Michael Vaupel ist einer der führenden Rohstoff- und Derivate-Experten. Bereits während seiner Studienzeit hat er als Finanzjournalist und Analyst gearbeitet.
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Derivate
vom
Ein Leser schrieb mir, dass er gerade von einer "Neuheit" gelesen habe, den Faktor-Zertifikaten. Laufzeit endlos, und konstanter Hebel. Klang für ihn interessant, was ich davon halten würde?
Faktor-Zertifikate, dazu hatte ich hier im Trader´s Daily bereits etwas geschrieben. Die gibt es seit letztem Jahr (glaube ich), u.a. von der Commerzbank. Sind nicht verkehrt. Hier nochmal die Zusammenfassung.
Manchmal zeigt sich eine Eigenschaft besonders deutlich im Vergleich mit einem anderen Produkt. (Bei Menschen ist es im Grunde nicht anders.)
Und hier konkret im Vergleich mit den Turbo-Zertifikaten. Bei denen ist es meistens so, dass sich der Kurs des Turbos absolut gesehen so stark verändert wie der Basiswert. Entweder als Zuwachs (bei einem Long-Zertifikat) oder als Verlust (bei einem Short-Zertifikat).
Wenn der Basiswert um einen Euro steigt, steigt also der Kurs des entsprechenden Turbo Long-Zertifikats um einen Euro.
Da der Kapitaleinsatz beim Turbo deutlich geringer ist, kommt es zur Hebelwirkung. Wenn z.B. die Aktie von 10 auf 10,50 Euro steigt, sind das 5% Zuwachs. Wenn der Turbo gleichzeitig von 2 auf 2,50 Euro steigt, sind das 25% Zuwachs. Hebel von 5.
Dieser Hebel ist aber nicht konstant. Wenn Sie erst eingestiegen wären, wenn die Aktie bei 13 Euro steht und der Kurs des Turbos bei 5 Euro...
...und die Aktie dann um einen weiteren halben Euro steigt, dann steigt der Turbo wieder um 0,50 Cents. Von 5 auf 5,50 Euro sind aber keine 25% Zuwachs mehr, sondern "nur" noch 10%.
Bei einem herkömmlichen Turbo nimmt die Hebelwirkung ab - und zwar dann, wenn der Basiswert in die gewünschte Richtung läuft. Das ist sozusagen der Preis dafür, den ich persönlich aber gerne zahle, denn dann lief es eben auch in die richtige Richtung.
Zudem haben Turbos den Vorteil, dass deren Kurs sehr leicht berechnet werden kann. (Die Finanzierungskosten sind fast vernachlässigbar für kurze Zeiträume.)
Basiswert ist um einen Euro gestiegen? Dann ist der Turbo (long) ebenfalls um einen Euro gestiegen (bei Bezugsverhältnis 1:1). Und der Turbo (short) ist dann um einen Euro gefallen.
Anders nun die Faktor-Zertifikate!
Da bleibt der Hebel konstant, z.B. bei 2 oder 3 oder auch einem negativen Wert. Wenn eine Aktie oder der DAX an einem Tag um 1% fällt, dann fällt der Schein eben (wer hätte es gedacht) um 2 oder 3 Mal 1%, sprich -3%.
Dies wird täglich berechnet, und deshalb kann es über einen längeren Zeitraum zu einer anderen Performance kommen als beim Basiswert. Beispiel: Eine Aktie steht bei 100 Euro und steigt 10 Tage lang jeweils einen Euro. Performance am Ende: 10%.
Ein Faktor-Zertifikat mit Hebel 2 kommt dann aber nicht auf eine Performance von zwei Mal +10% = +20%, sondern auf 20,89% Plus. Für jeden Tag wird separat gerechnet, deshalb können Faktor-Zertifikate nicht einfach die Performance des Basiswertes für längere Zeiträume pauschal hebeln.
Mein Fazit: Eine interessante Bereicherung der Zertifikate-Welt, diese Faktor-Zertifikate. Nach wie vor ist es aber entscheidend, auf welchen Basiswert Sie setzen - ob Turbo oder Faktor-Zertifikat ist dann zweitrangig. Und letztlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. (Auch da ist es in Bezug auf Menschen wohl nicht anders.)
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily
- Kommentar von Edelmetallfreund
Sehr geehrter Herr Vaupel, hört sich alles super an, aber gibt es WIRKLICH keinen Haken? Hört sich fast zu gut an: Kein KO, Hebel wird bei richtiger (erwünschter) Richtung nicht kleiner und in falscher Richtung nicht größer!? Kosten gleich wie bei KO-Zertis? Würde mich über eine Antwort sehr freuen! MfG Edelmetallfreund
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