Höhere Gewinnspannen
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 11. September 2007 07:30 Uhr
ENL5454
“Alles läuft gut.”
Den Anlegern wird erzählt, dass große Möglichkeiten vor ihnen liegen – denn der Markt habe die Talsohle erreicht und die Aktien seien günstiger als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 12 Jahren.
Was die erste Annahme anbelangt, verweisen sie auf die Aktienindizes. Und es stimmt, nachdem die Aktien nach dem 19. Juli um fast 10% gefallen sind, sah es im August so aus, als würden die Indizes wieder auf die Beine kommen ... und seither haben sie wieder Boden unter den Füßen gewonnen. Das ist natürlich, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, nicht das erste Mal, dass der Aktienmarkt im Sommer durchgerüttelt wurde. Es ist auch in den späten 20er Jahren passiert. Und dann haben sich die Nerven der Anleger wieder erholt, die Aktien stiegen ... und sind dann im Herbst eingebrochen.
Optimisten sagen immer noch, dass der Schleudergang temporärer Natur gewesen sei … und dass diese geringeren Preise die größten Kaufchancen aller Zeiten geschaffen hätten. Aber die Aktien sind damals gefallen ... und gefallen ... und gefallen ... und sind bis in die Fünfziger nicht mehr auf den Höchstwert von 1929 zurückgekehrt!
Am Mittwoch ist der Dow um 143 Punkte gefallen. Am Tag zuvor ist er gestiegen. Am Freitag fiel er sogar 250 Punkte. Am Donnerstag war er jedoch gestiegen. In welche Richtung wird er in dieser Woche gehen? Wenn wir das doch nur wüssten.
Auch der Dollar ist in der vergangenen Woche im Vergleich zu den meisten Währungen gefallen … doch raten Sie einmal, was gestiegen ist? Mein liebstes Edelmetall ...
“Warren Buffett, der Investor extraordinaire, liefert zwei Möglichkeiten, mit denen Sie Ihre Kaufkraft gegen einen einbrechenden Dollar schützen können“, erzählt mein Freund Chris Mayer. „Die erste Möglichkeit besteht darin, die eigene Einkommenskraft zu steigern. Die zweite ist der Besitz eines wunderbaren Unternehmens. Für den einzelnen Anleger ist das durch den Besitz großartiger Aktien möglich. Eine Aktie ist schließlich ein Besitzanteil an einem Unternehmen.“
Und das bringt mich zur zweiten Annahme zurück – dass Aktien billig seien – das verlangt noch einen Kommentar. Aktienpreise sind, ganz allgemein, ungefähr da, wo sie vor acht Jahren auch waren. Für alle Risiken und Umstände, hat der durchschnittliche Aktienmarktanleger fast mit Sicherheit in dieser Zeit Geld verloren – nach Provisionen und Inflation. Dennoch sind die Einkünfte der Unternehmen gestiegen – aus verschiedenen Gründen, die auf diesen Seiten bereits behandelt wurden.
Ohne mich noch einmal mit der unzuverlässigen und perversen Natur dieser gesteigerten Einkünfte auseinandersetzen zu wollen, stelle ich nur fest, dass die höheren Gewinnspannen vielleicht ein guter Grund sind, mehr für ein einzelnes Unternehmen zu zahlen, nicht aber für einen ganzen Markt. In einem einzelnen Unternehmen spiegeln die höheren Gewinnspannen womöglich Effizienz, eine gute Verwaltung oder dass das Unternehmen fast Monopolstatus hat.
“Wenn ich auch nichts dagegen habe, Gold oder Silber zu besitzen – ich denke sogar, dass es gut ist, davon etwas zu besitzen – so ist es doch hilfreich, sich Gedanken über kreativere Lösungen für das Problem der Dollarerosion zu machen“, fährt Chris fort. Am Aktienmarkt kann man viele großartige Unternehmen mit wertvollen, greifbaren Werten besitzen, die wahrscheinlich in der Zukunft mehr wert sein werden als heute.“
Doch wenn man sich den gesamten Markt und nicht nur ein einzelnes Unternehmen ansieht, dann folgen auf hohe Gewinnspannen immer geringe Gewinnspannen. Wettbewerb, zurückgehender Output und höhere Kosten reduzieren unvermeidlich die Spanne zwischen Gewinn und Ausgaben.
Die Nachrichten sind voll von ermutigenden Worten, die sagen, die Aktien des S&P seien günstiger – gemessen am KGV – als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt seit 1995. Aber immer noch werden sie für ein KGV von knapp 17 getradet. Das mag relativ günstig wirken ... aber es ist nicht absolut günstig. Bei echten Tiefstwerten am Markt werden Aktien für KGVs von bis zu 8 verkauft ... oder sogar nur 5. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, ehe wir da angekommen sind. Und dorthin zu gelangen wird ganz besonders schmerzhaft, denn die Gewinnspannen werden zusammen mit den Preisen fallen. Beim kommenden Konjunkturrückgang werden die Unternehmen geringere Verkaufszahlen verbuchen ... und geringere Gewinnspannen. Und wenn der Zähler des KGV fällt ... dann muss der Nenner noch mehr fallen, um mithalten zu können.
Nicht dass ich wüsste, welche Richtung die Aktien kurzfristig einschlagen werden. Selbst Richard Russell geht davon aus, dass wir uns in einem Bullenmarkt befinden, der die Preise noch deutlich höher tragen wird, ehe es zum Zusammenbruch kommt. Vielleicht liegt er richtig. Doch jeder, der Aktien kauft, weil er davon ausgeht, dass wir uns an einem echten „Tiefstpunkt“ befinden ... und davon, dass Aktien „günstig“ sind ... arbeitet vermutlich an der Wall Street.