Hoppla - es wird eng an der Wall Street

Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Weitere Börsenthemen
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von Ronald Gehrt

Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Die Amerikaner kennen keinen zweiten Weihnachtsfeiertag und somit auch kein Pardon – gestern wurde gehandelt. Doch viel wichtiger war der letztwöchige Freitag. Sie erinnern sich, dass wir am Donnerstag wieder einmal ziemlich magere Konjunkturdaten gesehen hatten: Bruttoinlandsprodukt in letzter Revision auf 2,0% nach unten korrigiert, Philadelphia Fed-Index mit –4,3 klar in negativem Terrain.


Da waren die Reaktionen noch verhalten negativ ... aber am Freitag fielen die Kurse erneut. Und zwar ein wenig deutlicher und vor allem an wichtige, charttechnische Marken, die uns in den kommenden Wochen wohl noch beschäftigen dürften.

Persönliche Einnahmen und Ausgaben in den USA unter den Erwartungen

Wirklich „schlimme“ Auslöser für die erneuten Abgaben am Freitag waren im Bereich der Konjunkturdaten eigentlich nicht zu finden. So waren die persönlichen Einnahmen und Ausgaben der US-Bürger im November zwar unter den Erwartungen ausgefallen – aber welche Konjunkturzahl tut dies dieser Tage nicht?

So stiegen die Einnahmen der im November nicht wie erwartet um +0,4%, sondern nur um +0,3%. Gleichzeitig wurde der Oktober-Wert von +0,4% auf +0,3% nach unten revidiert. Wichtiger jedoch waren die Ausgaben. Momentan weniger aufgrund der Ermittlung des Sparwillens oder möglichen Inflationsdrucks, sondern mit Blick auf die Konsumentwicklung in der Weihnachtszeit:

Zumindest im vorweihnachtlichen November saß den US-Bürgern der Geldbeutel wieder einmal weniger locker als erhofft. Die Prognosen sahen einen Anstieg der Ausgaben um +0,6 bis +0,7% voraus, es wurden jedoch nur +0,5%. Die Oktober-Zahl wurde immerhin von +0,2% auf +0,3% nach oben genommen.

US-Auftragseingänge nur leicht erholt

Bei den Auftragseingängen für langlebige Wirtschaftsgüter im November gab es sogar eine leicht positive Überraschung. Nach dem scharfen Rückgang im Oktober um ganze –8,2% lagen die Erwartungen bei einer Erholung um ein bis eineinhalb Prozent – es wurden immerhin +1,9%.

Und die Verbraucherstimmung, ermittelt von der Universität von Michigan, kam mit 91,7 auf den Tisch, während im Vorfeld nur mit einem zur letzten Umfrage gehaltenen Level von 90,2 gerechnet wurde. Also:

Mit der Gesamtsituation unzufrieden?

Wo drückt der Schuh? Alles in allem barg der Freitag nicht allzu viel neuen Druck auf die Seelen der Anleger. Es scheint vielmehr, als würde das Gesamtbild, das in den Wochen zuvor zunächst wegen des Verfalltermins am Terminmarkt zur Monatsmitte und nun wegen des „Window Dressing“ der Fonds beiseite geschoben wurde, immer mehr in das Bewusstsein der Akteure rücken. Und dieses Gesamtbild signalisiert eine schwache Konjunktur mit dem Potenzial zu rezessiven Tendenzen, eine Notenbank, die diese Problematik nicht zu kümmern scheint bzw. diese negiert und die Saison der Quartalsberichte für das 4. Quartal 2006, die in ca. dreieinhalb Wochen startet und angesichts des momentanen Wissensstandes nicht gerade rosig ausfallen dürfte.

Das führte am Freitag zu erneuten, im Prinzip moderaten Kursabschlägen, welche die wichtigen Indizes S&P 500 und Nasdaq 100 jedoch an charttechnisch empfindliche Marken führten:

S&P 500 und Nasdaq 100: Entscheidungsmarken zunächst verteidigt

Der Nasdaq 100, als wie avisiert auch zum Jahresende hin schwächster der großen US-Indizes, tauchte mit 1.748 Zählern in die sogar für eine Trendwende in diesem Segment relevante Auffangzone zwischen 1.740 und 1.760 Punkten ab, bevor am gestrigen Abend wieder eine leichte Gegenreaktion einsetzte.

Chart

Damit hat sich der Ausbruch aus der rot eingezeichneten Dreiecksformation nach oben definitiv als Bullenfalle entpuppt. Und auch die gestrige Gegenreaktion war alles andere als überzeugend. Es ist aber zumindest denkbar, dass sich der Index in den verbleibenden Handelstagen noch um einen Break der nun erreichten Auffangzone herumdrücken kann, denn:

Das „Window Dressing“ der Fonds nach guten Quartalen bedingt, dass die Zahl der gut gelaufenen Aktien, die man noch schnell vor Toreschluss ins Depot heben möchte, die der schwach gelaufenen, verkaufswürdigen Titel klar überwiegt. Daher zeigen die US-Märkte in diesen Tagen ein relativ verfälschtes Bild der Gemütslage der Investoren.

Aber da der Nasdaq 100, sprich vor allem die Technologiewerte, die Verlierer des Jahres 2006 ebenso wie des vierten Quartals insbesondere sind, ist der aktuelle Verkaufsdruck höher als er normalerweise wäre – ebenso, wie er im Bereich der gut gelaufenen Branchen schwächer ausfällt. Dies zeigt z.B. der S&P 500, dessen Hightech-Anteil in Relation zu den vielen anderen Branchen viel weniger ins Gewicht fällt:

Chart

Beim S&P 500 wurde der relativ steile Juli-Aufwärtstrendkanal zwar unterschritten, der knapp darunter liegende 20 Tage-Durchschnitt aber zunächst punktgenau verteidigt. Damit wäre hier noch nichts angebrannt ... ein konträres Bild zum Nasdaq, der zwar ebenso wichtige Unterstützungen gehalten hat – aber auf klar tieferem Niveau (die 1.740/1.760 im Nasdaq entsprechen im S&P ungefähr dem Bereich 1.330/1.360).

Entscheidung erst bis Mitte Januar

Wann nun die überfällige Korrektur kommt, von welchem Niveau aus sie starten wird und wie weit sie reichen kann ... per heute ist das offen. Es ist nicht unüblich, dass die ersten Tage des Neuen Jahres erst einmal fallende Kurse sehen. Umso mehr, je stärker es vorher aufwärts ging. Doch da die alte Sage immer noch lebendig ist, nach welcher die ersten zehn Tage für die Richtung des ganzen Jahres entscheidend sind, werden die Bullen – sofern nicht markant schlechte Nachrichten kommen – so schnell nicht aufgeben.

Ich vermute daher, dass wir eine wirklich für Verkäufe bzw. sogar für vorsichtige Baissepositionen nutzbare Abwärtsbewegung erst gegen Mitte Januar sehen werden – vor allem dann, wenn sich herausstellen sollte, dass den Investoren bei den Quartalsberichten für das vierte Quartal tatsächlich der eisige Wind schrumpfenden Gewinnwachstums ins Gesicht bläst!

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!

Ronald Gehrt


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