Hochmut kommt vor dem Fall
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 29. April 2005 18:00 Uhr
ENL5462
Der Baron de Marbot hat in seinen Memoiren eine bemerkenswerte Szene aus den Napoleonischen Kriegen festgehalten: Der Kaiser wollte ein paar französische Offiziere, die einige Zeit in Russland verbracht hatten, nach dessen Topographie und Ressourcen befragen. Unter ihnen befand sich Oberstleutnant de Ponthon, der einer der Offiziere gewesen war, die nach dem Frieden von Tilsit von Napoleon für ein paar Jahre in den Dienst von Alexander (des russischen Zaren) gesendet worden waren. De Ponthon war sowohl sehr fähig als auch sehr bescheiden.
Er gehörte zum topografischen Dienst von Napoleon, und er hatte sich spontan nicht getraut, seinen Rat zu den Schwierigkeiten anzubieten, die eine Armee bei der Kriegführung in Russland haben würde; aber als der Kaiser ihn fragte, da beschrieb er all die Hindernisse, die Napoleon im Weg lagen. De Ponthon war ein Ehrenmann, der seinem Land ergeben war, und er glaubte, dass er dem Staatsoberhaupt die volle Wahrheit sagen müsse, weshalb er keine Angst davor hatte, Napoleon zu verärgern. Die großen Hindernisse waren: Die Unzuverlässigkeit der Litauer (die den französischen Truppen die Basis ihrer Operationen sein würden); der fanatische Widerstand der Verteidiger von Moskau; der Mangel an Nachschub und Futter für die Pferde; das unfruchtbare Land, das die französischen Truppen durchqueren müssten; Straßen, die nach ein paar Stunden Regen für die Artillerie unpassierbar wurden. Er betonte besonders die Strenge des russischen Winters und die physische Unmöglichkeit, Krieg zu führen, nachdem der Schneefall begonnen hatte, oft schon in den ersten Oktobertagen. Schließlich – auf das Risiko hin, dem Kaiser zu missfallen und seine Zukunft zu kompromittieren – fiel dieser mutige Monsieur de Ponthon auf die Knie und bat Napoleon, im Namen des Wohlergehens Frankreichs und seines eigenen Ruhmes, diese gefährliche Kampagne nicht zu starten, deren Unheil er korrekt voraussah.
Der Kaiser, nachdem er ruhig zugehört hatte, entließ Oberstleutnant de Ponthon aus der Audienz, ohne eine Antwort.
Ein paar Wochen später begann Napoleon seinen Marsch auf Moskau mit mehr als 300.000 Soldaten, und nach und nach entdeckte er all die Schwierigkeiten, die de Ponthon beschrieben hatte. Ein entscheidender Sieg der Russen zu Beginn der Kampagne wäre ein Segen für die Franzosen gewesen. Dann hätte die Armee vielleicht ihre Wunden geleckt, ihr Stolz wäre ein wenig verletzt gewesen und sie hätte sich über den Fluss Njemen in die Sicherheit zurückgezogen. Aber die Franzosen kämpften so gut, dass sie sich praktisch selbst auslöschten. Als sie in Moskau ankamen, machten Napoleons Truppen eine unangenehme Entdeckung. Die russische Armee hatte eine Terrorkampagne begonnen. Die Stadt stand in Flammen; es gab keine Gebäude, in denen die französischen Soldaten überwintern konnten, und nichts, um sie zu ernähren.
Die Grande Armée der Republik trat den Rückzug an, bei jedem Schritt vom Wetter geplagt – das diesmal besonders schnell besonders kalt wurde –, und von russischen Terroristen. Nur ein paar von Napoleons Soldaten schafften es, lebend aus Russland herauszukommen.
Bald griffen die zahlreichen Feinde Frankreichs von allen Seiten an. Napoleon, der Held, war besiegt; und Frankreich war durch ausländische Truppen besetzt.
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