"Heiße Stories" vs. Computer-Systeme
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 14. Dezember 2009, 16:00 Uhr
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am Freitag schilderte ich Ihnen ein paar grobe Züge meines Analyseprozesses. Heute möchte ich mit Ihnen noch ein paar Details und Gedanken zur Auswahl individueller Aktientitel teilen.
Betrachten wir uns hierzu doch zuerst einmal, wie die meisten Privatanleger bei der Auswahl von Aktien vorgehen.
Aktienauswahl und die "tolle Story" eines Wertpapiers...
Sicherlich gibt es auch einige Ausnahmen, aber ein Blick in verschiedene Internetforen bzw. zahlreiche Gespräche mit den entsprechenden Personen zeigen es immer wieder: Die meisten "Hobby-Anleger" (und das meine ich hier keinesfalls abwertend!) gehen bei ihrer Aktienauswahl wie folgt vor:
- Zunächst werden die Märkte betrachtet und Ausschau gehalten, ob "Aktien gerade steigen" oder "die Zeiten schlecht sind". Steigen die Kurse, so wird oft immernoch gewartet, bis genug psychologische Sicherheit gefasst ist (ein großer Teil der Aufwärtsbewegung ist dann meist bereits vorbei). Erst dann erfolgt der Einstieg; aktiv auf fallende Kurse setzen leider immer noch die wenigsten Privatanleger.
- Danach wird nach interessanten Titeln gesucht. Dies erfolgt entweder über Finanzmagazine, "Tipps" aus dem Bekanntenkreis oder, wenn es gut läuft, vielleicht aus einem verlässlichen Börsenbrief. Maßgeblich für die Bewertung der Attraktivität der Aktie ist für viele Privatanleger oft die "interessante Story" hinter der Aktie.
- Die Aktie wird gekauft - und meist kommt dabei nicht viel heraus (zumindest nicht verglichen mit dem, was tatsächlich in der Realität an den Märkten möglich wäre).
Diese drei Punkte sind hier keineswegs abwertend oder als Kritik an "Hobby-Anlegern" gedacht. Letztlich ging ich in meiner Anfängerzeit auch einmal so vor. Viele Leute wissen es einfach nicht besser oder es fehlt die Zeit oder das Interesse, sich tiefgehender mit den Details zu befassen.
Das Ergebnis der drei obigen Schritte ist aber meist, dass
- der Einstiegszeitpunkt nicht stimmt und ein unnötig hohes Risiko bzw. ein schlechtes Chance/Risiko Verhältnis der Position entsteht.
- die "Story" hinter einer Aktie zu isolisiert von den wirklich den Kurs beeinflussenden Faktoren gesehen und damit völlig überbewertet wird. Oft entsteht hieraus dann der Frust, warum der Markt nicht "erkennt", um was es sich hier doch für eine tolle Aktie handelt (Die traurige Wahrheit ist: Meist erkennt der Markt dies eben doch und genau deshalb steigt sie nicht weiter...).
Das bedeutet natürlich nicht, dass sich mit "explosiven Wachstumsgeschichten" an den Finanzmärkten kein Geld verdienen ließe. Im Gegenteil. All zu oft sehe ich aber Privatanleger, welche wieder einmal in dieses "neue Unternehmen" investieren, was jetzt gerade mit dieser "einzigartigen und wunderbaren Erfindung" aufwartet, welche die Welt natürlich wieder einmal nachhaltig revolutionieren wird. Jeder, der sich schon einmal mit solchen Geschichten systematisch befasst hat, weiß, dass nur die wenigsten solcher "Investmentchancen" am Ende, wenn überhaupt, wirklich Profite bringen und das nicht selten erst nach zahllosen Jahren der Durststrecke und des Verlusts.
Ich möchte Ihnen daher eine andere und m.E. oftmals effektivere Methode zur Aktiensuche vorstellen. Diese ist, wie alles an den Märkten, auch nicht perfekt, aber ich halte sie für deutlich geeigneter und sicherer als manch einen "Heiße Story"-Ansatz.
Systematische Investment-Auswahl durch computerbasierte Datenbank-Screening-Systeme
Wie sie ja bereits meinen gestrigen Ausführungen entnehmen konnten, ist mein Ansatz zur Geldanlage sehr stark systematisiert und emotionslos. Dies betrifft auch die Auswahl individueller Aktien, welche zu einem sehr großen Teil stark regelbasiert über ein komplexes Screening-System erfolgt, das eine Reihe verschiedenster Kriterien berücksichtigt.
Zur Erinnerung: Unter einem Aktienscreener verstehen wir eine Datenbank mit tausenden von Unternehmensdaten, welche mittels bestimmter Suchmuster durch ein Computerprogramm gefiltert wird.
Die Kunst, auf diese Weise Aktien auszuwählen, liegt darin, vernünftige Kriterienmuster zu entwickeln (und diese stetig zu testen und zu verbessern), welche einem vielversprechende fundamentale Werte liefern und diese dann gegen die Ergebnisse aus den technischen Marktbetrachtungen (Gesamtmarkt, Einzelkurs, Sektor u.v.m., siehe auch meine gestrigen Ausführungen) auf Konvergenz zu testen.
Solche Screening-Kriterien werden in der Regel als Kriterienlisten angelegt. Der Beginn meiner eigenen, internen Kriterienliste, welche ich für das konservative Portfolio ab Januar 2010 nutze, sieht übrigens so aus:
- Nur optionierbare Aktien (d.h. in diesem Fall nur Titel, auf die es US-Optionen gibt).
- Marktkapitalisierung zum Zeitpunkt des Einstiegs mind. 350 Millionen US-Dollar
- Durchschnittliches Handelsvolumen auf Tagesbasis der letzten 20 Tage: Mindestens 100.000 Aktien
- Aktienpreis über 5,- US-Dollar
- ...
Mit einer funktionierenden Kriterienliste lässt sich prima eine effektive Vorauswahl potentieller Investments objektiv durchführen. Die Datenbank bzw. das Filtermuster haben keine Emotionen und lassen sich auch nicht von "tollen Stories" begeistern. Hier wird stur das durchgetestet, was Sie vorgeben.
Neben einer Systematisierung und Standardisierung des eigenen Recherche-Vorgehens nehmen Sie somit also auch noch eine ganze Reihe an Risiken (bedingt durch eigene Emotionen) aus Ihrem Handeln hinaus. Auch haben Sie mit solch einer Kriterienliste einen handfesten Ansatzpunkt, den Sie mit der Zeit Stück für Stück verbessern können. Ihre Trades- und Investments beginnen damit, sich in Richtung Duplizierbarkeit zu bewegen, was letztlich der einzige Weg ist, um konstant den Qualitätslevel der eigenen Anlage-Entscheidungen Stück für Stück zu verbessern. Wer jeden Trade planlos ständig nach anderen Kriterien durchführt, irrt langfristig im Nebel und dreht sich im Kreis, während die eigene Kapitalanlage zum Glückspiel verkommt, was früher oder später zum Bankrott des entsprechenden Portfolios führt.
Ein kurzes Fazit
Sie kennen nun einige wichtige Grundelemente meiner Vorgehensweise bei der Analyse und Suche potentieller Investments. Auch habe ich Ihnen bereits über das konservative Portfolio berichtet, welches Sie ab dem nächsten Jahr in meinem neuen Dienst finden werden. Generell geht es mir stets darum, Konsistenz und keine Emotionen in all meinen Trading- und Investmententscheidungen zu haben. Dies führte zwar anfangs einen ziemlichen Aufwand mit sich, da es reihenweise Protokolle und Regeldokumente zu erstellen galt, doch nur so lassen sich Fehler Stück für Stück ausbessern und das Gesamtsystem Stück für Stück optimieren. Trading und Investieren ist dabei ein Prozess. Die Optimierung wird daher meinerseits immer weiter gehen und auch ich lerne nie aus und werde mich niemals mit dem Status Quo zufrieden geben. In meinem neuen Börsenbrief werden Sie allerdings keine Experimentaltechniken von mir finden, sondern nur bewährte Muster, die ich selbst schon entsprechend aktiv nutze. Die, wenn man es so nennen möchte, "Forschung und Entwicklung neuer Techniken" erfolgt natürlich vom Börsenbrief getrennt und mit meinem eigenen Geld.
Morgen werde ich mich einmal mit der Frage befassen, bei welchen Brokern Sie überhaupt die von mir geschilderten Techniken und Empfehlungen umsetzen können und werde dann beginnen, das zweite Portfolio des Dienstes, in dem es um taktisches Trading mit fortgeschrittenen Optionstechniken aller Art gehen wird, vorzustellen.
Beste Grüße
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Walter König (14.12. 2009 16:26 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, vieles von dem, was Sie beschreiben, ist mir bekannt. Was mir fehlt, ist ein entsprechendes Programm oder ein entsprechender Dienst, der diese "Computer-Arbeit" für mich erledigt, bzw. die entsprechenden Werkzeuge verständlich zur Verfügung stellt. Können Sie da weiterhelfen? Das wäre toll. Mit freundlichen Grüßen, W. König
Antworten - Kommentar von Thomas (14.12. 2009 23:16 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, ich schließe mich Hr. Königs Frage an. Es wäre schön, wenn Sie eine Liste der sicher v.a. kostenpflichtigen Dienste, die Sie nutzen, veröffentlichen könnten. Man kennt ja Bloomberg oder Reuters oder auch solche Seiten wie onvista und börse-online. Ich nutze z.B. seit kurzem VectorVest. Es gibt aber sicher noch viel mehr.
Antworten - Kommentar von Alexander Hahn (15.12. 2009 00:19 Uhr):
Sehr geehrter Herr König, das Universum an Screening-Produkten ist sehr groß - sowohl von Preis als auch Funktionalität. Das optimale Produkt für Sie zu finden hängt sicher von einer Reihe von Faktoren ab: Wo möchten Sie anlegen? Wie ist Ihr Anlagestil? Wie viel Gebühren für solch ein Produkt könnten Sie sich pro Monat erlauben, so dass Ihre Geldanlage nicht zu sehr darunter leidet? Für was genau möchten Sie dieses Produkt einsetzen? Etc. Aus der Ferne ist es für mich natürlich schwierig bis unmöglich, hier Ihnen etwas genaues zu empfehlen, aber was sicher auch sehr gut für Sie sein dürfte, wenn Sie sich für Screener sehr interessieren, ist ein Besuch auf einer Finanzmesse, bei der sich auch verschiedene Software-Firmen präsentieren (z.B. die Invest in Stutgart). In der Regel können Sie dort an einem Ort mit vielen hilfsbereiten Vertretern an ihrem jeweiligen Stand sprechen und haben somit innerhalb von einem Tag sehr viele Informationen gesammelt, welche Sie gegeneinander abgleichen können. Alternativ lassen sich natürlich auch durch Internetrecherchen die Hersteller entsprechend herausfinden und kontaktieren. Es hängt, wie gesagt, letztlich von Ihnen ab, und was Sie genau von solch einem Produkt erwarten bzw. mit ihm bezwecken möchten. Beste Grüße Alexander Hahn
Antworten - Kommentar von Alexander Hahn (15.12. 2009 12:05 Uhr):
Thomas, die Dienste, die ich nutze, sind speziell auf den US-Markt bezogen und richten sich eher an institutionelle Anleger. Für den "Normalanleger" dürfte eine Nennung dieser Dienste wahrscheinlich nicht viel Sinn machen, da diese auch preislich nicht gerade am unteren Ende liegen... Beste Grüße Alexander Hahn
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