Hintergrundwissen: Anatomie einer Aufwärtsbewegung
Klaus Buhl in Nebenwerte Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 28. Oktober 2010, 17:00 Uhr
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die letzten Donnerstage habe ich an dieser Stelle einen technischen Blick auf die aktuelle Marktlage geworfen.
Hiervon möchte ich heute einmal Abstand nehmen und mit Ihnen stattdessen ein paar grundsätzliche Dinge teilen.
"Buy low - sell high"
Wir alle kennen das Sprichwort, dass man an der Börse "nur" tiefer einkaufen als verkaufen muss und schon macht man Gewinne. Dies gilt für alle Arten von Wertpapieren und natürlich damit auch für alle Arten von Aktien. Es macht dabei keinen Unterschied, ob Sie Nebenwerte und Large Caps kaufen.
Wie können Sie jedoch wissen, wann ein guter Kaufzeitpunkt ist und wann nicht?
Eine Möglichkeit ist es, einmal näher die Anatomie einer Aufwärtsbewegung im Gesamtmarkt zu betrachten.
Hierzu möchte ich heute drei Punkte nennen. Den ersten kennen Sie zum Großteil wahrscheinlich schon. Da er sehr wichtig ist, führe ich ihn jedoch trotzdem nochmals an.
#1: Wendezeichen im internen Markt
Ein sehr guter Signalgeber hinsichtlich des mittelfristigen Marktzustands ist der NYSE BPI Wert.
Der NYSE BPI wird berechnet, indem alle an der New Yorker Börse gelisteten Aktien betrachtet werden und ausgewertet wird, welche dieser Aktien sich auf einem Point & Figure Kaufsignal befinden. Diese Anzahl wird durch die Gesamtzahl der an der NYSE gelisteten Aktien dividiert. Um einen anschaulicheren Indexwert zu erhalten, multipliziert man anschließend das Ergebnis nochmals mit 100.
Wenn nun eine größere Anzahl an Aktien von einem Point & Figure Kaufsignal in ein Point & Figure Verkaufsignal wechseln, so lässt sich daraus folgern, dass in einem gewissen Umfang Kapital aus dem Markt gezogen wird.
Damit bleibt natürlich noch die Frage, ab wann ein derartiger Mittelabzug relevant ist, denn man möchte ja als Anleger sich nicht bei jedem kleineren Mittelabzug die Frage stellen, wie ernst dies nun zu nehmen ist (oder auch nicht). Historisch bewährt hat sich hier die Schwelle von 3 Boxen. Wenn also der Index über 3 Boxen fällt, findet ein Wechsel in eine O-Spalte statt.
Eine besondere Bedeutung kommt hierbei einem Wechsel in eine O-Spalte zu, wenn dieser aus einer X-Spalte von über 70 (d.h. aus der "roten Zone" heraus) auf unter 70 erfolgt bzw. wenn der Index von oben kommend das 70er-Level unterschreitet, denn spätestens ab hier kann sich der Gesamtmarkt (gemessen an den Leitindizes) dem Abwärtssog in der Regel kaum noch entziehen.
Gleiches gilt natürlich analog für die sogenannte "grüne Zone", d.h. alle Index-Werte unterhalb von 30. Ein gutes Kaufsignal ist in der Regel dann, wenn der NYSE BP Index aus einer O-Spalte von unter 30 auf eine X-Spalte über 30 dreht. Sollte der NYSE BP Index sogar einmal unter 10 Punkte fallen, ist das ein deutliches Kaufsignal aus Sicht des Index.
#2: Relative Performance des Finanzsektors
Wenn Sie sich einmal die Aufwärtsbewegungen der Vergangenheit ansehen, werden Sie schnell feststellen, dass so gut wie keine dieser Bewegungen stattfand, ohne nicht vom Finanzsektor begleitet zu werden.
Wenn der Finanzsektor "durchhängt" ist meistens die Qualität einer Rallye auch eher dürftig.
Sie können sich den Finanzsektor als eine Art Zugpferd für den Rest des Markts vorstellen. Geht es diesem schlecht, sind auch die Chancen auf einen langen Bullenmarkt sehr niedrig.
Ein Bild der Lage können Sie sich machen, indem Sie sich z.B. ansehen, wie der Sektor gegen den S&P 500 läuft.
Im folgenden Chart habe ich hierfür einmal einen amerikanischen Finanzsektor-ETF ("SPDR Financials Select") gewählt und gegen den S&P 500 abgebildet.
Quelle: Stockcharts.com
Wie Sie sehen können, wurde der stärkste Teil der aktuellen Aufwärtsbewegung 2009 von einer Outperformance der Finanzwerte begleitet. Ab August 2009 ließ diese jedoch nach und verlief seitwärts, um dann die Unterstützung nach unten zu durchbrechen.
Dies zog dann auch (wenig überraschenderweise) den Markt eher in eine Seitwärtsbewegung, wobei der kurze Ausreißer im März und April nicht lange hielt.
Es ist äußerst selten, dass sich die Schere zwischen Finanzsektor und S&P 500 sehr weit auftut. Aktuell haben wir einen steigenden Gesamtmarkt, jedoch eine abnehmende relative Schwäche der Finanzwerte. Diese Lücke auf dem obigen Chart dürfte sich früher oder später wieder schließen. Der Finanzsektor bestätigt die aktuelle Rallye zur Zeit somit nicht.
Wenn Sie also beurteilen möchten, wie gesund eine Aufwärtsbewegung ist, dann sollten Sie nachsehen, ob diese von einer steigenden relativen Stärke des Finanzsektors gegen den Gesamtmarkt begleitet wird.
#3: Nebenwerte vs. breiter Markt
Ähnlich wie mit dem Finanzsektor verhält es sich bei Nebenwerten, was die Funktionsweise angeht.
Wenn die Masse der Anleger der Meinung ist, dass eine Rallye auf guten Füßen steht, wird sie bereit sein, mehr Risiko einzugehen und somit auch zunehmend in attraktive Nebenwerte zu investieren anstatt schwerpunktmäßig in "sichere" Blue Chips.
Es ist somit auch immer ganz hilfreich, wenn man den Zustand einer Rallye begutachten möchte, sich einmal anzusehen, wie sich die Nebenwerte relativ gesehen zum Gesamtmarkt verhalten.
Nutzen wir auch hierfür nochmals stockcharts.com und vergleichen den Russell 2000 einmal mit dem S&P 500:
Quelle: stockcharts.com
Im Gegensatz zum Finanzsektor ist die mittelfristige relative Stärke der Nebenwerte im Vergleich zum Gesamtmarkt klar im Aufwind. Dies ist bullisch und bestätigt die aktuelle Rallye, welche seit dem Tief 2009 begonnen hat.
Natürlich gibt es noch eine Reihe weiterer Kriterien, mit der sich die Gesamtmarktentwicklung begutachten lässt. Für derartige Dinge reicht selbstverständlich ein Daily-Beitrag keinesfalls aus.
Studien zeigen allerdings immer wieder, dass ca. 80% des Risikos einer Aktie in ihrem Sektor liegt. Zu wissen, dass man den Gesamtmarkt und die jeweilige Assetklasse im Rücken hat, ist sicher auch im Vorfeld einer Investition in Nebenwerte somit sehr wertvoll.
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