Hartzen contra Null Bock
Tom Firley in Investors Daily
vom 15. Februar 2010, 18:00 Uhr
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heute ist, wie Sie wissen, Rosenmontag. Als gebürtiger Kölner kenne ich das Treiben in der Karnevals-Hochburg nur zu Genüge... und bin froh, dass ich daran nicht mehr teilnehmen muss. Natürlich musste ich früher daran auch nicht teilnehmen; doch als Insasse der Universität zu Köln (also als Student) musste man eben doch überall dabei sein.
Verkleidete Damen (oder Herren?)
Am schlimmsten waren die bis zur Unkenntlichkeit aufgehübschten Damen, die einen dann (nach einigen Kölsch) unbedingt bis zum Umfallen bütze wollten. Das passt zum diesjährigen Motto: In Kölle jebützt also: In Köln geküsst. Hm, möglicherweise sind da vielleicht auch ein paar verkleidete Herren dabei... wäre in Köln ja nichts Ungewöhnliches. Schließlich gehört die Dom-Stadt zu den Schwulen-Metropolen in Deutschland.
Hartz IV: Thema des Außenministers
Jetzt kann ich natürlich wunderbar zu Guido Westerwelle überleiten... tätääää
Schließlich steht der FDP-Chef momentan mit seiner Forderung nach einer General-Debatte im Bundestag zu Hartz IV im Rampenlicht. Hm, ich dachte immer, Herr Westerwelle wäre Außenminister... muss ich mich wohl verlesen haben. Oder aber, Herr Westerwelle hat gerade im Ausland nichts zu tun.
Interessante These...
Aber gut. Nicht, dass Sie denken, dass ich dieses wichtige Thema durch den Kakao ziehen will. Jedoch: Da spricht mal ein Politiker ein Problem an, welches er für nicht gelöst hält (und dabei ist mir wurscht, welches Amt er bekleidet... als Arbeitsministerin wäre der Aufruf zu solch einer Debatte vielleicht sinnvoller. Aber Arbeitsministerin ist seit einiger Zeit Frau von der Leyen - und diese (mit 7 Kindern übrigens äußerst attraktive) Dame sagte zu Westerwelles Forderung (laut tagesschau.de): "Der Leistungsgedanke ist doch tief im Urteil des Gerichts verankert. Nur durch Arbeit kommt man aus Hartz IV wieder heraus".
Ach komm, da wir Börse heute sowieso nicht mehr zum Thema haben (lohnt sich auch nicht, denn in USA ist Feiertag und der Dax machte heute erwartungsgemäß nicht viel... er stieg um 0,19 Prozent auf 5.511 Punkte), spielen wir mal ein bisschen Karnevalssitzung und denken über diesen sehr sinnigen Satz etwas nach. Ich wiederhole ihn nochmal:
"Nur durch Arbeit kommt man aus Hartz IV wieder heraus."
Also, zum Glück wurde das mal aufgedeckt. Ich denke allerdings, dass in einigen Altersschichten das Problem ein anderes ist: Nämlich genau das Gegenteil ... also die Frage: Wie komme ich in Hartz IV rein!
Puh, starker Tobak, der sicherlich für einige Leser-Mails sorgen wird. Aber ich betone: Für diesen Umstand gebe ich nicht NICHT der jeweiligen Altersschicht die Schuld. Vielmehr sollten WIR uns Gedanken darüber machen, warum aus Hartz IV sogar ein geflügeltes Wort (oder sogar das Jugendwort 2009 geworden) ist.
Hartzen...
Hartzen steht für „rumhängen" oder „chillen" oder einfach „nichts tun". Hier zitiere ich mal heute.de (oben hatte ich ja bereits tagesschau.de erwähnt...). Vergleichen wir mal mit der 80er Jahren (in denen ich meine Jugend verbrachte). Damals galt die Devise in einer ähnlichen Altersschicht: Null Bock!
... contra Null Bock
Jetzt wusste man zwar nicht genau, auf was man eigentlich „Null Bock" hatte, aber das war ja immerhin eine Einstellung. Aber so gesehen waren sich Punks, Grufties, Ökos und auch viele Normalos einig. Null Bock auf nix. Und - was viel wichtiger ist - damals wussten die Null-Bock-Leute noch, was die Haupstadt von Spanien ist und dass Radio-Aktivität nicht besonders gut für die Menschen ist... ja, und auch die damals liebevoll genannten Körnerfresser (sorry, so war das nun mal) legten den Grundstein für die heutige Klima-Diskussion (wenn auch weit über 20 Jahre später) und trugen so dazu bei, dass in der Tat so etwas wie ein ökologisches Denken manifestiert wurde.
Wenn ich mir heute so die alten Null-Bock-Klassenkameraden auf „Xing" anschaue, muss ich feststellen, dass heute die meisten Krawatte tragen. Die anderen, die ich auf „facebook" finde, sind entweder ausgewandert oder Hirnchirurgen (echt!).
Ich hoffe, dass die jungen Leute, die heute mal hartzen gehen, morgen die Möglichkeit haben werden, sich ebenso zu verwirklichen. Bitte bedenken Sie aber:
Dafür müssen wir die Voraussetzung schaffen. Wir - ob mit oder ohne Arbeit - müssen den Jugendlichen von heute sagen oder zeigen, dass eine berufliche Tätigkeit etwas mit gedanklicher oder charakterlicher Selbstverwirklichung zu tun hat.
Hartz IV oder eine mögliche Debatte oder eine Debatte, ob jetzt eine General-Debatte geführt werden soll... egal zu welchen Debatten das wieder führen wird... all dies SIND:
Rand-Themen.
Ein Ruck muss durch Deutschland gehen, ohne Debatte. Und die „Alten" müssen eben Bock haben, den „Jungen" was zu zeigen. Auch wenn dies ein paar unbezahlte Nachhilfe-Stunden bedeuten sollte. Aber das ist ein anderes Thema. Und bevor Sie mich steinigen, wünsche ich Ihnen einen
Fröhlichen Rosenmontag und Helau und Alaaf
Tom Firley
PS: Eigentlich sollte die heutige Rosenmontags-Ausgabe eher heiter werden. Ich fürchte dies ist mir nicht gelungen... sorry.
PPS: Wenn Sie mein Nachhilfe-Gedanke interessieren sollte oder Sie meinen Text kommentieren möchten, dann nutzen Sie bitte den Link unter diesem Beitrag.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von André Becker (15.02. 2010 19:06 Uhr):
Völlig richtig. Viele Schulkinder benötigen Hausaufgabenhilfe. Ein wunderbares Betätigungsfeld für diejenigen, die sich noch geistig frisch fühlen und von ihrem Können etwas weitergeben wollen, ehrenatmlich. Die Schulkinder werden´s danken und ein generationenüberbrückende Aufgabe wäre geboren.
Antworten - Kommentar von Irmgard Brand (15.02. 2010 19:36 Uhr):
Lieber Herr Firley, nein ich steinige Sie sicher nicht, ganz im Gegenteil, ich gebe Ihnen recht. Ich habe vier Kinder und ich habe einmal ausgerechnet, vieviel ich bekommen wuerde waere ich ein Hartz4 Empfaenger. Das waren um die 1300Euro. Als ich damals als OP Schwester 19h in der Woche gearbeitet habe hatte ich weniger und da habe ich auch noch Bereitschaftsdienste gemacht. Hinzu kommt, dass ich ja auch noch Kindergeld bekommen wuerde Mietzuschuss etc. Da wuerde ich richtig gut leben, und muesste mir nicht so manche Nacht um die Ohren schlagen. Und das die Arbeit im OP generell anstrengend ist muss ich wohl nicht erwaehnen auch wenn ich mit Leib und Seele Op Schwester war. Aber es frustriert schon, dass nach einer Aufstellung bei n-tv ein Pfleger auf Station mit zwei KIndern 18 Euro mehr bekommt als ein Hartz4 Empfaenger mit zwei Kindern. Da fragt man sich wirklich... Mit herzlichen Gruessen aus Wales Irmgard Brand P.S.: Ich komme auch aus Koeln und kann Sie gut verstehen. Hier in UK gibt es sowas nicht
Antworten - Kommentar von Herbert Scheuer (15.02. 2010 20:42 Uhr):
Gedanken schaffen Realitäten Herr Firley. Das ist an der Börse so, aber auch für alle Hartz IV Empfänger. Will ich aus diesem Loch heraus, muß ich nicht warten bis die Gesellschaft etwas tut, sondern mich von den "Backen" erheben. Sprachen werden z.Bsp. für diese Betroffenen kostenlos angeboten. Eine neue Chance tut sich auf!! Ein Bettler an der Temse hat das sehr schnell begriffen: In seinen Hut warf ein Geschäftsmann anstatt Geld einen Zettel. Hör auf zu betteln, steh auf und mache dich nützlich. Der Bettler folgte diesem Mann, fragte ihn wie er das anstellen soll? Folge mir sagte dieser und kehre meine Obsthallen. Der Bettler war überrascht, bekam einen "Hungerlohn" aber durfte das Obst aufnehmen. Er verkaufte es an einer Strassenecke. Jeder durfte den Preis selbst bestimmen. Am Abend hatte er einen Betrag den er normalerweise in 1 Woche nicht erbetteln konnte. Heute besitzt dieser Obstverkäufer einen Großhandel für Südfrüchte in einer Großstadt in der man gut Fasching feiert. Ich habe ihn persönlich vor über 10 Jahren kennen gelernt. Auch das past zu Fasching oder Karneval - Helau - Alaaf
Antworten - Kommentar von Helmut Dörfler (15.02. 2010 21:12 Uhr):
Wegen dem Grundstein für die heutige Klimadiskussion bedarf es offensichtlich auch der Nachhilfe (war wohl eine Luftnummer!) Tipp hierzu: www.eike-klima-energie.eu
Antworten - Kommentar von Andreas Adami (15.02. 2010 22:38 Uhr):
Hallo Tom. Tja was soll man zu Ihrem heutigen Rosentmontags-Newsletter sagen: Meine vollste Zustimmung zu jeder Zeile, zu jedem Wort! Leider kostet einen das wahre Wort oft den Job und wohl deshalb gibt es in Deutschland so viele Duckmäuser. Weiter so. A. Adami (geb. 1964)
Antworten
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- Kommentar von Klaus Reichel (15.02. 2010 23:08 Uhr):
Netter Beitrag, läßt aber wie andere auch einen Gesichtspunkt bzw. eine Frage völlig außer acht: "Wie schafft es ein Arbeitsloser, der Arbeit sucht, aber keine kriegt, nicht ins Hartz IV-Loch zu fallen?" Haben Sie darauf eine Antwort?
Antworten - Kommentar von Mario Fröhlich (15.02. 2010 23:27 Uhr):
"Ein Ruck muss durch Deutschland gehen" und zwar mit Debatte, ohne die geht es nicht bei uns. Mir wäre auch lieber gewesen, der Arbeitsminister hätte den Stein ins Rollen gebracht, aber nun ja, Herr Westerwelle ist besser als keiner, der Mann wird immer besser! Mir fehlt in der Diskussion aber der Zusatz, dass nicht die Harz IV Empfänger selbst schuld sind, sondern eben das System. Es kann nicht sein das Menschen 10-12 Stunden arbeiten gehen und wirtschaftlich mit Harz IV Niveau gleich gestellt werden. Und genau um diesen Punkt muss nun endlich mal öffentlich diskutiert werden. Da schlägt sich ein Politiker auf die Seite von arbeitenden Menschen und wird dann nieder gemacht. Der SPD Bezirksbürgermeister von Berlin Neuköln sagt ganz zu Recht: „Die Forderungshaltung, dass die Gesellschaft alle auftretenden Bedürfnisse des täglichen Lebens sofort auszugleichen hat, empfinde ich als überzogen“. Ist bei einem Harz IV Empfänger die Würde verletzt, wenn er 4 Jahre nicht im Urlaub war? Verletzt man nicht auch die Menschenwürde derer, die jeden Tag zu Arbeit gehen, mit ihren Abgaben das System am Leben erhalten und auch Jahre nicht im Urlaub waren? Ist es Menschenunwürdig, wenn jeder Harz IV Empfänger täglich 8 Stunden außer Haus gehen müsste, um gemeinnützige Arbeit zu verrichten? Ich hoffe für meine Kinder, dass Deutschland diese Diskussion mal ordentlich zu Ende bringt, mit Erfolg für die wirklich Bedürftigen in unserer Gesellschaft und dem Teil der Bevölkerung, die die Transferleistungen erwirtschaften. Beste Grüße aus dem Erzgebirge
Antworten - Kommentar von HH Fesenberg (16.02. 2010 03:21 Uhr):
--"Waale im Tanganyicasee": - - und das Pferd war krank; es konnte nicht mehr aufstehn. Da schnitt man dem Pferd den Bauch auf, und heraus kamen nur Würmer--- Dieses System zersetzt sich von innen heraus. Kriegt man eine Nation nicht militärisch oder ökonomisch auf die Knie, so muß man nur seine Tugenden zerstören;. - der Rest erledigt sich von selbst. Hier ist es gelaufen. Also bringen Sie P. irgendwo in Sicherheit - für die Zukunft. HHF
Antworten - Kommentar von EinTreuerLeser (16.02. 2010 08:35 Uhr):
Hallo Herr Firley, vielen, vielen Dank für diesen Artikel. Wie so oft bei Ihnen: In Ironie eingepackte Tatsachen, herzerfrischend zu lesen und zum Nachdenken animierend. Man könnte viel hinzufügen, aber ich Denke, es ist besser, es so stehen zu lassen und zu verinnerlichen.
Antworten - Kommentar von Helmut Höhenberger (16.02. 2010 08:52 Uhr):
Mann sollte Frau von der Leyen mal daran erinnern, das über dem Konzentrationslager von Auschwitz der Spruch stand" Arbeit macht frei".Hartz4 ist ein modernes Ghetto aus dem es kein Entrinnen gibt. Bequemes Entsorgen von Überflüssigen.Ich würde ein Experiment vorschlagen ; Regelsätze auf 40.-EUR reduzieren,dann hat sich das Problem Hartz4 in einem halben Jahr gelöst!Ich frage mich wo die Arbeit herkommen soll um aus H4 rauszukommen? Das ist genauso als würden sie zu einem Kind in Afrika sagen, wir geben dir jetzt kein Wasser mehr ,such dir einen Job dann kannst du dir Wasser kaufen!
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ENL5462
- Kommentar von Wolfgang Bopp (16.02. 2010 09:52 Uhr):
Herr Firley, Ihre Artikel gefallen mir generell recht gut, weniger Ihr völlig überflüssiger Einschub > mit 7 Kindern übrigens äußerst attraktive..<. Wo bleibt denn Ihre Bemerkung über die Attraktivität von Herrn Westerwelle oder - sagen wir - Herrn Geißler? Gruß, W. Bopp
Antworten - Kommentar von dawid engel (16.02. 2010 14:48 Uhr):
bin sehr an Ihren Nachhilfegedanken interessiert. Mit freundlichen Gruessen dawid engel
Antworten - Kommentar von Gottfried Berger (16.02. 2010 15:40 Uhr):
Wir brauchen Arbeitsplätze im mittleren und unteren Bildungsbereich. Solange sich Verkäuferinnen oder Verkäufer vor der Kundschaft verstecken gibt es kein Wachstum. Ich kann das Geschwafel vom Wachstum nicht mehr hören.(Brüderle) . Gewinnsteigeung durch Einsparung ist heute an der Tagesordnung. Schuld an allem sind die "68" .Ich habe diese Chaoten erlebt, die sitzen heute in Amt und Würden. Mit freundlichen Grüßen Gottfried Berger (86 J.)
Antworten - Kommentar von Gsell Fritz (17.02. 2010 13:02 Uhr):
Sehr gut Ihre Gedanken !!! Ich finde Motivation führt zum Ziel. Begeisterung bringt mich auf den Weg. Weiter so ! Grüße aus München Gsell
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