Heute, Kinder, wirds was geben ...
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 01. September 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Heute Nachmittag werden mit den US-Arbeitsmarktdaten, dem US-Einkaufsmanagerindex, den Bauausgaben und dem Verbrauchervertrauen der Uni Michigan gleich vier wichtige Konjunkturdaten in den USA auf die Märkte treffen. Und im Vorfeld hielten sich die Marktteilnehmer in nervtötender Weise bedeckt. Das wird sich heute Nachmittag ändern, weshalb wir uns im Vorfeld einmal die beiden deutschen Barometer für den Aktien- und Anleihemarkt ansehen sollten um auszuloten, was jeweils im Fall einer positiven bzw. negativen Reaktion passieren kann. Zunächst zum Anleihemarkt:
Die ersten Zinssenkungen werden eingepreist
Sie sehen im Kursverlauf des Bund Future, der die Kurse von deutschen Anleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit abbildet, seit zwei Wochen kontinuierlich steigende Kurse. Das heißt, die Zinsen bzw. Renditen am Anleihemarkt fallen ... und nehmen damit fallende Leitzinsen vorweg.
Unmittelbar nach der letzten US-Notenbanksitzung gab es noch einen kleinen Rücksetzer, seitdem geht es jedoch deutlich voran. Die Kombination aus der erwarteten Zinspause, mittlerweile in vielen Köpfen schon als endgültiges Ende des Zinserhöhungszyklus in den USA gefeiert (sehr voreilig, meine ich), lässt die Akteure annehmen, dass sich auch die Europäische Zentralbank EZB nicht mehr allzu viele Schritte nach oben erlauben kann. Das wird so lange gelten, wie die Konjunkturdaten eine Abschwächung der US-Wirtschaft bezeugen. Die Inflationsproblematik wird momentan ja einfach vom Tisch gewischt ... man schließt sich der Hoffnung der US-Notenbank an, dass diese sich in den kommenden Quartalen abmildern werde.
Darüber hinaus ist der deutsche Anleihemarkt natürlich auch wegen des langsam, aber sicher gegenüber dem US-Dollar steigenden Euro interessant, da für ausländische Anleger Währungsgewinne locken. Was aber, wenn die heutigen Daten diesen Erwartungen zuwider laufen?
Zunächst zum positiven Szenario: Fallen auch die heutigen Konjunkturdaten relativ schwach aus und bleibt die Steigerung der Stundenlöhne im Rahmen, sollten wir mit weiter anziehenden Kursen rechnen können. Charttechnisch erwarte ich allerdings nicht mehr allzu viel Luft nach oben, bevor eine Korrektur anstünde. Denn bei 108,65 bis 119,10 verläuft eine recht markante Widerstandszone, die zusätzlich noch durch den vor einem Jahr begonnenen mittelfristigen Abwärtstrend verstärkt wird. Die Alternative:
Zu gut ausfallende Daten oder aber schlechte Daten mit trotzdem zu starken Lohnsteigerungen würden einen sofortige Korrektur nahe legen. Glasklares Korrekturziel: Die Unterstützungslinie bei 117,10, aktuell zusätzlich durch den 20 Tage-Durchschnitt verstärkt. Man darf gespannt sein ...
Das ewige Problem der Aktienmärkte mit den Zinsen
Der selbe Grundgedanke gilt auch für den Aktienmarkt. Sollten die Daten weiter rückläufig bleiben, werden die Märkte das Ende der Zinserhöhungen als gegeben annehmen und grundsätzlich positiv reagieren. Denn es dauert gemeinhin relativ lange, bis der Groschen fällt:
Meist steigen die Aktienmärkte mit den Zinsen, weil dies eine boomende Konjunktur bedeutet, die durch steigende Zinsen unter Kontrolle gehalten werden soll. Und ein Boom geht mit steigenden Unternehmensgewinnen einher. Wenn Zinserhöhungen anstehen, hat das aber schließlich seine Gründe. Natürlich bedeuten niedrige Zinsen auch eine geringere Konkurrenz durch den Anleihemarkt. Aber dieser Aspekt wiegt weit geringer als der Umstand, dass fallende Zinsen eine zu schwache Konjunktur und damit fallende Unternehmensgewinne bedeuten. Und letzten Endes ist die Gewinnentwicklung das Hauptargument hinsichtlich der Frage, ob eine Aktie kaufenswert ist oder nicht. Aber wie gesagt ... kommt es zu einer harten Landung der US-Konjunktur und stehen Zinssenkungen an, wird es ein paar Wochen oder Monate dauern, bis der Aktienmarkt dieses Problem realisiert. Bedenken Sie hierbei: Die Märkte sind seit 2004 nicht trotz, sondern mit den steigenden Zinsen gestiegen, denn sie manifestierten Wachstum.
Drei Szenarien, aber nur zwei Alternativen für den Dax
Für heute nachmittag gilt dies alles aber noch nicht, denn wie das minimale Kursgeschiebe am Aktienmarkt unterstreicht, blicken die Investoren nur auf das „jetzt“, keinesfalls aber über den Tellerrand hinaus. Noch nicht. Ich erwarte, dass der Dax mit den US-Börsen deutlich anzieht, wenn die Konjunkturdaten im Rahmen der Erwartungen oder leicht schwächer ausfallen.
In diesem Fall gehe ich davon aus, dass der Dax die aktuellen Widerstände 5.800/5.860 hinter sich lässt und an die obere Begrenzung des aktuellen Aufwärtstrendkanals bei 5.950 laufen wird. Erst dann werden die Karten neu gemischt: Korrektur oder Überschießen über diesen Kanal und Break über die 6.000er-Marke als psychologischer Widerstand ... das werden die dann folgenden Daten, der Ölpreis etc weisen. Die Alternative:
Fallende Kurse, die den Index schnell wieder in die Unterstützungszone 5.730/5.800 führen werden. Dies kann aufgrund von zwei möglichen Szenarien passieren. Entweder, weil die Daten so horrend schlecht ausfallen, dass die Furcht vor einer Rezession die Freude über mögliche Zinssenkungen überlagert (z.B. ein überraschendes Minus bei den neu geschaffenen Stellen, als krasses Beispiel). Oder weil die Daten im Gegenteil so gewaltig stark ausfallen, dass die Akteure ihre Erwartung eines Endes der Zinserhöhungen fallen lassen.
Dabei spielt die Entwicklung der Stundenlöhne eine Joker-Rolle. Denn sollten hier Signale einer ungebrochen hohen, ggf. sogar weiter anziehenden Inflation zu erkennen sein, können auch ansonsten im Rahmen der Erwartungen ausgefallene Daten nicht ausreichen, um die Aktienkurse weiter voran zu bringen.
Zwei Dinge jedoch im Vorfeld, bevor ich am Montag früh detailliert auf das eingehe, was da auf den Tisch kam und wie die Märkte reagierten: Zunächst dürfte der Dax die Range zwischen 5.730 und maximal 5.950 vermutlich noch nicht verlassen können, auch, wenn es heute sehr volatil werden wird. Und ich würde eine 60:40 Wette wagen, dass es nachher auch dann nach oben geht, wenn die Daten nicht lupenrein ausfallen. Denn im Moment ist die Stimmung einfach noch besser als die Fakten.
Mehr als 60:40 würde ich aber dennoch nicht wetten, denn wir wissen es ja aus den Erfahrungen der vergangenen Wochen: Die Börsenstimmung ist momentan noch unbeständiger als das Wetter!
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt

