Hyperinflation
Michael Checkan (US-Korrespondent) in Investoren Wissen
vom 14. April 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Hyperinflation: Wenn Zentralbanken außer Rand und Band geraten
Liebe Leser,
dank der amerikanischen Regierung, die Geld wie nie zuvor druckt, ist das Geflüster von einer Inflation in den Währungs- und Rentenmärkten im Umlauf. Tatsächlich ist die Inflation jedoch auf fast Null gefallen, nachdem sie im Juli letzten Jahres den Hochpunkt bei 5,6% erreicht hatte.
Innerhalb der letzten zwei Wochen erschuf die amerikanische Bundesbank eine Billion US-Dollar aus dünner Luft. Losgelöst von der Redekunst des linken oder rechten Flügels, das ist die Wirklichkeit.
Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Regierungen ein vollkommen gutes Stück Papier nehmen, etwas Tinte darauf tun, und es damit völlig wertlos machen können.
Es geschah in Ungarn 1946, in Argentinien 1988 und heute in Simbabwe.
Seit ich in das Geschäft mit Fremdwährungen und Edelmetallen in den 1960er Jahren eingestiegen bin, habe ich es öfter als ein paar Male gesehen. Aber extreme Beispiele der Währungsabwertung sind selten. Man kann es mit einer Fehlerkette in Zeitlupe vergleichen, Sie können nicht einfach wegsehen.
Heute scheint Simbabwe seinen Platz in der Geschichte der Rekorde einzunehmen (dank der korruptesten Regierung und der meist abgewerteten Währung). Abgesehen davon, dass dies nur eine weitere wirtschaftliche Katastrophe und Zeitungs-Schlagzeile ist, können wir aus diesen extremen Beispielen etwas über außer Rand und Band geratene Zentralbanken erfahren und warum Inflation so wichtig ist.
Was ist Hyperinflation ?
Ich sah Hyperinflation erstmals, als ich 1988 Argentinien besuchte. Zu jener Zeit verwendete die Regierung den Austral als ihre Währung und die Inflation bewegte sich bei 387,7%.
Später wurde der Name der Währung in Peso und schließlich in den harten oder neuen Peso geändert. Bei einem Besuch im letzten Jahr fand ich immer noch eine fragwürdige Regierung vor, die sich mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Unruhen befasste. Leider ist die Währungsabwertung nur eines ihrer Themen.
Sie können sich darauf einstellen, weitere Änderungen in der argentinischen Währung in den kommenden Jahren zu sehen...
Inflation ist der Kostenanstieg von Waren des täglichen Bedarfs und von Dienstleistungen - üblicherweise basierend auf dem Lebenshaltungskostenindex. Es gibt ein humoriges Zitat, das sagt, „mit der Inflation wird alles wertvoller außer dem Geld." Aber es ist eine sehr anschauliche Weise um zu erklären, warum Inflation gemanagt werden muss. Hyperinflation ist einfach galoppierende Inflation.
Stellen Sie sich eine 2,00 US-$-Gallone (ca. 3,7 Liter) Milch vor, die innerhalb eines Jahres einen Höchststand von 775,40 US-$ erreicht - wie in Argentinien 1988.
Das ist kein Aprilscherz.
Etwas Inflation ist für die Leute notwendig, damit sie einen Grund dafür sehen, ihr Geld zu investieren. Wenn Ihr Euro auch "morgen" einen Euro wert wäre, würden Sie weniger dazu neigen, ihn in einer Investition zu riskieren. Inflation nimmt Kaufkraft weg.
Zentralbanken und Regierungen verfügen über mehrere Werkzeuge, um die Inflation zu beeinflussen, aber ihre Hauptwerkzeuge sind die Geldversorgung zu verengen und die Zinssätze anzuheben. Durchschnittlich sehen die Vereinigten Staaten eine Inflation um 3 bis 4%.
Argentiniens Schwierigkeiten sind nichts im Vergleich zur Währung von Simbabwe
„Das Totengeläut für den simbabwischen Dollar kam, wie es für Währungen auf allen hyperinflationären Märkten kommt; d.h. die Leute weigern sich einfach, das Geld zu verwenden. Es ist wirklich ein Ärgernis. So verschwindet es einfach bei Ihnen", sagte Steve H. Hanke, ein Professor der angewandten Volkswirtschaft an der Johns Hopkins Universität.
Offiziell liegt Simbabwes Monatsinflation bei unfassbaren 231 Millionen Prozent.
Und obwohl ungeheuerlich ist diese Zahl möglicherweise viel zu klein. Im November, das letzte Mal, als zuverlässige Daten verfügbar waren, berechnete Hanke sie mit 79,6 Milliarden Prozent und verkündete öffentlich für Simbabwe „den zweiten Platz in den Welt-Hyperinflations-Rekordbüchern." Zur Zeit ist die größte im Umlauf befindliche Banknote ein 100-Trillionen-Dollar-Schein.
Hyperinflation & Die Banknoten von Simbabwe - das Sammeln seltsamen Geldes
Mein guter Freund David, der sich auch mit Banknoten und Münzen befasst, sagt:
„Die Situation mit den Geldscheinen von Simbabwe ist kompliziert, weil die neuen Banknoten so schnell wertlos sind, dass es scheint, dass die Zentralbank nicht so viele herstellt.
Jedenfalls habe ich es geschafft, einige anzusammeln, und ich arbeite ständig daran. Denken Sie bitte daran, dass Simbabwe im letzten August nach dem Erreichen von 100 Milliarden mit der neuen Währung begann. Die neue Währung hat nun ein kurzes Leben gehabt. Sie wird jetzt durch die "neue" neue Währung ersetzt [Anm. d.R.: Inzwischen hat Simbabwe seine eigene Währung gar ganz aufgegeben!]
Ich sah auf der Website der Landeszentralbank Simbabwes die neuen, neuen, neuen Banknoten. Die einzige Frage ist, wie lange es dauern wird, bis sie eine Quadrillion erreichen werden?"
Natürlich ist in diesen Situationen immer Gewinn zu machen. In diesem Fall durch das Ausbeuten des Wertes der physischen Münzen und den Wert der hyperaufgeblähten Banknoten.
„Ich habe zufällig eine Menge Ein-Cent-Münzen von vor ein paar Jahren. Die Grundidee ist, zur Bank zu gehen mit einer 100 Milliarden Dollar-Note und 10 Trillionen Ein-Cent-Münzen zu verlangen. Weil die Münze ungefähr zwei Gramm wiegt, würde man erwarten, 20 Trillionen Gramm Münzen zu erhalten, d.h. 20 Milliarden Kilo oder 20 Millionen Tonnen. Die Münze wird aus Stahl mit einem Kupferüberzug gemacht. Das ist viel Metall."
Es ist eine physikalische Unmöglichkeit für Simbabwe, die Verpflichtungen aus ihren Druckpressen mit Münzen wettzumachen. Aus einer viel schlechteren Perspektive zerstören sie ihre Wirtschaft und die globalen Investitionsinteressen.
David sagt mir, dass die simbabwischen Banknoten monetär wertlos sein können, aber sie haben wirklich Sammlerwert. Einige Währungssammler eilen hin, um so viele von diesen "Super-Noten" zu erwischen wie möglich.
Wie viele Amerikaner können sagen, dass sie eine 100-Trillionen Dollar-Note in der Hand hatten? Ich ziehe die Meinung vor, dass ein "Trillionär" diesen Status mit harter Arbeit und Glück erreichen sollte, nicht weil die Regierung nicht die Finger von den Druckpressen lassen kann.
Es ist eine ernüchternde Lehre von den Gefahren von zu viel Geld.
Erfolgreiches Anlegen,
Michael Checkan
KOMMENTAR ZUM ARTIKEL VON HERR CHECKAN:
Wie ich schon sagte, sehe ich Inflation nicht als einen reinen Preisanstieg und halte diese Betrachtungsweise für falsch. Genauso empfinde ich es als leicht arrogant und verfehlt zu behaupten, der "dumme" Bürger, müsse motiviert werden, sein Geld auszugeben, da er es ja sonst sparen würde (und vielleicht am Ende etwas Sinnvolles damit tun würde, anstatt es einfach zu verkonsumieren?). Diesen Standpunkt vertritt übrigens bei weitem nicht nur Herr Checkan, sondern durchaus eine Reihe an Ökonomen.
Die österreichische Schule setzt dem entgegen, dass Inflation eine verdeckte Steuer ist, welche den Sparer staatlich sanktioniert bestiehlt bzw. langsam verdeckt enteignet und bestraft. Diese Sichtweise lässt sich durch einige historische Beispiele recht gut untermauern (immer dann, wenn Steuererhöhungen politisch nicht mehr durchsetzbar sind, greifen Politiker in der Regel zur Druckerpresse. Das ist ein fast schon "übliches" Verhalten. Ein Beispiel hierfür sind z.B. Kriegsfinanzierungen).
Inflation ist nach Ansicht der österreichischen Schule ein Produkt der Ausweitung der ungedeckten Geldmenge durch Zentralbanken und Notenbanken und somit keineswegs "gottgegeben". Sie wird bewusst gemacht und einige einflussreiche Akteure profitieren hiervon.
In diesem Zusammenhang ist es vielleicht auch ganz interessant darauf hinzuweisen, dass es vom "Drucken" des Geldes an bis zu dessen endgültiger Verteilung im Kreislauf durchaus ein paar Monate dauert. So ist es für Regierungen extrem bequem, andere Faktoren für den dann eintretenden Preisanstieg verantwortlich zu machen und vom eigenen Tun erfolgreich abzulenken. Den Begriff der Inflation nur an Preise und schöngerechnete, öffentliche Statistiken zu koppeln (und nicht an die eigentliche Geldbasis bzw. Menge an ungedeckten Geldes) liefert somit das theoretische Werkzeug zur Rechtfertigung des eigenen Tuns der Regierenden und die starke Nebelkerze zur Ablenkung des Bürgers von dem, was aus Sicht der österreichischen Schule wirklich vorgeht. Es sollte daher wohl auch nicht verwundern, dass in den meisten Regierungspositionen bzw. höheren Expertengremien Ökonomen mit dieser besagten Denkrichtung sitzen und Sie Standpunkte wie die der österreichischen Schule eher selten bis gar nicht aus dieser Ecke hören dürften.
Ein weiterer interessanter Effekt ist sicher auch, dass die, welche der "Druckerpresse" am nächsten stehen, zuerst über das neue Geld verfügen können, während das allgemeine Preislevel noch nichts vom neuen Geld "weiß". Sie können dies, sehr stark vereinfacht, vom Effekt her mit einem kleinen Dorf vergleichen, indem es einen heimlichen Geldfälscher gibt. Dieser hat in seinem Keller eine Presse stehen und kauft sämtliche Waren und Besitz mit heimlich gedrucktem Geld auf. Hierdurch erhöht sich die Geldmenge und für die anderen Bewohner, welche erst später an das neue Geld kommen, wird alles immer teurer und keiner weiß warum. Nur der Fälscher ist fein raus - solange er die Bewohner glauben machen kann, andere Einflüsse (und nicht er) seien für die Preissteigerung verantwortlich...
Herr Checkan bezeichnet Inflation als "Investitionsanreiz". Dies mag theoretisch auf den ersten Blick nachvollziehbar erscheinen. Dass für die meisten Menschen jedoch "Investition" weniger im Vordergrund steht, sondern eher der Konsum, wird völlig ausgeblendet. In meinen Augen überwiegen die Nachteile der Inflation deutlich deren vermeintliche Vorteile. Sollte eine Investition nicht dann erfolgen, wenn ein Geschäftsmodell vielversprechend ist bzw. eine gute Aussicht auf Rendite besteht, anstatt aus dem Andrang heraus, dass das eigene Geld entwertet wird?
Worum ging es mir überhaupt mit diesem Artikel?
Mein Ziel war es, Ihnen heute wenigstens teilweise ein wenig die verschiedenen Ansichten zwischen österreichischer Schule und "Mainstream-Ökonomie" etwas näher zu bringen.
Ich hoffe, Sie empfanden dies nicht als zu trocken bzw. zu verwirrend, denn aus solchen theoretischen Ansätzen heraus erfolgen oftmals Begründungen und Folgerungen, welche für die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage durch die einzelnen Ökonomen von großer Bedeutung sind.
Wenn Sie grob die verschiedenen Denkrichtungen bei der Betrachtung wirtschaftlicher Zusammenhänge kennen, wird es Ihnen auch deutlich leichter fallen, zwischen den scheinbar täglich erscheinenden, widersprüchlichen Meldungen in den Massenmedien zu unterscheiden. Meist wird dann relativ schnell klar, warum zwei Experten völlig verschiedene Meinungen haben können. Dies muss nicht immer mit unterschiedlichen theoretischen Denkansätzen zusammenhängen, oftmals spielen diese aber eine entscheidende Rolle.
Beste Grüße
Alexander Hahn