Hang-Seng-Index: Baisse-Trend nocht nicht sturmreif
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 16. April 2009, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
in einer globalisierten Welt sollten Anleger ihre Aufmerksamkeit auf die wichtigsten Märkte der jeweiligen Erdteile richten. Im Bezug auf Asien sind der Blick auf Tokio und Hongkong unverzichtbar, mit Einschränkungen sind auch Shanghai und Sydney mit einzubeziehen. Mitte März wies ich in einer Analyse zum Hang-Seng-Index auf dessen Indikator-Funktion für den US-Markt hin. Die aktuelle Entwicklung nahm meine damalige Prognose bereits vorweg. Als einer der ersten weltweit beachteten Aktienindices nähert sich der Index seinem dominierenden Baisse-Trend. Würde es den Bullen in den nächsten Wochen gelingen, diesen Abwärtstrend zu überwinden, hätte das mit Sicherheit eine nicht zu unterschätzende Wirkung für den US-Markt sowie infolgedessen mit ein wenig zeitlicher Verzögerung auch für den DAX. Es stellt sich somit die Frage, ob es in absehbarer Zeit fundamentale Auslöser für einen Bruch des zentralen Abwärtstrends gibt. Betrachtet man sich die jüngsten Entwicklungen der US-Konjunkturindikatoren, so lässt sich allenfalls eine Erholung erahnen, fundamental unterfüttert ist diese noch nicht. Scheinbar besitzt die leicht optimistischen Aussagen zur Konjunkturentwicklung von US-Präsident Obama und Notenbank-Chef Bernanke eine hohe Glaubwürdigkeit unter den Investoren. Im aktuellen Stadium der US-Wirtschaftentwicklung ist das Enttäuschungspotential aber noch sehr groß, abrupte Rückschläge an den Börsen damit sehr wahrscheinlich.
Erholung in China hilft nur bedingt
Mit einem Auge schielen die Anleger in Hongkong natürlich auch auf die in Gang gekommene Erholung in China. Chinesen und Amerikaner haben aber eine bedeutende Gemeinsamkeit, sie nutzen ihre statistischen Erhebungen auch zur Wirtschaftssteuerung. Während die USA viele Daten im Nachhinein zum Teil deutlich korrigieren müssen (und die Märkte dann keine Notiz mehr davon nehmen), tappen die Ökonomen über den Wahrheitsgehalt der chinesischen Statistiken nahezu völlig im Dunkeln. Der Zuwachs der Industrieproduktion um 8,3 Prozent im März im Vergleich zum Vorjahresmonat hob sich deutlich von den schwachen Werten im Januar und Februar ab. Für einen Anschub der sehr exportlastigen Wirtschaft bedarf es aber nun einer weiteren, deutlichen Steigerung. Ohne ein Anspringen der Nachfrage in den USA und Europa könnte sich der Zuwachs aber nur als Strohfeuer aus dem bisherigen chinesischen Konjunkturpaket erweisen. In diesem Bewusstsein plant die Regierung eine weiteren finanziellen Impuls für die heimische Konjunktur, wohl wissend, dass damit auch ein Stück sozialer Friede erkauft würde.
Rückschläge bei den Banken und Insolvenzen in der Industrie dämpfen
Der Ankündigung der Schweizer Großbank UBS, weiteres Personal vor allem in Asien abzubauen darf als Signal gewertet werden, dass die Wirtschaftskrise sich auch dort nicht so schnell und leicht lösen lässt. Die laufende Erholung wird mit großer Wahrscheinlichkeit von den Auswirkungen der Bankenkrise in der Realwirtschaft unterbrochen werden. Rückschläge bei der Restrukturierung der Banken und die nun steigende Zahl der Unternehmensinsolvenzen werden Teil der aktuellen Bodenbildung sein. Allerdings dürfen sich die Bären ihrer Sache ab jetzt nicht mehr so sicher sein wie noch vor drei Monaten. 18 Monate Baisse nähern aus statistischer Sicht den Verdacht, dass die Bullen sich nun wieder aktiver um eine Richtungsänderung bemühen werden.
Zentraler Abwärtstrend vor dem Test
Wie Eingangs bereits beschrieben, stehen die Bullen nicht mehr weit davon entfernt, den seit Oktober 2007 gültigen Abwärtstrend einem Test zu unterziehen. Ausgangspunkt der aktuellen Rallye ist die Bildung eines doppelten Boden, bestehend aus zwei Tiefpunkten bei 10.700 Punkten im Oktober 2008 und 11.500 im März 2009. Hieraus bezogen die Bullen die Kraft, eine imposante Erholung des Hang-Seng-Index bis an die starke horizontale Widerstandslinie bei 15.800 Punkten zu initiieren. Die technischen Indikatoren deuten allerdings an, dass spätestens mit Erreichen der 200-Tage-Durchschnittslinie bei 16.400 Punkten eine Rallyepause eingelegt wird. Sowohl der Trendfolge-Indikator MACD als auch der Relative-Stärke-Index, der die Intensität des aktuellen Trends misst, bewegen sich schon auf überkauftem Niveau. Zudem erscheint es nicht sehr wahrscheinlich, dass es den Bullen im ersten Anlauf gelingen dürfte, die noch starke fallende 200-Tage-Linie zu überwinden. Je stärker der Fallwinkel dieser langfristigen Durchschnittslinie ist, desto größer wirkt sie als Widerstand. Es wird daher noch ein paar Konsolidierungsschleifen brauchen, bis die Bullen dann auch den Angriff auf den Abwärtstrend starten werden. Da eine erfolgreiche Bodenbildung immer auch mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden ist und die noch relativ hohe Volatilität vor einer nachhaltigen Trendwende noch stärker abgebaut werden muss, sollten Investoren noch bis Herbst mit einer Seitwärtsbewegung bei abnehmender Handelsspanne rechnen.
