Happy End und ewiger Sonnenschein
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 17. Mai 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Anmerkung in eigener Sache: Warum Hollywood unglückliche Enden mag, warum geschiedene Paare noch einmal heiraten und warum Investoren US-Anleihen mögen ... dies ist ein Auszug der Rede, die Bill Bonner letzte Woche in Las Vegas hielt:
Wie clever, dachte ich: Der neue Film von Jim Carrey.
Laut den Kritiken geht es in diesem Film darum, dass sich ein Ehepaar scheiden lassen will ... und sie wollen alle unangenehmen Erinnerungen an ihre Ehe verdrängen. Ich kann mir vorstellen, was als Nächstes passieren wird ... der Weg ist frei dafür, dass die beiden sich wieder ineinander verlieben.
Eine ähnliche Story gab es schon einmal in einem britischen Film aus den 1930ern – mit Ronald Coleman und Greer Garson. In diesem älteren Film verlor der Mann seine Erinnerungen allerdings nicht absichtlich, sondern eher durch einen Unfall ... er bekam im Ersten Weltkrieg eine Kriegsneurose. Deshalb konnte er neue, glückliche Erinnerungen schaffen, mit Greer Garson. Als er aber dann von einem Bus angefahren wurde, kam die Erinnerung an sein früheres Leben zurück ... und er vergaß alles über sein neues Leben. Seine Frau, die sich ihm nicht aufdrängen wollte, arbeitete fortan als seine Sekretärin und sagte ihm nicht, dass sie verheiratet seien.
Wie man erwarten konnte: Es endete so, wie alle Filme in den 1930ern – glücklich. Die beiden verliebten sich wieder ineinander.
Die Jahre der Weltwirtschaftskrise waren hart, wenn man Arbeit suchte – aber leicht, wenn man Filme liebte. Das reale Leben war voll von traurigen Geschichten. Die Aktienmarkt-Investoren waren ruiniert. Zehntausende Banken waren untergegangen. Ein Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung war arbeitslos. Und überall auf der Welt wurden die Menschen von diversen Formen des Wahnsinns ergriffen. Sie zogen Uniformen an und marschierten. Und kaum 10 Jahre später befand sich die Welt im Krieg ... mit Millionen von Toten ... und ganze Volkswirtschaften pulverisierten sich. Aber was im realen Leben schlecht ausging, schien im Film besser zu sein.
Jetzt befinden wir uns natürlich in einer neuen Ära des Films. Man kann nicht mehr damit rechnen, dass jeder Film ein Happy End hat; denn mit Happy Ends rechnen wir jetzt ja in unsren realen Leben!
Die Erinnerungen an die unangenehmen Dinge der 1930er, 1940er, 1950er, 1960er und 1970er ... und eines Teils der 1980er und 1990er sind weggewaschen worden. Unsere Erinnerungen daran sind weg.
Das ist zu schade. Denn wir brauchen die Geschichte. Von kaum jemandem ist die Fantasie wild genug, um mit dem mithalten zu können, was tatsächlich passiert ist.
Ein deutsches Magazin hatte letzte Woche als Titelstory: Die katastrophalsten Fehler des 20. Jahrhunderts. Es ging um die alten Geschichten der Hyperinflation; der ruinösen, teuren Kriege; der barbarischen, inhumanen Folterungen und der medizinischen Experimente; und um absurde Ideen. Deutschland ist ein Experte, wenn es um Katastrophen geht – das Land lebte schließlich ein Jahrzehnt unter dem Nazi-Wahnsinn ... und Ostdeutschland musste weitere 40 Jahren mit kommunistischem Geschwätz leben.
Während die Amerikaner keine Geschichte haben, hat Deutschland soviel davon, dass es nicht weiß, was es damit anfangen soll.
Ich war überrascht über die Reaktion, die mein Buch (in den USA) auslöste. Interviewer wollten von mir wissen, wann der Kollaps kommen würde, wie tief der Dow Jones fallen würde, und wo der Goldpreis im Sommer stehen würde.
(Anmerkung: Sie wissen, dass ich zusammen mit Addison Wiggin ein Buch geschrieben habe, das sowohl wirtschaftliche als auch historische Themen behandelt. In den USA ist es bereits erschienen – in Deutschland wird es hoffentlich nächsten Monat auf den Markt kommen.)
"Woher sollte ich das wissen", war meine Antwort. "Und wenn ich es wissen würde, warum sollte ich es Ihnen sagen?"
Meine Prognosen sind so gut wie die von jedem anderen. Was schockierend ist, ist die Tatsache, dass die amerikanische Finanzpresse sie ernst nahm.
Aber dann las ich diese Woche über mein Buch: "Die Aphorismen sind brillant."
Ich gebe diesen Kommentar wieder – nicht, weil ich eingebildet bin, sondern in Demut. Denn wie Sie wissen ist Bescheidenheit meine einzige Tugend, und selbst das ist unehrlich. Denn die Aphorismen in meinem Buch sind nicht mehr als kleine, kondensierte, destillierte Stücke der Erfahrungen von anderen Menschen ... mit anderen Worten: Geschichte.
So habe ich zum Beispiel geschrieben, dass "die Investoren nicht das bekommen, was sie von den Märkten erwarten – sondern das, was sie verdienen." Das wurde vor Generationen festgestellt; meine Beobachtung hat keine Originalität.
Die Geschichte der Märkte zeigt, dass dieser Satz stimmt. Aber wer glaubt das schon? Welcher Investor denkt wirklich, dass er das verdient, was die Märkte liefern (das wären ungefähr 3 % Plus pro Jahr, wenn man sich die letzten 200 Jahre ansieht)?
Oder nehmen Sie meinen Rat: Niedrig kaufen, hoch verkaufen.
Jeder Investor gibt vor, dem zu folgen. Aber wer tut das wirklich?
Die Erinnerung der Investoren scheint ausgelöscht zu sein; sie denken, dass die Kurse nur steigen können. Die Aktienkurse stehen in der Nähe ihrer Allzeithochs, und dennoch kaufen die Investoren. Auch die Anleihenkurse sind sehr hoch. Aber auch die werden von den Investoren noch gekauft. Und Häuser? Wer kann sich schon vorstellen, dass die Immobilienpreise nicht nur steigen, sondern auch fallen könnten? Soweit wir uns erinnern, hat sich alles immer verbessert. Jede Geschichte des realen Lebens hat ein Happy End.
Und dennoch haben sich die Dinge auch im realen Leben nicht immer gut entwickelt. Gehen wir einmal 25 Jahre zurück ... das war, als ob wir auf einem anderen Planeten gelebt hätten.
Wer erinnert sich noch daran, dass vor rund 2 Jahrzehnten sowohl das KGV als auch die Dividendenrendite in den USA fast die gleiche Zahl hatten: 6?
Wer erinnert sich noch daran, damals der Preis für eine Feinunze Gold und der Stand des Dow Jones fast identisch waren – bei fast 800?
Jetzt liegt die Dividendenrendite der Aktien bei weniger als 2 %, und das KGV liegt bei rund 25.
Gibt es immer ein Happy End? Erinnert sich jemand daran, was der Goldpreis in den letzten 2 Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gemacht hat? Er ist natürlich kollabiert.
Wer erinnert sich daran, was passiert ist, wenn man in den frühen 1980ern US-Staatsanleihen gekauft hat? Da konnte man Zinsen von 15 % erhalten. Hier halte ich kurz an und atme tief durch. Was passierte, frage ich mich? Auf welche Weise hat sich die Welt so dramatisch verbessert, dass die Gläubiger ihr Geld jetzt für ein Drittel dieses Wertes verleihen? Ist die Welt soviel sicherer geworden? Ist der Dollar soviel sicherer geworden? Sind die amerikanischen Staatsfinanzen soviel gesünder geworden? Ist die Fed soviel besser geworden, wenn es um den Schutz der amerikanischen Währung geht?
Die Investoren tun etwas, das atemberaubend ist.
1980 hatten die USA eine positive Handelsbilanz, und die Amerikaner waren Netto-Gläubiger gegenüber dem Rest der Welt. Das Land war friedlich. Die Republikaner sagten, dass sie an ausgeglichene Haushalte glaubten. Die Leute gaben noch eine Party, wenn sie ihre Hypotheken abbezahlt hatten. Der damalige Fed-Vorsitzende Paul-Volcker sagte, dass er die Inflationsraten senken würde ... und er meinte das auch so. Ronald Reagan war Präsident. Man konnte eine Aktie mit einem KGV von 6 kaufen ... und man konnte sein Geld der US-Regierung für 15 % pro Jahr verleihen. Die Gläubiger verlangten soviel, weil sie sich noch an die Inflation der 1970er erinnerten. Sie wussten, dass nicht jede Investment-Story ein Happy End hat.
Ein Vierteljahrhundert später hat sich alles verändert. Unser Gedächtnis ist um alle negativen Erinnerungen bereinigt worden. Die Leute halten es nur noch für ein Drittel so riskant wie vorher, Geld zu verleihen ... als ob sie in ewigem Sonnenschein leben würden. Wieder einmal haben sich die Investoren verliebt.
Demnächst mehr ...