Im tiefen Tal ...
Martin Weiss in Investors Daily
vom 18. Oktober 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Im tiefen Tal ...
Die letzte Woche verlief ungemütlich an den Aktienmärkten. Die deutschen Aktien gaben bisweilen kräftig nach, der Leitindex verlor im Wochenvergleich gut 2,5 Prozent. Ja, am Freitag ging der Dax erneut unter der 200-Tage-Linie aus dem Handel. Gewiss, die 3900-Punkte-Marke konnte im Verlauf des Freitags verteidigt werden. Aber viele Bullen sind scheinbar auf dem falschen Fuß erwischt worden. Apropos Bullen, diese werden immer mehr. In jüngsten Erhebungen sind mittlerweile gut 60 Prozent optimistisch für den Dax gestimmt. Im Bärenlager befinden sich nicht einmal mehr 20 Prozent.
Dies ist angesichts der fundamentalen Rahmendaten schon ein wenig verwunderlich. An allen Fronten reißen die Hiobsbotschaften nicht ab. Im Gegenteil, die realwirtschaftliche Lage spitzt sich zu.
Die angekündigten Stellenverluste bei deutschen Traditionsunternehmen wie Opel bzw. Karstadt zeigen sehr deutlich den Ernst der Lage auf. Zwar sprechen die Autoritäten immer noch von "Aufschwung", jedoch scheint dieser in der Lebensrealität vieler Menschen weiter denn je entfernt zu sein. Fakt ist, dass der deutsche Arbeitsmarkt weiterhin vor enormen Herausforderungen steht, die wahrlich nur schwer zu meistern sind. Momentan stemmen noch 26,3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte immer größer werdenden Belastungen. Wie lang dies noch im Zuge global gnadenlos scharfer Wettbewerbsbedingungen möglich sein wird, ist fraglich.
Fakt ist, dass die deutsche Binnennachfrage sehr schwach ist. Oder, um es vielleicht "ehrlicher" zu formulieren, in einem Teufelskreis steckt. Es sind starke Zweifel angebracht, ob das einstige Wirtschaftswunderland noch einmal aus diesem Teufelskreis herauskommt. Denn angesichts einer sehr, sehr tiefen Verunsicherung bzw. Vertrauenskrise dürften Konsumzuwächse ausbleiben.
Abgesehen davon, dass ein Mehr an Konsum für viele Verbraucher schlichtweg unmöglich ist. Zum einen sinken die Real-Einkommen, zum anderen steigen die fixen-überlebensnotwendigen Kosten (siehe Heizkosten etc) im Zuge der MEGA-Hausse bei den Rohstoffen (Öl, Gas etc) stetig an. Insofern dürfte sich die schwierige Situation bei der deutschen Binnennachfrage eher verschärfen. Was wiederum gleichzeitig die Abwärtsspirale verstärkt. Dass diese Konstellation ebenfalls sehr negativ für die Einnahmesituation des Staates bzw. der Sozialversicherungen ist, liegt auf der Hand. Auf die Folgen für die Unternehmensgewinne bei Gesellschaften, die vorrangig vom deutschen Binnenkonsum abhängig sind, sei nur am Rande hingewiesen.
Kein Wunder insofern, dass die Rentenmärkte sich noch äußerst robust zeigen. Verwunderlich ist es aber schon, dass momentan nur ganz wenige Marktteilnehmer auch die Frage stellen, ob die Anleihenschuldner vor dem Hintergrund dieser Ausgangslage jemals in der Lage sein werden, die Schulden ohne große Währungsabwertung (-reform) zurückzuzahlen. Aber, wie gesagt, noch steht dies nicht auf der Agenda. Noch!
Wie auch immer, in den vergangenen Tagen ging der Goldpreis – bewertet in Euro – ein wenig zurück. Am Freitag kostete eine Unze des gelben Edelmetalls gut 335 Euro. Noch gelingt es nicht, auch nur annähernd in die extrem wichtige Zone um die 350 Euro je Feinunze vorzudringen. Aber, dies ist nur eine Frage der Zeit. Denn, immer mehr Menschen werden "aufwachen" und letztlich ihr Papiergeld umtauschen ...