Hang-Seng-Index: Ordentliche Bodenbildung
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 19. März 2009, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
USA, Großbritannien, Schweiz, Hongkong - vier Weltfinanzzentren mit scheinbar den gleichen Problemen im Umfeld der Finanzkrise. So ganz stimmt diese Feststellung allerdings nicht. Zu Zeiten des rein kommunistischen Chinas vor mehr als 20 Jahren hätte die Finanzkrise den Börsenplatz Hongkong noch viel härter getroffen als heute, denn die Abhängigkeit der ehemaligen Kronkolonie von Großbritannien und den USA war damals sehr hoch. Das Ende der britischen Herrschaft 1999 ermöglichte aber dem Stadtstaat eine stärkere Ausrichtung auf die regionalen Handelspartner, so dass es bis zum Ausbruch der Vogelseuche SARS 2003 zu einem deutlichen Aufschwung der heimischen Wirtschaft im Gleichklang mit der gesamten Region kam. Betrachtet man sich heute den Zustand der britischen Wirtschaft, kann Hongkong die Loslösung von Großbritannien vor 10 Jahren als kleinen Glücksfall bezeichnen. Andererseits wurde mit der Übergabe an China die vorrangige Ausrichtung auf die Finanzwirtschaft nicht automatisch aufgegeben. China betrachtet Hongkong als zusätzliches Finanzzentrum neben Shanghai, dessen westliche, vermögende Kundschaft die dort gewohnten Investitionsfreiheiten auch weiter intensiv wahrnehmen soll.
US-Finanzkrise trifft Finanzwirtschaft
Gerade hierin liegt aber auch das akute Problem der Hongkonger Wirtschaft, denn anders als in den Rezessionen Anfang der Neunziger Jahre und 2002/2003 traf es mit der Hypotheken- und Bankenkrise auch die vermögendere Kundschaft härter als zuvor. Von den vielen plötzlichen Neureichen in China sind wegen des Einbruchs der Exportwirtschaft Zahlreiche wieder von der Bildfläche verschwunden. Zwar legen die in Hongkong ansässigen Banken hohen Wert auf eine konservative Anlagepolitik, aber selbst eine breite Diversifikation der Vermögenswerte schützte die Anleger diesmal nicht vor Vermögensverlusten. Zudem nutzten viele US-Investoren ihre noch vorhandenen Barreserven in Hongkong um die eigenen Vermögensverluste in den USA auszugleichen. Darüber hinaus plagen den Finanzplatz in Sachen Umsätze und Arbeitsplätze die gleichen Sorgen wie New York oder London. Zwar brach der Derivate-Markt nicht ganz so dramatisch weg, doch die harten Sparkurse der Mutterkonzerne treffen auch die Filialen in Hongkong. Und auch die Paradedisziplin Vermögensverwaltung muss wegen der gesunkenen Volumina mit geringeren Provisionen auskommen.
Erholung in China als Lichtblick
Umsomehr setzt die Wirtschaft des Stadtstaates auf das riesige Konjunkturprogramm der chinesischen Regierung. Anders als die US-Bürger sind die Chinesen wegen ihrer sehr starken Spartätigkeit durchaus in der Lage durch erhöhten privaten Konsum einen binnenwirtschaftlichen Wachstumsimpuls anzustoßen. Die chinesische Regierung ist sich dieser Tatsache bewusst und hat das Vertrauen der Bürger mit dem eigenen Investitionspaket gestärkt. Die Finanzbranche dürfte hierbei indirekt in Form von Finanzierungen von staatlichen Großprojekten profitieren. Da auch in Hongkong das Zinseniveau deutlich gefallen ist, sind zumindest die Voraussetzungen gegeben, die Kreditnachfrage anzukurbeln. Beginnt in absehbarer Zukunft auch das Konjunkturpaket der Amerikaner zu wirken, dürfte das die ehemalige Kronkolonie rasch zu spüren bekommen. Viele Finanzierungen im Asiengeschäft der USA laufen über den Finanzplatz Hongkong.
Der Hang-Seng-Index befindet sich seit Ende Oktober 2007 in der Baisse. Von seinem Hoch bei 31.900 Punkten verlor in der Spitze zwei Drittel an Wert (Tiefpunkt 10.676 Punkte, 27.10.2008). Seither ist der Hongkonger Börsenbarometer in eine breite Seitwärtskonsolidierung eingeschwenkt. Die untere Begrenzung dieser Handelsspanne bilden das genannte Tief sowie ein zweiter Tiefpunkt vom 9.3. bei 11.344 Punkten. Die obere Begrenzung liegt am Widerstand bei 15.200 Punkten. Aufgrund der Intensität der Abwärtsbewegung über die vergangenen 12 Monate existieren mehrere, gültige Abwärtstrendlinien, die eine Art Fächer bilden. Dies ist eine typische Formation für eine länger andauernde Trendbewegung. Aktuell notiert der Hang-Seng dicht unterhalb der jüngsten Abwärtstrendlinie. Sowohl der auf die 0-Achse sich zubewegende MACD als auch der Bodenbildungsindikator Copock, der ebenfalls nicht mehr unweit der 0-Achse notiert, deuten darauf hin, dass der Index diese Abwärtstrendlinie in den nächsten beiden Wochen überschreiten wird. Dann eröffnet sich neues Erholungspotential bis in den Bereich um 15.200 Punkte und darüber hinaus bis knapp 16.000 Punkten. Scheitern die Bullen allerdings an der aktuellen Abwärtstrendlinie, muss mit einem Rückschlag bis an den Tiefpunkt vom März bei 11.344 Punkten gerechnet werden.
