Im Land der kostenlosen Mittagessen
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 23. September 2008, 07:30 Uhr
ENL5454
Im letzten Beitrag wusste ich nicht, womit ich anfangen soll; ich hatte die Qual der Wahl. Am Mittwoch hatte ich überhaupt keine Wahl.
Der Versicherungsriese AIG erhält einen 85-Milliarden-Dollar-Kredit von der amerikanischen Zentralbank", lautete die Überschrift der Titelstory.
Ach ja, liebe Leser... Das Land des freien Marktes und der freien Bürger wurde zu einem Land des kostenlosen Mittagessens. Die Händler an der Wall Street verdienen mit ihren Prämien Milliarden - solange die Sonne scheint. Und sobald es anfängt zu regnen, werden die Verluste an die Öffentlichkeit weitergereicht.
Was ist das nur für ein Kapitalismus?
Ach ja, jetzt werden Sie sagen... AIG ist zu groß für einen Konkurs"... und dass wenn sie Konkurs machen, es die gesamte Finanzstruktur mit sich reißen könnte.
Damit könnten Sie sogar richtig liegen. AIG ist einer der ganz großen Spieler in der Welt der Finanzen... und insbesondere ein großer Spieler am Markt der Credit Default Swaps... der ungefähr 60 Billionen Dollar umfassen soll. Niemand weiß es genau - der CDS-Markt ist nicht reguliert und wird nicht überwacht. Und niemand weiß, was passieren wird, wenn er über den Jordan geht. Aber das will wohl auch niemand herausfinden.
Es ist auch schon lange her, dass Andrew Mellon in den späten zwanziger Jahren Finanzminister in Amerika war. Als die Wall Street 1929 zusammenbrach, hatte Mellon die richtige Lösung: Lasst es passieren.
Liquidiert die Banken, liquidiert die Farmer, liquidiert die Wall Street..." Mellon war bereit, die Spielsteine so fallen zu lassen, wie sie wollten.
Aber achtzig Jahre später werden die Spielsteine festgehalten... abgepolstert... und von den öffentlichen Netzen gehalten, indem man so tut, als würde man im Namen der Öffentlichkeit arbeiten. Ob das nun gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Aber es ist sicherlich anders. Und es ruft mir in Erinnerung, dass ich auch bei einigen anderen Dingen immer schon richtig gelegen habe.
Vor zehn Jahren fing ich an, eine bestimmte Parallele zwischen den Vereinigten Staaten und Japan zu erkennen. Letztere befanden ich in einer schrecklichen Konjunkturflaute... und die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler dachten, sie wüssten warum: Die Japaner hatten es abgelehnt, ihre großen Banken fallen zu lassen. Stattdessen wurden sie gestützt... und das führte dazu, dass die Korrektur in Zeitlupe durchgeführt wurde. Selbst heute noch - 18 Jahre nachdem der Nikkei Dow zusammengebrochen ist - hat sich Japan immer noch nicht erholt. Man kann die Aktien immer noch für 50-80% weniger kaufen.
Und ich habe immer schon gedacht, dass ich die Zeichen der Zeit sehe (und dann waren es auch noch japanische Zeichen! Ich konnte sie nicht wirklich lesen, aber ich dachte, ich wüsste, was sie uns sagen wollen: Das soll auch euer Schicksal sein.)
Und hier stehen wir nun. Anstatt die Korrektur ihren natürlichen Verlauf nehmen zu lassen - und sie hinter uns zu bringen - tun die Regierungsvertreter alles Menschenmögliche, sie zu verhindern. Das Risiko eines systemischen Scheiterns ist zu groß, sagen sie.
Sie müssen diese Wörter direkt von den Japanern gestohlen haben. Das haben sie auch immer gesagt. Und so haben sich die Japaner zusammengehockt und ihre Erholung so lange ausgedehnt, dass die Leute es insgesamt aufgegeben haben.
Was wird die Folge dieser großen Rettungsaktion von AIG sein? Ich muss nicht lange raten. Ich muss einfach nur über den breiten Pazifik blicken - nach Japan.
Wenn das japanische Modell das ist, was ich glaube, dann wird die Finanzhilfe - zusammen mit all den anderen Stützen und Polstern, die von den Regierungsvertretern zur Verfügung gestellt werden - das Unvermeidliche einfach nur noch länger hinauszögern. Die Aktien werden fallen. Die kleineren Unternehmen werden Pleite machen. Die Immobilienpreise werden sinken. Die Verbraucher werden aufhören, so viel auszugeben und sie werden sparen.
Das erwarte ich auch für die Vereinigten Staaten. Aber hier kommt noch eine großer Haken in der Geschichte: Die Vereinigten Staaten können sich keinen Konjunktureinbruch wie in Japan leisten...