Hang-Seng-Index: Es wird bullischer
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 20. Juli 2009, 08:00 Uhr
ENL5454
Die magische Zahl 8 bewegte in der vergangenen Woche die Weltbörsen. Mit einem Wachstum von 7,9 Prozent für das zweite Quartal verpasste China nach eignen Angaben nur ganz knapp die angestrebte Wachstumszahl von 8 Prozent. Diesen jährlichen Durchschnittswert braucht das Reich der Mitte, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und so die Millionen von Wanderarbeitern sozial besser zu stellen. Den Aktienmärkten war es am Ende egal, sie nahmen es nicht so genau und feierten die neue Lokomotive der Weltwirtschaft auch so. Besonderer Profiteur dieser Entwicklung ist der Handelsplatz in Hongkong. Die einstige britische Kronkolonie gilt nicht nur als empfindlicher Sensor für die Wirtschaftsentwicklung in den USA sondern auch als finanzpolitisches Aushängeschild Chinas. Die wesentlichen Transaktionen auf dem Kapitalmarkt im Bezug auf Ausländer werden über Hongkong abgewickelt. Auch Chinas Millionäre nutzen den Börsenplatz Hongkong gerne für ihre internationalen Transaktionen und verleihen einem der größten asiatischen Börsenplätze damit zusätzliche Bedeutung. Die durch die sehr großen Konjunkturpakete Chinas und der USA massiv zur Verfügung gestellte Liquidität, die durch die Maßnahmen der nationalen Notenbanken noch erhöht wurde, entfaltet nun auf dem international als am meisten liberal geltenden Kapitalmarkt seine Wirkung.
Zahl der Börsengänge steigt
Ein Beleg für die Rückkehr der Aktienmärkte zur Normalität ist die steigende Anzahl von Börsengängen. Chinas Regierung nutzt bevorzugt Hongkong für größere Transaktionen, an denen sich internationales Kapital beteiligt werden soll. Bis Ende Juni lag allerdings auch der Neuemissionsmarkt in Hongkong brach, denn die Liquiditätsschwierigkeiten der internationalen Banken ließen bis fast ein Jahr lang keinen Börsengang zu. Zuletzt scheiterte die Platzierung des drittgrößten chinesischen Versicherers China Pacific Insurance an mangelnder Nachfrage. Das Unternehmen, das bereits an der Börse in Schanghai gelistet ist, wollte rund vier Milliarden US-Dollar erlösen. Nun soll noch im Laufe dieses Jahres, vermutlich im September, durch die Ausgabe von einer Milliarde Anteilsscheinen ein Mittelzufluss von 3,5 Milliarden US-Dollar erreicht werden. Bleibt das Finanzmarktumfeld so freundlich wie aktuell wäre eine erfolgreiche Emission auch ein positives Zeichen für die bisher arg gebeutelten Finanzplätze in London und New York. Die Wirtschaftskrise zwingt nämlich viele Branchen zu einer Konsolidierung, in deren Rahmen nicht nur Fusionen und Übernahmen stattfinden, sondern zur Liquiditätsbeschaffung auch wieder vermehrt Randaktivitäten ausgegliedert und über die Börse als eigenständiges Unternehmen etabliert werden. Die Jahre 2004 und 2005 konnten sich hier infolge der Rezession 2001/2002 besonders auszeichnen.
Bedeutung der US-Anleger ungebrochen
Trotz der steigenden Bedeutung der einheimischen Investoren bleibt die Bedeutung der US-Anleger für Hongkong ungebrochen. Nach wie vor gilt der ehemalige Stadtstaat, der heute eine chinesische Sonderwirtschaftszone repräsentiert, als Optionsschein auf die Wirtschaftsentwicklung in den USA. Nimmt der Risikoappetit der US-Investoren wieder zu, ist dies ein fast untrügliches Zeichen für einen baldigen Wachstumsschub in den USA. Die Bilanz des ausländischen Kapitalzuflusses ist deshalb für den Börsenplatz von erheblicher Bedeutung. Unter dem Aspekt der verschärften Regulierung der amerikanischen und europäischen Kapitalmärkte dürfte Hongkong in den nächsten Monaten wieder an Bedeutung gewinnen. Zwar unterwirft sich auch die chinesische Regierung den strengeren Regulierungskriterien aus den Abmachungen des G-20 Gipfels in London Anfang April, aber wesentliche Veränderungen im Vergleich zu den vergangenen zwei Jahren sind nicht zu erwarten, denn der Handel mit Kreditderivaten war in Asien kaum ein Thema. Asiatische Banken waren von den Verwerfungen der vergangenen 18 Monate daher auch kaum betroffen. Nicht nur das dürfte ein Grund sein, warum die asiatischen Börsen in den kommenden Monaten zu den Gewinnern der weltweiten Erholung der Wirtschaft zählen werden. Hongkong bleibt in jedem Falle für internationale Investoren attraktiv.
Konsolidierung vor dem Ende
Meine Mitte April veröffentlichte charttechnische Prognose stellt auf die 200-Tage-Linie als bedeutenden Widerstand für die Bullen ab. Die starke Aufwärtsdynamik ermöglichte den Bullen aber einen Durchmarsch bis über 19.000 Punkte, erst im Anschluss erfolgte eine Seitwärtskonsolidierung in Form einer bullischen Flagge. Am vergangenen Freitag ist der Index leicht über die Abwärtstrendlinie dieser Konsolidierungsformation nach oben ausgebrochen. Technisch gesehen ist damit ein weiteres Kaufsignal entstanden, dass aber noch in den kommenden Tagen bestätigt werden muss. Der MACD-Trendfolger vollzog die positive Kursentwicklung zumindest schon einmal nach, so dass die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ausbruch mit einem Kursziel bei 21.000 Punkten gegeben sind. Auch der Bodenbildungsindikator Coppock schickt sich an, mit der Überschreitung der 0-Linie das Gesamtbild weiter aufzuhellen. Ein wenig störend wirkt lediglich die Stochastik, die einen überkauften Markt signalisiert. Ein Rückfall bis 18.000 oder 17.700 Punkte würde aber den weiteren Anstieg des Hang-Seng-Index lediglich verzögern, eine Trendwende würde sich daraus noch nicht ergeben. Kritisch würde es für die Bullen wieder unterhalb von 16.000 Punkten, denn hier befindet sich nehmen einer stärken Unterstützungszone auch die nun seitwärts laufende 200-Tage-Linie.
Sollte es den Bullen im Zuge der Sommerrally sogar gelingen, den Widerstand bei 21.000 Punkten zu überwinden, wäre von einer Beschleunigung der Rally bis in den Widerstandsbereich um 24.400 Punkte auszugehen.
