Herbstgutachten
Henrik Voigt in DAX Daily
vom 14. Oktober 2011, 08:30 Uhr
ENL5454
Deutschlands führende Wirtschaftsforscher haben ihre Wachstumsprognose für 2012 im gestern vorgestellten Herbstgutachten nach zwei Jahren Aufschwung deutlich nach unten gesenkt, sehen aber keine akute Rezessionsgefahr. Die Wachstumsprognosen für 2012 lagen erst bei 2,6 Prozent, zuletzt bei 2 Prozent und jetzt nur noch bei 0,8 Prozent. Das ist der typische Hase-Igel-Effekt bei den Wirtschaftsinstituten: sie laufen der Entwicklung stetig hinterher in liegen an markanten Wendepunkten häufig so was von schief (so etwa im vor Optimismus strotzenden Frühjahrsgutachten). Die Börsen schaffen das deutlich schneller und werden dafür nicht mit stattlichen Gutachterhonoraren belohnt.
„Die Schulden- und Vertrauenskrise im Euroraum belastet zunehmend die deutsche Konjunktur", hieß es im am Donnerstag in Berlin vorgestellten Herbstgutachten der Konjunkturforscher. Eine Binsenweisheit, die so neu nun auch nicht mehr ist. Dennoch soll deutsche „Jobwunder" weitergehen und die Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt 2012 auf 6,7 Prozent sinken (2011: 7,0 Prozent). Zudem dürften die Löhne stark steigen. Die Teuerungsrate (Inflation) soll nach durchschnittlich 2,3 Prozent in 2011 im nächsten Jahr auf 1,8 Prozent sinken. Letzteres passt für mich nicht so recht zusammen, da steigende Löhne in der Regel auch steigende Inflation mit sich bringen.
Deutschland leide aber unter vergleichsweise wenigen Steuerrestriktionen und sei mit seiner Exportorientierung gut aufgestellt. Hmm, genau da liegt aber das Problem, vermute ich. Die europäischen Bruderländer können sich unsere Exporte nur noch durch unseren Schuldentransfer leisten. In den USA stehen die meisten wichtigen Konjunkturindikatoren auf Rezessionsniveau (u.a. der Philly Fed Index) und in China beginnt die Immobilienblase zu platzen. Sicher, wir könnten auf den Mars exportieren. Aber hier auf der Erde dürfte es in den nächsten Monaten schwierig werden, das hohe Wachstumstempo über die Exporte aufrecht zu erhalten.
Bleibt noch die Binnennachfrage. Mal sehen wie die sich entwickelt, wenn aus unseren ach so harmlosen Garantien für die europäischen Schuldensünder eines Tages Zahlungspflichten werden, die der bisher im Vergleich vorbildlich sparsame Deutsche dann über drastische Steuererhöhungen bezahlen darf. Von den zwischenzeitlich diskutierten Steuerentlastungen von mindestens sechs Milliarden Euro ganz zu schweigen. Insofern haben die Wirtschaftsforscher recht, wenn Sie sagen: Das Wachstum hängt von den richtigen Entscheidungen der Politik ab. Und die werden sicher "spannend":
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Werner Bläser (14.10. 2011 15:31 Uhr):
Lieber Herr Voigt, ich muss sagen, ich bewundere Sie. Wie Sie trotz gegen Sie sprechender Daten (heute erst wieder US-Einzelhandel) zuhauf wacker und unverdrossen an Ihrem Rezessionsglauben festhalten, erinnert mich schon an die Glaubensfestigkeit mittelalterlicher Heiliger. Shorten Sie beherzt weiter! Wir Bullen brauche Leute wie Sie im Markt, damit es weiter hochgeht. Ich bin seit ca. 5000 long und sichere jetzt mal teilweise Gewinne ab. (Eine Mini-Konsolidierung ist immerhin drin.)
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