Ignorierte die Bundesregierung wichtige Warnungen vor der Krise?
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 28. August 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
aus besonderem Anlass verschiebe ich den freitags üblichen "Frage & Antwort"-Teil auf Montag (zusätzlicher Artikel, nach der regulären Marktbetrachtung).
Stattdessen zeige ich Ihnen heute, wie unsere Regierung wohl bereits im April 2007 wusste, dass es die Märkte bald zerreißen wird und wir ein gewaltiges Problem haben, dies offensichtlich aber völlig interessen- und teilnahmslos ignorierte.
April 2007: G-7 Treffen in Washington
Am 13.04.2007 berichtete der Spiel in seiner Online-Ausgabe:
Vertreter der Finanzministerien und Notenbanken der sieben größten Industrieländer sind in Washington zu Beratungen zusammengetroffen. Im Zentrum der Diskussion stehen Hedge-Fonds und die Reform des Internationalen Währungsfonds.
Den rotierenden Vorsitz dieser Runde hatte Deutschland inne. Als deutsche Vertreter nahmen an dem Gipfel in Washington laut Medienberichten Finanzstaatssekretär Thomas Mirow und Bundesbankpräsident Axel Weber teil.
Was zu der Zeit jedoch nicht an die Öffentlichkeit gelangte ist, dass die dort anwesenden Vertreter in einem 60-minütigen Vortrag von hochkarätigen Hedgefonds-Experten bereits damals, also im April 2007, informiert wurden, wie die giftigen und radioaktiven Subprime-Papiere viele Banken der Welt infiziert hatten und das globale Finanzsystem bedrohen.
Jim Chanos, einer der welterfolgreichsten Hedgefondsmanager mit Schwerpunkt Short-Selling, der seinen bekannten Namen u.a. durch die Vorhersage des Enron-Kollaps machte, und einer der Experten, welche die besagte Präsentation hielten, äußerte sich kürzlich in einer sehr interessanten BBC-Radio-Doku, die über BBC Radio 4 ausgestrahlt wurde ("Peston and the Money Men", Teil 2/4) wie folgt (online noch 3 Tage nachhörbar im Original auf der BBC Website, Zitatstelle ab ca. 12:40 Minuten):
It was the April 07 G7 Finance ministers meeting in Washington. It was a rotating chair and the Germans were chairing the meetings. And if you recall the Germans at that time were quite concerned about hedge funds and private equity as being a future source of problems in the market place. And Bob Steel, who was the Under-Secretary to the Treasury of the US, who was fighting these German efforts at the time, felt that it would be helpful if two hedge fund managers came down and address the finance ministers and central bankers on the last day. So I was invited along with Paul Singer, who has gone public now, he was the other manager.
And Paul got up and proceeded to give a tour de force presentation on the coming crack-up in structured finance, how all these structures were all very unstable and triple A was not going to be triple A...
[Grobe Übersetzung: Es war das G7-Finanzministertreffen im April 2007. Der Vorsitz wechselte damals rotierend und die Deutschen hatten diesmal die Leitung des Treffens inne. Und wenn Sie sich an die Zeit damals erinnern, so waren die Deutschen ziemlich über Hedgefonds und Private Equity als Quellen zukünftiger Probleme für den Markt besorgt. Und Bob Steel, welcher Staatssekretär des US-Finanzministeriums war und gegen die damaligen Bemühungen der Deutschen kämpfte, dachte sich, es könnte ganz hilfreich sein, wenn zwei Hedgefondsmanager eingeladen und die versammelten Finanzminister und Zentralbanker am letzten Tag direkt ansprechen würden. Somit wurden ich und Paul Singer, welcher der andere Manager war und inzwischen an die Öffentlichkeit gegangen ist, eingeladen. Und Paul stand auf und gab eine Meisterleistung von Präsentation über den kommenden Zusammenbruch im Bereich der strukturierten Finanzprodukte, wie all diese Strukturen alle sehr instabil seien und dass die AAA-Ratings in Zukunft nicht mehr AAA sein würden.]
Rufen wir uns dies, bevor wir die Sache weiter betrachten, doch nochmals kurz in Erinnerung: Dieses Meeting war ca. fünf Monate bevor die britische Northern Rock Bank durch einen Bank-Run in die Knie gezwungen wurde und über ein Jahr bevor es Lehman Brothers zerriss, sowie zwei Monate vor dem Hedgefonds-Debakel bei Bear Stearns
Wie u.a. der London Evening Standard berichtet, meldete sich die Großbank HSBC bereits im Januar 2007 mit warnenden Worten:
Chanos and Singer pointed out that HSBC had announced that January that its US sub-prime loans were going bad at 'an alarming rate'.
[Übersetzung: Chanos und Singer wiesen darauf hin, dass HSBC im Januar angekündigt hatte, dass ihre US-Subprime Kredite mit einer "alarmierenden Geschwindigkeit" faul wurden.]
Sehen wir uns den weiteren Verlauf des Gesprächs an. Chanos berichtet:
So there were some canaries in the coal mine by April 07 and Paul pointed them out. I then segued into my presentation which told the assembled regulators that in fact if Mr Singer was correct and I believed he was, that the problem would not be hedge funds it would be the regulated banks and brokers who were leveraged 30-1, many of which held glowing, toxic radioactive pieces of securitisation which they could never sell. The German finance minister [d.h. die dt. Vertreter in diesem Fall, s.u. für mehr, Anm. d. Ü.] who was chairing the meeting thanked me politely and then thanked Paul and said 'so what do you think about Hedge Funds?'
[Übersetzung: Es gab bereits im April 2007 Warnzeichen und Paul zeigte sie auf. Ich ging dann zu meiner Präsentation über, welche den versammelten Vertretern und Angehörigen der Regulierungsbehörden darlegte, dass - wenn Herr Singer richtig läge, und ich glaubte, dass dies der Fall sei - das Problem nicht die Hedgefonds sein würden, sondern die regulierten Banken und Broker, die mit einem 30:1 Verhältnis gehebelt waren und von denen viele glühende, giftige, radioaktive Papiere hielten, die sie niemals verkaufen könnten. Der deutsche Finanzminister [d.h. die dt. Vertreter in diesem Fall, s.u. für mehr, Amn. d. Ü.], welcher das Treffen leitete, dankte mir höflich und dankte dann Paul und sagte daraufhin: "Also, was denken Sie über Hedgefonds?"]
Obwohl also die anwesenden Vertreter eine derart deutliche Warnung erhielten, war die einzige Frage sinngemäß "Ja ja, nettes Geschwätz von euch, aber wie schaut's mit der Regulierung von euren ganz bösen Hedgefonds aus?"
Es kommt allerdings noch besser...
Wir können hier praktisch sagen, dass die eindringlichen Warnungen der Experten sogar "offiziell" ignoriert wurden, denn ein Blick in das im Anschluss an das G-7 Treffen veröffentlichte Kommuniqué offenbart, dass weder die Präsentation erwähnte wurde, noch in irgendeiner Weise auf die Warnungen eingegangen wurde. Stattdessen veröffentlichte man u.a. folgendes:
Washington, DC- We, Finance Ministers and Central Bank Governors, met today to evaluate the global economic outlook. Although risks remain, the global economy is having its strongest sustained expansion in more than 30 years and is becoming more balanced. In our economies, U.S. economic activity remains solid even as domestic demand moderates to a more sustainable growth path. The euro-area is experiencing a healthy upswing. UK growth remains robust and Canadian growth is accelerating. Japan's recovery is on track and expected to continue. We remain confident that the implications of these developments will be recognized by market participants and will be incorporated in their assessments of risks.
[Grobe Übersetzung: Washington, DC - Wir, die Finanzminister und Gouverneure der Zentralbanken, trafen uns heute, um den globalen wirtschaftlichen Ausblick auszuwerten. Obwohl Risiken bestehen bleiben, hat die Weltwirtschaft ihre stärkste, nachhaltige Expansionsphase seit mehr als dreißig Jahren und wird immer ausbalancierter. In unserer Hemisphäre bleibt die US-Wirtschaftsaktivität weiterhin solide, selbst während die Inlandsnachfrage sich etwas zu einem nachhaltigeren Wachstumspfad abschwächt. Die Eurozone erlebt einen gesunden Aufschwung. Das Wachstum im Vereinten Königreich bleibt robust und das kanadische Wachstum beschleunigt sich. Japans wirtschaftliche Erholung verläuft nach Plan und wir erwarten, dass diese weiterlaufen wird. Wir verbleiben zuversichtlich, dass die Implikationen dieser Entwicklungen von den Marktteilnehmern erkannt und in ihrer Beurteilung von Risiken reflektiert werden.]
Lesen Sie ruhig das ganze Kommuniqué. Sie werden feststellen, dass das Risiko bzw. das Thema "drohender Kollaps" hier nicht einmal im Ansatz auftaucht. Stattdessen ist sinngemäß "alles gut"...
Ein klareres Beispiel, wie offensichtlich verpennt und völlig selbstgefällig die zuständigen Aufsichtsbehörden hier agierten, dürfte wohl schwer zu finden sein.
Chanos zieht daher auch ein sehr ernüchterndes Fazit:
"We were completely and officially ignored."
[Übersetzung: Wir wurden vollständig und offiziell ignoriert.]
Chanos hatte sogar einzelne Banken genannt, die mit dem Rücken an der Wand standen, doch es interessierte die zuständigen Aufsichtsbehörden und Politiker offenbar in keiner Weise, wie u.a. hier nachlesbar ist:
Chanos added that he had even named individual banks that were at risk.
“At that meeting I even disclosed that the entities I’m now putting up on the wall are leveraged 30 to one - you should worry about virtually all of them and you should be concerned, but I am betting with my clients’ money that there’s going to be a big problem here. So there was no doubt as to where I stood on the situation.”
[Grobe Übersetzung: Chanos fügte hinzu, dass er sogar einzelne Banken benannt hatte, die gefährdet waren. "Bei diesem Treffen legte ich sogar offen, dass die Gesellschaften, die ich an die sprichwörtliche Wand nagelte, mit 30:1 gehebelt sind - man solle über alle von ihnen sich Gedanken machen und man sollte besorgt hierüber sein. Aber ich sagte auch, dass ich mit dem Geld meiner Kunden darauf setzte, dass es hier ein gewaltiges Problem geben würde. Somit gab es absolut keinen Zweifel, wie ich diese Situation einschätzte.]
Besonders interessant: Wo war eigentlich Bundesfinanzminister Steinbrück bei diesem wichtigen Treffen, bei dem ja Deutschland sogar den Vorsitz hatte? Gemäß den Informationen des Spiegels vom 13.04.2007 (Titel "Gipfel ohne Steinbrück"), überließ trotz deutschem Vorsitz der Finanzminister seinem Staatssekretär das Feld, denn es gab für ihn wichtigeres zu tun. Steinbrück wird vom Spiegel mit den folgenden Worten zitiert:
"Als Vater von drei Kindern scheint es mir eine gute Idee, Zeit mit der Familie zu verbringen."
Gute Idee. Am besten immer schön auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Wen interessiert schon eine weltweit anstehende Krise? Also ab geht's in den Urlaub...
Wohin die Reise ging? Dies zu beantworten schien ein schwierigeres, hoch-investigatives Unterfangen für den deutschen Qualitätsjournalismus gewesen zu sein: Der Spiegel schrieb im o.g. Online-Artikel, es ginge nach Namibia, das Hamburger Abendblatt hingegen "Steinbrück bleibt am Strand [...] Er macht Urlaub an der Ostsee"
So viel übrigens zur inhaltlichen Qualität und hochaufwendingen Recherche-Arbeit manch eines deutschen Massenmediums...(Erinnert sich eigentlich noch jemand an den "Wikipedia-Vorfall" hinsichtlich des Namens des dt. Wirtschaftsministers?)
"Niemand konnte diese Krise voraussehen..."
Kennen Sie das Geschwätz von damals noch? Na klar, niemand konnte diese Krise vorhersehen. Was auch sonst...
Die Gier der bösen Banker sei es alleine gewesen, was zur Krise führte, und man hätte nichts machen können. Vielleicht erinnert sich an dieser Stelle noch jemand daran, wie ich damals die Neujahrsansprache der Kanzlerin hier bei Investoren Wissen ziemlich erbost (und zugegebenerweise etwas zu wütend) kommentierte und schrieb, dass hier nicht die Wahrheit gesagt wird? Wie man mich damals per Leserbrief-Bombardement in der Luft förmlich in Kleinteile zerstückelte... Was mir einfallen würde, so etwas zu sagen, zu behaupten, hier würde hinterlistige Propaganda gemacht? Die "Tatsachen" sähen doch ganz anders aus! Ob ich denn noch bei Sinnen sei? Sogar mit dem Staatsanwalt drohten mir vereinzelte Leser, die "ihre" Regierung zu Unrecht durch mich angegriffen sahen und mir gar das "vor Hass triefende Mundwerk" (und somit die Meinungsfreiheit) "ein für alle Mal" verbieten wollten und meinten, die "hart arbeitenden" Politiker, die ja nur "das Beste für Deutschland" in dieser Krise wollten und hinter denen "wir nun gemeinsam stehen müssen", gegen meine "bösartigen und gar goebbelsartigen Verhetzungen" verteidigen zu müssen. Und, was sagt eigentlich der betreffende Verbal-Schlägertrupp jetzt? Das hätte ich doch damals gar nicht wissen können?
Unsinn.
Fakt ist: Das Thema Finanzkrise war sogar schon 2003 unter der Regierung Schröder aktuell. Sie lesen richtig. Seit 2003.
Als ich im Januar die Neujahrsansprache der Kanzlerin wütend verbal zerriss, war dies natürlich noch nicht in den Massenmedien präsent, sondern meine Informationen stammten aus anderen, jedoch als begründet verlässlich erachteten Quellen. Inzwischen aber lässt sich dies sogar relativ ausführlich etwa bei der Financial Times Deutschland nachlesen (etwa im Artikel "Die deutsche Lehman-Lüge"). Wer es nicht glaubt, kann sich dies ja gerne einmal per Suchmaschine seiner Wahl ansehen.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich nehme niemandem von Ihnen die damals teilweise sehr über das Ziel hinausschießenden Zuschriften übel (das betrifft ja auch nur einen kleinen Teil von Ihnen), denn mein damaliger Artikel war sicherlich auch nicht das "Gelbe vom Ei", was den Stil angeht - um es vorsichtig zu formulieren. Außerdem bin ich sicherlich kein nachtragender Mensch.
Vielleicht fängt ja aber der ein oder andere Leser nach dem heutigen Artikel einmal an, die Äußerungen, die aus öffentlicher Quelle bzw. aus der Politik kommen, wirklich etwas kritischer zu hinterfragen und nicht sämtliche Punkte, die nicht ins eigene Bild passen, sofort als Unsinn und "Verschwörungstheorie" abzustempeln, ganz nach dem Prinzip "Vater Staat sagt ja prinzipiell nur die Wahrheit." und es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Zu sagen, an dieser Krise in der jetzigen Form seien allein "die Banker" schuld, ist schlichtweg Propaganda, mit der sich die Politik aus ihrer Verantwortung zu stehlen versucht. Das heißt nicht, dass die Finanzindustrie keine Leichen im Keller hat (im Gegenteil), aber wie sich die Berichtslage darstellt, hat die Politik hier mindestens genauso ihre schmutzige Wäsche und ihren Anteil an Schuld im Spiel. Egal, ob nun unter Merkel oder Schröder als Kanzler. Diese Krise hier entstand durch ein jahrelanges "Joint Venture" mehrerer beteiligter Gruppen, die Gier, Nachlässigkeit, Selbstherrlichkeit und Inkompetenz gemeinsam an einen Tisch brachten. Das Wohl der Allgemeinheit interessierte hierbei wohl keinen der Beteiligten (Und genau aus solchen Gründen kritisiere ich immer wieder die zu innige Verflechtung von diversen Lobbygruppen und Politik, denn sie ist schlichtweg gefährlich).
Ausbaden dürfen dies nun die weltweiten Bevölkerungen, während die Mitverantwortlichen in der Politik sich völlig skrupellos als große Macher und Retter in Szene setzen und auf Großplakaten posierend neben inhaltsleeren Verbalhülsen um ihre Wiederwahl buhlen.
Schöne Welt. Zumindest noch bis zur Wahl. Danach werden die Karten neu gemischt.
Ich fürchte allerdings, dass auch bei der anstehenden Wahl wieder das "Gewohnheitskreuz" durch die Massen gemacht wird, nur um sich dann später wieder beim Bier über die neuen Maßnahmen und Einschnitte wie steigende Mehrwertsteuern zu beschweren. Jedes Volk erhält eben die Regierung, die es verdient.
Wie schön wäre es dennoch, wenn ich mit dieser Prognose falsch läge...
Beste Grüße und ein angenehmes Wochenende
Alexander Hahn
P.S.:
Ob man diesen Vorfall je politisch aufrollen bzw. untersuchen wird, in wie weit die Bundesregierung auf diese Warnungen tatsächlich reagierte und in wie weit hier durch eigene Ignoranz versagt wurde? Wäre das nicht ein gefundenes Fressen für die Opposition, gerade im Wahlkampf? Wie Sie durch meine hier angeführten Belege sehen und hören können (vgl. Chanos-Interview), liegen die Fakten offen. Nur scheint leider mal wieder kaum jemand aus den Massenmedien seine Arbeit vernünftig zu machen und hierüber entsprechend zu berichten (wie Sie sehen, sind einige "Journalisten" ja bereits bei der Angabe eines Urlaubsorts des Finanzministers überfordert) . Also bleibt es offensichtlich wieder einmal an Privatleuten, Newsletterschreibern und Bloggern hängen, die Arbeit zu machen, die eigentlich von der sog. "vierten Gewalt", also den deutschen Massenmedien, konsequent durchgeführt werden sollte.