Ich bevorzuge Nachrufe
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 28. November 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Ich komme auf das letzte Woche von mir angerissene Thema zurück. Diejenigen unter Ihnen, die mein Buch "Daily Reckoning" (deutsche Ausgabe "Tage der Abrechnung", übersetzt von Michael Vaupel) gelesen haben, werden das Thema dieses Beitrags sofort erkennen. Auch wenn Sie ein paar meiner Artikel im Investor's Daily gelesen haben, wissen Sie, dass diese Artikel eine morbide Faszination für den Tod haben könnten. Ich lese Nachrufe so, wie andere Leute die Sportseiten lesen – zur Information und zur Erheiterung, für die destillierte Weisheit von Heiligen und Sündern.
Das Problem mit den Nachrichten ist, dass es schwer ist, zu wissen, was wirklich passiert ... und fast unmöglich, zu wissen, was wichtig ist ... wenn man sich nur auf das Urteil von anderen lebenden Leuten verlassen kann. Die Lebenden können sich keine größeren Probleme vorstellen, als die, mit denen sie im Hier und Jetzt konfrontiert werden ... und keine größeren Möglichkeiten, als die genau vor ihnen. Ich bevorzuge da die Nachrufe.
Nehmen Sie die Investments als Beispiel. Wenn Sie heute eine Aktie kaufen, ist Ihre Annahme die, dass Sie diese Aktie morgen nicht billiger kaufen können. Wenn man aber ein paar tote Männer ausgraben würde und unter ihnen eine Umfrage abhalten würde, dann würde man herausfinden, dass die Chancen ziemlich gut sind, dass Aktien mit einem KGV von 20 in der Zukunft deutlich billiger sein werden. Wenn man die Geister der Investoren, die in den 1920ern Aktien gekauft haben, fragen würde – dann würden sie sagen, sie hätten lieber bis zu den 1930ern gewartet, um Aktien zu kaufen. Oder wenn man die Leute fragen würde, die in den späten 1960ern Aktien gekauft haben ... dann würden sie sagen, sie hätten lieber bis in die späten 1970er gewartet.
Aber wenn man die Leute heute fragt – wo die Aktien wieder ein durchschnittliches KGV von über 20 haben – wie viele würden da warten wollen? Nicht viele.
Die Fondsmanager haben ihre Cashbestände auf das niedrigste Niveau seit Jahren zurückgefahren. Und auch die individuellen Investoren und Konsumenten scheinen nicht warten zu können. Wie viele sparen schon darauf, damit sie sich im nächsten Jahr ein Auto kaufen können ... oder eine Aktie in zehn Jahren? Wie viele sparen wirklich – oder vergraben Gold im Hintergarten –, so dass ihre Kinder und Enkel dieses Geld für bessere Investments einsetzen können? Nicht viele.
Ich habe letzte Woche ein Interview mit Sir John Templeton gelesen. Dieser großartige alte Mann sagte, dass er denkt, dass die amerikanischen Aktien zu teuer sind, und dass die USA ein zu hohes Haushalts- und ein zu hohes Handelsbilanzdefizit haben. Er sagt, dass er mit einem langen Bärenmarkt bei den Aktien und einem ernsten Rückgang der Wirtschaft rechnet. Implizit riet er, Bargeld zu halten.
Die Person, die den Artikel geschrieben hatte, fragte dann lokale Analysten und Broker, was sie von der Meinung von Sir Templeton halten. Einer stellte dessen Kompetenz in Frage und sagte, dass Templeton wegen seines fortgeschrittenen Alters (Templeton ist 92) den Kontakt mit aktuellen Denkweisen verloren haben könnte.
Templeton ist noch nicht tot, und bereits jetzt werden seine Ansichten verworfen.
Ich nehme eine der Mehrheit entgegen gesetzte Meinung ein. Ich mag alte Dinge. Alte Gebäude. Alte Ideen. Alte Bäume. Alte Regeln. Alte Investoren. Je älter der Investor, desto mehr Vertrauen habe ich in ihn. Er hat schließlich gute und schlechte Zeiten gesehen. Vielleicht haben diese alten Jungs schon genug Absurditäten gehört, so dass sie deren Stimme schon erkennen können.
Und dann habe ich noch Hoffnung für die Zukunft, wegen folgender Einsicht: Frauen treffen sich lieber (im Durchschnitt) mit gesunden älteren Männern als mit gesunden jüngeren Männern, wenn die Umstände sonst identisch sind, denn die Ersteren bieten einige Hinweise auf bessere Gene. Graue Haare signalisieren eine erhöhte Fähigkeit zum Überleben – eine Bedingung für das Erreichen des 'Graue-Haare-Status' ist es, dass dieser Mann den Launen des Lebens widerstehen konnte.
Ich habe während eines Fluges von den USA nach Frankreich einen amerikanischen Vietnam-Veteranen kennengelernt. Er erzählte mir: "Ich wurde direkt nach meinem 21. Geburtstag nach Vietnam geschickt. Sie sagten mir, dass ich dort die USA schütze und mithelfe, die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln. Ich brauchte genau 2 Wochen, um zu merken, dass das Sch ... war. Wenn ich getötet worden wäre, dann wäre ich nur eine Zahl in der Statistik gewesen. Nicht mehr."
Natürlich schien der Vietnamkrieg im "Hier und Jetzt" von 1970 die größte Herausforderung der USA zu sein. Später kamen die Amerikaner zu Sinnen, und sie zogen sich zurück ... und Vietnam fiel an die Kommunisten. Aber wurde die Welt dadurch besser oder schlechter? Keiner wusste das, und keinen kümmerte das. Ein Vierteljahrhundert später schrieb der Donald Rumsfeld dieser Ära – Robert MacNamara –, dass dieser Krieg ein Fehler war. Aber damals schien er eine gute Idee zu sein.
Ich erwähne Vietnam aus einem anderen Grund. Der Vietnamkrieg wurde von Lyndon Johnson in der Annahme begonnen, er könne gleichzeitig die Wirtschaftslage verbessern. Hätte er den alten General Eisenhower gefragt, der hätte ihm gesagt, dass man sich entscheiden müsse – Guns or Butter, also Kanonen ODER Butter. Beides gleichzeitig ginge nicht.
Aber Lyndon Johnson, ein Texaner, war der George Bush von damals. Er dachte, dass er beides kann. Auch damals waren die USA eine Weltmacht. Und der Boom am Aktienmarkt der späten 1960er führte dazu, dass die Leute dachten, dass die Dinge immer besser würden.
Aber der Krieg lief nicht gut ... die Börsen brachen ein ... und auch der Wirtschaft ging es nicht gut. Johnson gab auf, und Richard Nixon übernahm sein Amt im Weißen Haus. Man verbindet den Namen Nixon weithin mit der "Watergate-Affäre" ... aber sein größtes Verbrechen beging er im August 1971. Da trafen die Rechnungen der Politik von Johnson ein. Und andere Nationen konnten ihre Dollarbestände bei der US-Regierung gegen Gold eintauschen – das hatte diese versprochen.
Er verlangte, dass die französischen Dollarbestände gegen Dollar eingetauscht würden. Nixon hatte ein Problem. Er konnte das Richtige tun – das, was Generationen von Amerikanern getan hatten, nämlich ihren Dollar mit Gold zu decken. Oder er konnte dieses heilige Versprechen widerrufen – und damit das Problem der US-Auslandsverschuldung erleichtern.
Er tat das, was im "Hier und Jetzt" am meisten Vorteile zu versprechen schien ... während das andere nur irgendwann in der Zukunft Vorteile gehabt hätte. Er schloss das Goldfenster. Man konnte seine Dollar nicht mehr gegen Gold eintauschen.
Nun, die Zukunft ist jetzt im Hier. Dieses System haben wir heute noch – früher konnte man Dollar gegen Gold eintauschen. Heute stellen sich die Leute im In- und Ausland an, um mit ihren Dollar mehr US-Vermögensanlagen zu kaufen.
Die Ausländer halten jetzt ungefähr 3 Billionen Dollar an US-Vermögensanlagen, was den Hypotheken auf 30 Millionen amerikanischen Häusern entspricht, mit durchschnittlich 100.000 Dollar Hypothek pro Haus.
Aber keine Sorge. Die Schlagzeilen sagen uns, dass die US-Wirtschaft so schnell wie seit 19 Jahren nicht mehr wächst ... und dass die Produktivität nach den Sternen greift. Das sind News, die unsere Gedanken beherrschen ... und auf diese News verlassen sich die meisten Investoren. Die Wirtschaft ist so wunderbar ... es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Jeder wird reich. Man wäre ein Idiot, jetzt nicht mitzumachen, so flüstert der Lärm.
Ich bevorzuge die Nachrufe.
P.S. Ich danke Gott für all diesen Lärm.