völlig übersättigt. Im Augenblick mutieren viele Banken zu beachtlichen Immobilienbesitzern ... leer stehender Häuser. Totes Kapital mit dem Problem, dass die Chance auf kurzfristige Besserung der Absatzmarktes gleich null ist. Wo sollen plötzlich die Leute herkommen, die diese Häuser kaufen wollen, wenn es sie vorher nicht gab (außer denen ohne ausreichendes Kapital, die nun wieder auf der Straße sitzen)?
Flexible Zinssätze
Aber das ist noch nicht alles. Die Zahl der Hypotheken, die noch bedient werden aber in Kürze platzen dürften, ist hoch. Denn in den USA kam es in Mode, Hypotheken mit kurzfristig anpassbaren Zinssätzen zu vergeben. Keine Zinsbindung von 10 Jahren wie bei uns meist üblich, nein, es waren zwei, drei Jahre ... und nicht selten sogar weniger. Gemäß Bill Bonner steht gerade im Oktober wieder ein Anpassungstermin an, der immens viele Hypothekenschuldner betreffen wird. Denken Sie daran: Bei Hypotheken ohne Anzahlung und geringer Tilgung – und das sind angeblich mehr als ein Drittel in den USA – die dementsprechend sehr lange laufen, ist schon die Anhebung des Zinses um 0,5% eine wahnsinnige Zusatzbelastung. Es ist zu erwarten, dass damit die zweite Welle geplatzter Hypotheken losbricht ... noch mehr leerstehende Häuser für die Banken bedeutet UND den Preisdruck auf die neuen Häuser erhöht.
Womit wir beim Thema Preise sind. Wer ein Haus hat, kann es beleihen. Das wird gerade im Schuldendorado USA gerne genutzt. Nur sinkt die Beleihungsmöglichkeit, wenn der Wert des Hauses sinkt. Und wer dringend an Geld kommen muss, ja ggf. ganz verkaufen müsste, sieht nicht selten, dass er auf einmal weniger für sein Haus bekommen würde, als er vor zwei, drei Jahren bezahlt hat.
Das mag alles nur die Menschen mit noch unbezahlten Häusern und darüber hinaus die betreffen, die mit dem Hausbau spekuliert haben. In erster Linie, ja. In zweiter Linie aber auch Angestellte und Arbeiter von Hausbau-Unternehmen, Hypothekenbanken, Agenturen, Baumärkten etc. Und diese plötzlich finanziell erledigten Menschen scheiden aus dem Kreis derer fast völlig aus, die vorher das einzige Rückgrat der US-Wirtschaft gefüttert hatten: Den Konsum.
Beinahe 70% des Bruttoinlandsprodukts der USA werden durch den Konsum generiert. Man schätzt, dass 5-10% der US-Bürger unmittelbar oder mittelbar durch diese geplatzte Immobilienblase betroffen sind oder in Kürze sein werden. Wenn diese 5-10% ihre Ausgaben für den Konsum auch nur halbieren, hinterlässt das eine Scharte, die das ohnehin eher dünne und nur statistisch stabil wirkende Wachstum auslöschen kann. Erste Folgen erwarte ich für das 3. Quartal (erste Schätzungen Ende Oktober) und vor allem für das 4. Quartal (erste Schätzungen Ende Januar 2008).
Der „Credit Crunch“ – die zweite Flatulenz
Die Probleme für die Banken entstanden aus diesen nicht mehr bedienten Krediten. Diese so genannten „Subprime-Kredite“ fielen doch weit zahlreicher um als gedacht. Dabei ging es nicht alleine um Hypotheken. Man hatte zuviel Geld ... und wollte es unters Volk streuen, um es arbeiten zu lassen. Und die Kreditnehmer nahmen es, obwohl sie es sich nicht leisten konnten, durch die relativ niedrigen Zinsen gelockt. Da die Banken die Bonitäten, verwöhnt durch ihre scheinbar ewig steigenden Gewinne, nicht genau genug prüften, platzten die Kredite wie Kartenhäuser.
Doch das ist nicht das Ende des Finanzsystems. Natürlich können die Banken diese Verluste tragen. Sicher, die Gewinne werden schrumpfen wie eine Pflaume im Ofen ... aber es wird nicht die Finanzwelt insgesamt über den Haufen werfen. Wer das negiert, hat also in meinen Augen durchaus recht. Aber das Problem liegt auch gar nicht dort!
Denken Sie mal an Basel II. Nachdem wir in Europa diese unschönen Erfahrungen mit geplatzten Krediten gemacht haben, wurden die Kreditanforderungen gleich so angezogen, dass man jetzt quasi beweisen muss, dass man das Geld eigentlich nicht nötig hätte, um es zu bekommen. Die Ansätze zu genau diesem Verhalten sehen wir jetzt auch in den USA: Erst bekam jeder alles, nun kann es sein, dass nur noch wenige etwas bekommen.
Und nun sehen Sie sich mal die Entwicklung der Kredite privater US-Haushalte in den letzten Jahren an (Quelle: www.markt-daten.de). Nach starkem Rückgang während der schwierigen Zeit 2001-2003 stabilisierten sich die Kreditschulden. Ende 2005 bis Mitte 2006 zeigten dann die steigenden Leitzinsen Wirkung. Aber obwohl die Zinsen immer noch „oben“ sind, nehmen die neuen Kredite seit über einem Jahr stetig wieder zu.
Und damit gleich zur Entwicklung des US-Konsums, dem Rückgrat der US-Wirtschaft (Quelle: www.markt-daten.de):
Seit eineinhalb Jahren weist der Trend wieder nach unten. Noch liegen wir bei einer Jahresrate zwischen 2-4%. Noch. Aber wenn die Neukreditaufnahme durch die unerfreulichen Erfahrungen der Banken nun erschwert wird, wird vielen Haushalten ein Hahn zugedreht, diese Konsumraten weiter aufrecht zu erhalten.
Abgesehen von denen, die sowieso das Problem haben, mittelbar oder unmittelbar von der Immobilienkrise betroffen zu sein – die kommen noch hinzu. Bleibt als Rettungsanker eine robuster Arbeitsmarkt – das unterstrich auch die US-Notenbank am Dienstag. Denn:
Rettungsanker robuster Arbeitsmarkt
Solange die Löhne steigen, weil der Arbeitsmarkt eng ist und somit gute Kräfte schwer zu bekommen sind, können diese steigenden Löhne zumindest in einem erträglichen Maß diejenigen kompensieren, die wegen oben genannter Problematiken durch den Rost fallen. In dem Moment jedoch, indem sich auch hier Auswirkungen zeigen und so das Angebot an Arbeitnehmern steigt, wären spürbare Lohnsteigerungen nicht mehr durchzusetzen. Und das bei gestiegenen Nahrungsmittel- und Energiekosten (welche die „Lächler“ ignorieren, weil man sie einfach herausrechnet) Genau dann trifft es sofort das Rückgrat der US-Wirtschaft: Den Konsum.
Und angesichts des nur noch leichten Wachstums ist es nicht abwegig davon auszugehen, dass genau dies vor der Tür steht. Wenn sie sich den Chart der neu geschaffenen Stellen der letzten fast 20 Jahre ansehen (Quelle: www.markt-daten.de) erkennen sie, dass der Trend bereits seit einiger Zeit nach unten weist. Es ist kein Wunder, dass die Notenbank darauf hingewiesen hat, dass ein robuster Arbeitsmarkt entscheidend ist. Sie hat aber nicht damit ausgesagt, dass der Arbeitsmarkt in ihren Augen auch robust bleibt!
Und wenngleich die robuste Weltwirtschaft, im Statement vom Dienstag erwähnt, im Moment hilfreich ist: Wenn ein Riesenmarkt und zugleich eine Importnation wie die USA nach unten drehen, ziehen die anderen Staaten sie nicht aus dem Sumpf ... sie werden von diesem absaufenden Riesentanker mit unter Wasser gezogen!
Gefahr am Horizont
Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie sich die USA aus dieser Problematik einfach mal so von alleine befreien sollten. Dazu bedürfte es deutlich sinkender Zinsen um zu verhindern, dass noch mehr Haushalte in die Schuldenfalle laufen. Aber dazu sind die Preissteigerungen durch Nahrungsmittel und Energie zu hoch – die USA würden in eine starke Inflation laufen. Mag sein, dass es die Notenbank dennoch riskiert. Aber auch dann wird es eng werden.
Natürlich wird es Wochen und Monate dauern, bis die Daten auf dem Tisch liegen, die meine Vermutungen möglicherweise dann bestätigen. Die Arbeitsmarktdaten für August sind fern, die nächsten Quartalsbilanzen erst recht. Aber dann wird das Entsetzen gigantisch sein, denn im Augenblick sind ja wie gesagt fast alle wieder bereit, den lächelnd vorgetragen „alles wird gut, alles ist bestens“-Sprüchen zu glauben.
Und das, obwohl es vorher auch hieß, die Immobilienkrise hat keinerlei Auswirkung auf andere Wirtschaftsbereiche und die Probleme der Subprime-Kredite seinen nur auf diesen Bereich begrenzt und ein Pappenstiel. Beides hat sich als schlicht falsch erwiesen. Und doch wird nun wieder geglaubt: Mit dem was wir jetzt wissen, sei aber alles auf dem Tisch. Die Leute wollen das glauben ... also glauben sie es.
Aber rational betrachtet, wissend, dass ein Glied in einer Kette alle anderen schon immer beeinflusst hat, ist das Blödsinn. Der Zeitpunkt und das Ausmaß der weitergehenden Auswirkungen ist offen. Und es mag sein, dass die Börsen bis dahin sonst wohin steigen, vor lauter Glück, dass alles bestens in Ordnung ist. Immerhin notiert der Dow Jones während ich dies schreibe schon wieder nur drei Prozent von seinem Allzeithoch entfernt. Aber es wird, so dieser Wille, an die trügerische Sicherheit zu glauben, wirklich nachhaltig um sich greift, sehr böse enden.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer



