Gut gegen Böse
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 20. März 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Geben Sie dem Krieg eine Chance.
Die Aktienkurse sind gestern schon wieder gestiegen und haben dabei die ersten Bombardements nur um wenige Stunden vorweggenommen. Die Investoren rechnen offensichtlich mit einem schönen kleinen Krieg, einen Krieg mit wenigen amerikanischen Toten, wenigen Komplikationen und wenigen Überraschungen.
Was eine "Nachkriegsrally" werden sollte, ist eine "Vorkriegsrally" geworden. Was wird passieren, wenn der Krieg zu Ende ist? Wird die Vorkriegsrally dann zum Nachkriegsabschwung werden?
Alles, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass es in Bagdad bald einen großen Knall geben wird. Und nicht nur einen. Ob das für die Investoren gut sein wird, ist eine offene Frage.
Die Welt ist voller Fragezeichen.
Nehmen wir einmal an, der Krieg ist kurz und süß. Und nehmen wir an, dass auf diesen Krieg ein neuer Bullenmarkt an der Wall Street, ein Wirtschaftsboom und die Wiederwahl von George W. Bush folgen werden. Wäre das wirklich gut? Oder wäre das nur das Vorspiel für ein noch größeres Desaster – wie der Bärenmarkt im Jahr 2000? (Wieder ein Fragezeichen!) Wer hat schon jemals davon gehört, dass ein Bärenmarkt seinen Boden gefunden hätte, wenn das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 40 liegt (Kern-Ergebnisse)? Irgendwie, irgendwann müssen die Aktien noch tiefer fallen ... würde ein Aufschieben die Sache nicht nur noch schlimmer machen?
Und was wäre, wenn der Krieg für die US-Wirtschaft gut wäre? Wenn ein kleiner Krieg so schöne Ergebnisse bringen würde, warum sollte man dann "Nein" zu einem großen Krieg sagen? Würde das nicht das nächste Land der Achse des Bösen zu einem unwiderstehlichen Ziel machen?
Das ist das Problem mit der Geschichte, liebe(r) Leser(in); die Geschichte ist immer komplizierter, perverser und überraschender als die meisten Leute denken wollen.
In einem Bullenmarkt verschwinden die Fragezeichen. Die Investoren hören auf, nach Pensionsrückstellungen, Aktienoptionsplänen, Kurs-Gewinn-Verhältnissen etc. zu fragen. Sie hören auf, sich überhaupt Sorgen zu machen. Alles was zählt, ist, dass sie "im Markt sind." Weil jeder denkt, dass er die Spitze des Bullenmarktes erkennen würde, schlägt nichts den Kauf und das Halten von Aktien.
Später fallen dann die Aktien, und die Fragezeichen kommen wieder.
"Was habe ich mir bloß dabei gedacht?" wird dann eine oft gestellte Frage. "Ich habe überhaupt nicht nachgedacht", ist meistens die ehrlichste Antwort.
In den heutigen Finanzmärkten beginnen die Fragezeichen erst langsam aufzutauchen. Die meisten Leute glauben immer noch "langfristig" an Aktien. Aber nach drei Jahren fallender Kurse beginnen sie sich zu fragen, wie lange "langfristig" sein wird.
Währenddessen befindet sich die amerikanische Stärke immer noch in einem Bullenmarkt. Und in den Beraterstäben der US-Entscheidungsträger sind Fragezeichen so selten wie Touristen in der Innenstadt von Basra. Diese Leute versuchen es, ärgerliche Zweifel und Fragezeichen zu vermeiden. Wenn ich mir die zahlreichen Emails von Lesern des Investor's Daily ansehe, denen meine Zweifel auch nicht gefallen, dann merke ich, dass diese Beraterstäbe mit dieser Ansicht nicht alleine stehen. Ihrer Ansicht nach ist die Situation sehr einfach: Auf der einen Seite steht das Böse, auf der anderen das Gute.
Und jetzt werden die guten Kräfte die bösen Kräfte konfrontieren ... und sie zur Hölle bomben. Dann wird die Welt ein besserer Ort sein.
Ich hoffe, dass sie Recht haben werden. Bis dahin werde ich weiter meine Zweifel äußern und Sätze mit Fragezeichen enden lassen.