Im "Westen" nichts Neues?
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 17. Dezember 2008, 16:00 Uhr
ENL5462
Liebe Leser,
auch wenn der Titel meiner heutigen Ausgabe wohl eher an einen bekannten Roman erinnert, so muss ich doch gestehen, dass mir dieser Gedanke gestern Abend kam, als ich sah, wie die FED wieder einmal ihren Zinssatz massiv senkte. In der Tat sieht man in der westlichen Welt so gut wie nichts Neues zur Bekämpfung der Krise. In Berlin gibt man sich anscheinend nicht einmal Mühe, dies zu kaschieren und kopiert sogar völlig gedanken- und ideenlos amerikanische Ideen. Und passend zur "Inthronisierung" des wohl von vielen Menschen als neuen "Messias" gesehenen, angehenden US Präsidenten (kaum etwas könnte unpassender sein, wenn man sich einmal den Hintergrund von Herrn Obama näher ansieht...) soll die Sache dann auch ins Rollen kommen (siehe: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,596747,00.html). Welch wunderbare Huldigung! Ich bin geradezu entzückt! Yes, we can, too! Bloß keine eigenen Ideen versuchen, wenn der "Weltretter" doch so nahe ist! Ob hier einigen Personen in Berlin der zu hohe TV Konsum während US Wahlkampfzeiten zu Kopf gestiegen ist und das letzte Stückchen wirtschaftlichen Sachverstand (sofern vorhanden) zerstört hat?
Sie mögen mir meinen Sarkasmus verzeihen, aber gerade in wirklich kritischen Zeiten wie aktuell empfinde ich es als besonders ernüchternd und enttäuschend zu sehen, welche Art von "Lösungsvorschlägen" hier präsentiert werden. Am Endresultat dieser Krise wird sich durch solche Schritte nichts ändern, wenn nur an Randsymptomen aktionistisch herumgespielt wird, anstatt die eigentlichen Probleme (Massive Fehler im weltweiten Geld- und Wirtschaftssystem) anzugehen.
Sehen wir doch nochmals über den Atlantik. Mit der Senkung der Leitzinsen auf dieses tiefe Niveau hat sich, erwartungsgemäß, nichts bei den Banken verbessert (http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&sid=a7uPF5OIMwY8&refer=home). Wie denn auch? Letztlich ist es der zuständige Sachbearbeiter bei der Bank, welcher einen Kredit genehmigt oder eben nicht. Nicht die FED. Viel mehr ist es wohl das Ziel, statt einer Deflation ein stark inflationäres Szenario zu erzeugen, da dies angeblich weniger schlimm und besser zu "managen" sei (ich hoffe sehr, damit ist nicht "Management" von der Qualität des aktuellen "Krisenmanagements" der weltweiten Politik gemeint...). Es überrascht daher auch nicht, wenn sogar ehemalige, führende FED-Angehörige wie William Poole auf die starken Inflationsrisiken (was noch recht verharmlost formuliert ist) des aktuellen FED Kurses hinweisen.
Alles, was aktuell geschieht ist, dass die Märkte massivst mit Geld überschüttet werden. Ich bin wirklich kein notorischer Schwarzmaler, aber gerade der US Dollar ist in meinen Augen dabei, sehr stark an Wert zu verlieren. Dies wird nicht von heute auf morgen oder in den nächsten Wochen geschehen, aber der Kurs ist ziemlich klar zu erkennen. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass erste Topinvestoren, welche einen sehr guten globalen Weitblick haben, sich völlig aus dem Dollar zurückziehen oder dies bereits getan haben. Investmentlegende Jim Rogers etwa verkündete gestern auf Bloomberg, dass er nun auch "seinen allerletzten Dollar" verkaufen werde und sich völlig aus dieser "völlig fehlerbehafteten" und "evtl. sogar dem Untergang geweihten Währung" zurückziehen werde.
Und die Derivate-"Front"?
Kommen wir zur "Derivate-Front": Sie alle haben sicher vom Madoff-Skandal gelesen, so dass ich diesen hier nicht nochmals kommentieren muss. Was sind allerdings die Auswirkungen auf die Märkte? Ich war wirklich entsetzt zu lesen, dass einige Markt-Kommentatoren sich hier tatsächlich hinstellten und völlig geistlos vor sich hin schwadronierten, dies sei alles kein wirkliches Problem. Mathematisch, d.h. aus Sicht eines Asset-Allocation Modells, mag das ja teilweise zutreffen, aber wo ist hier die Psychologie, d.h. die Vertrauenskomponente geblieben? Gerade in Zeiten, in denen das sog. Counter-Party Risk (also das Risiko, dass die Partei "gegenüber" bei Derivategeschäften plötzlich pleite gehen könnte und die Derivate "platzen") ein kritischer Faktor ist, wirken solche Skandale geradezu wie Brandbeschleuniger im Hintergrund. Madoff war jahrelang sehr gut angesehen und wohl kaum ein Anleger hätte sich solch einen Vorfall vorstellen können. Solche "Knaller" führen sicher nicht zu erhöhter Risikobereitschaft bzw. erhöhtem Vertrauen untereinander. Aber gerade dies wäre doch z.B. im Interbankenhandel nötig!
Auch hatte ich bereits in vergangenen Ausgaben immer wieder die Frage gestellt, wer dem amerikanischen Staat in Zukunft noch seine Staatsanleihen abkaufen solle (außer der FED selbst)? Nach dem neusten Angriff durch die FED auf den US Dollar sieht an dieser Front die Lage sicherlich nicht besser aus, um es einmal vorsichtig zu formulieren...
Es liegt mir fern, in irgendeiner Weise die Kriegsschrecken des zweiten Weltkriegs zu verharmlosen. Dennoch dürften uns aber auf dem wirtschaftlichen Schlachtfeld auch noch einige historische Schrecken erwarten in den nächsten Monaten. Gold und Silber kann man zwar nicht essen, aber ich hoffe, Sie haben die Chance der letzten Wochen genutzt und sich, sofern noch nicht vorhanden, mit einem Teil Ihres Kapitals etwas Edelmetall beschafft. Es deutet aus meiner Sicht vieles darauf hin, dass Sie es in den nächsten Monaten, vielleicht auch erst Jahren, gut brauchen könnten, denn egal, wie die Sache ausgeht: Sie sollten niemals vergessen, dass unser Geld lediglich ein bedruckter Fetzen Papier ist, der eine (im Zweifelsfall wertlose) Zahlungsverpflichtung darstellt, und durch Zentralbanken beliebig vermehrt werden kann. Damit kann man Sie leicht enteignen, wenn man möchte, oder keinen anderen "Ausweg" aus Problemen sieht...
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