Griechenpleite steht kurz bevor
Henrik Voigt in DAX Daily
vom 3. Februar 2012, 08:30 Uhr
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die Staatspleite Griechenlands (in den „massenkompatiblen" Medien gern verniedlichend „Schuldenschnitt" oder auch „freiwilliger Forderungsverzicht" genannt) steht kurz bevor. Die neueste Variante sieht Presseberichten zufolge zunächst einen Forderungsverzicht von 50 Prozent des Nominalwertes der Anleihen vor sowie einen Zinssatz von 3,6 Prozent für die dafür zum Umtausch angebotenen Papiere. Das entspräche insgesamt der angestrebten Abschreibung von 70 Prozent, die bisher strittig waren. Zum Ausgleich sollen sogenannte „Besserungsscheine" ausgegeben werden. Sollte sich die griechische Wirtschaft wieder erholen, könnten die Gläubiger mittels dieser Papiere davon profitieren.
Eine baldige Einigung in dieser Frage gilt als sicher und ist an den Märkten bereits eingepreist. Unklar ist allerdings, wie viele der Gläubiger diese Einigung tatsächlich mittragen. Zahlreiche Hedgefonds haben Schadenersatz-Klagen gegen die Vereinbarung angekündigt. Für einen Deal wird es höchste Zeit. Bis zum 13. Februar muss eine Umtauschofferte für die alten Anleihen gegen neue längerfristige und niedriger verzinste Anleihen vorgelegt werden. Sollte dies nicht fristgerecht geschehen, steht die nächste Auszahlung von Hilfsgeldern an Griechenland von der Troika aus IWF, EU und EZB auf dem Spiel. Am 20. März muss das Land davon nämlich eine rund 14 Milliarden Euro schwere Anleihe zurückzahlen.
Einigung hin oder her. Ist das Problem damit endgültig gelöst? Für die Börsen vorerst schon. Es dürfte allerdings im Laufe der nächsten Monate wieder auftauchen. Styropor geht auch nicht unter. Hier ein paar Meinungen von Experten, die ich für Sie aus der Presse zusammengetragen habe.
Der IWF-Chefkontrolleur für Griechenland, Poul Thomsen, fordert in der Zeitung „Kathimerini" (Mittwochausgabe) weitere Sparaktionen von der griechischen Regierung. Athen müsse staatliche Unternehmen schließen und notfalls Staatsbedienstete entlassen. Außerdem müssten die Löhne drastisch gekürzt werden. Es sei skandalös, so Thomson, dass in dem Land aufgrund der im EU-Vergleich hohen Mindestlöhne rund 40 Prozent der jungen Menschen arbeitslos seien.
Spiegel: Ein Griechenland-Schuldenschnitt, bei dem die privaten Gläubiger auf 70 Prozent ihrer Forderungen verzichten, wäre nach Einschätzung von Ökonomen um Henning Klodt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft nicht ausreichend. Griechenland müssten 80 Prozent aller Verbindlichkeiten erlassen werden, damit das Land der Schuldenspirale entkommen könne.
Der IWF stellt fest, dass das im Oktober beschlossene Rettungspaket über 130 Milliarden Euro Athen bis 2020 nicht aus der Schuldenkrise befreien wird, wo sich der Schuldenberg bereits auf 350 Milliarden Euro auftürmt. Die Halter griechischer Anleihen müssten sich zu weiteren Schuldenschnitten bereit erklären. Anders ginge es nicht, so der IWF. Inzwischen kommt dafür auch die EZB ins Spiel.
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: Europa wird für den Schuldenschnitt in Griechenland einen hohen Preis zahlen müssen, zum Beispiel in Form höherer Zinsen, die für europäische Staatsanleihen verlangt werden. "Die Erwartung war, dass Staatsanleihen zu 100 Prozent zurückgezahlt werden. Dieses Prinzip wurde verletzt - und zwar entgegen aller Aussagen, die zuvor gemacht worden waren", sagte Ackermann.
McKinsey-Chef Frank Mattern hat "erhebliche Zweifel", ob die griechischen Sparbemühungen ausreichen werden. "Es könnte der Fall eintreten, dass ein geordneter Austritt aus der Eurozone für Griechenland das kleinere Übel ist", sagte Mattern zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Denn die Abwertung einer neuen Währung hilft, international wieder mehr Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen."
Nach den Worten von EU-Finanzkommissar Olli Rehn braucht Griechenland mehr Hilfe von öffentlichen Kreditgebern als bisher geplant. Ein Forderungsverzicht privater Gläubiger reiche nicht aus, um das Land zu retten, sagte er zu Reuters.
Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker bringt als erster Regierungschef einen Schuldenerlass für Griechenland durch die Euro-Länder ins Gespräch. Sobald eine Einigung mit den privaten Gläubigern erzielt sei, "wird sich auch der öffentliche Sektor fragen müssen, ob er nicht die Hilfestellung leistet", so Luxemburgs Ministerpräsident zur österreichischen Zeitung "Standard".
Nach Ansicht des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) wird es Griechenland kaum schaffen, seine Staatsschulden in den Griff zu bekommen. Selbst wenn nicht nur die privaten, sondern auch die von öffentlichen Institutionen gehaltenen Schulden einem Haircut von 50 Prozent unterzogen würden, bliebe die Schuldenlast in Griechenland untragbar hoch.
EU-Währungskommissar Olli Rehn schließt eine Beteiligung des privaten Sektors an einem Schuldenschnitt eines anderen Eurolands aus. Griechenland bleibt Einzelfall.
Natürlich. Bei uns schneit`s auch jeden Sommer.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Jürgen Cordes (03.02. 2012 09:07 Uhr):
Wenn ein Schiff Probleme hat, hängt der Ausgang der Situation vom Kapitän ab. Er trifft die Auswahl aus den Lösungs-möglichkeiten. Alternative ist eine Meuterei. Die hat aber nur Erfolg, wenn die Meuterer wie ein Kapitän handeln und nicht in Interessengrupen zerfallen. Noch kann ich keine stabile Führungskon-stallation ausmachen. Schuld daran sind die vielen Fluchtmöglichkeiten, die es auf einem Schiff so nicht gibt. Da kennt man nur gerettet oder ertrunken.
Antworten - Kommentar von Bonfert Werner (03.02. 2012 16:50 Uhr):
Griechenland kann nicht gerettet werden. Eine Senkung der Löhne kann die Regierung nicht durchsetzen, ebenso nicht die Schließung der unrentablen staatlichen Unternehmen mit weiteren Entlassungen von tausenden "Beamten". Der einzig mögliche Ausweg ist der Austritt aus der EU.
Antworten - Kommentar von WF (03.02. 2012 23:23 Uhr):
Hallo Herr Voigt, im Nachgang zu meinem gestrigen Kommentar möchte ich Ihnen den heutigen Kommentar Ihres Kollegen Neugebauer vorstellen, der in erstaunlicher Weise das anspricht, was ich gestern meinte. MfG WF
Antworten - Kommentar von WF (03.02. 2012 23:27 Uhr):
jetzt also der Kommentar von Neugebauer: Der Turnaround ist in vollem Gange von Marcus Neugebauer Chefredakteur Turnaround-Brief Lieber Herr Fromm, ich muss immer schmunzeln, wenn ich derzeit kritische Marktkommentare wie „die Rally der Doofen" oder „die Bärenmarktrally ist schon bald zu Ende" lese. Denn diese Berichterstatter haben die handfesten Gründe für die Anfang des Jahres gestartete Hausse nicht erkannt und halten ungeachtet veränderter Tatsachen an ihren Untergangsszenarien fest - vermutlich vor allem deshalb, weil sie einfach den Börsenzug verpasst haben. Flutung durch die EZB Verstehen Sie mich nicht falsch, denn auch ich finde die Flutung der Märkte durch die Europäische Zentralbank nicht prickelnd, aber sie ist Fakt! Fakt ist auch, dass noch im laufenden Monat eine weitere Geldschwemme über die Märkte ergossen wird und zwar mittels eines weiteren 3-Jahres-Tender, der den Banken für 1% Zinsen zur Verfügung gestellt wird. Diese kaufen dann für dieses „billige Geld" Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten, die aktuell ein Zinsniveau von 5 bis 7% aufweisen. So werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen können sich die PIIGS-Staaten billiger refinanzieren und zum anderen hübschen die Banken gleichzeitig ihre Bilanzen auf. Flexibilität bleibt Trumpf! Ich hatte meinen Lesern bereits im vergangenen Jahr ans Herz gelegt, dass Sie auf veränderte Rahmenbedingungen schnell und flexibel reagieren müssen. Genau dies ist jetzt der Fall, denn die Euro-Zone wird nicht auseinander fallen, weil die EZB entschlossen gegensteuert. Damit werden die Probleme zwar „nur" in die Zukunft verlagert, sind aber erst einmal „Schnee von gestern". Auch die viel beschworene Rezession dürfte kaum so hart zuschlagen, wie dies von vielen Experten signalisiert wird. Genau diese neuen Gegebenheiten werden derzeit an den Aktienmärkten in die Kurse eingepreist. Viele Aktien konnten von dieser „Neubewertung" noch überhaupt nicht profitieren. Genau diese Turnaround-Kandidaten gilt es jetzt zu identifizieren. Herzlichst, Ihr Marcus Neugebauer Chefredakteur Turnaround-Brief
Antworten - Kommentar von Helmut (04.02. 2012 00:05 Uhr):
An fangen muss man nicht bei den offensichtlichen Auswirkungen, sondern an der Wurzel; so lange in Griechenland die Korruption beispiellose Blüten treibt, wird alles Geld auch genau da "versumpfen". Aber wo anfangen? Mit Papandreou oder den Europäischen Häuptlingen, denen klar war dass die Bilanzen für den Euro-Beitritt gefälscht waren? Am Ende wird man einen kleinen Straßenkehrer dafür verantwortlch machen, weil er die Rente für seine Oma zu lange kassiert hat. Die Drahtzieher des Systems werden nie vor dem Kadi landen und darum wird Grlechenland wieder eine eigene Währung einführen müssen (und da wird es nicht bei einem einzigen Staat bleiben)!
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- Kommentar von Albert Karl (04.02. 2012 01:23 Uhr):
Vielen Dank für Ihre Presse-Auszüge! 1. Von einem McKinsey-Chef aktuell diese alte Weisheit zu lesen, stimmt schon sehr traurig. Ich erwarte, dass er aufzeigt, wie und mit welchen gezielten Aktionen man dem Land erfolgreich helfen kann. 2. Wenn die Manager von Hedgefonds eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen der geplanten 70 %igen Abschreibung einreichen wollen, ist das für mein Verständnis mehr als nur peinlich. Auch wenn es ein einseitiger Eingriff in das Eigentumsrecht der Gläubiger bzw. Hedgefonds - die die Anleihen halten - ist, bleibt dies mit Verlaub gesagt, eine Schweinerei. Menschenrechte einklagen, weil die Rendite nicht stimmt, ist verachtenswert. Genauso, wie die von Goldman Sachs emittierten Finanzderivate, bei denen von vornherein klar war, dass deren Käufer Verluste verbuchen würden. Denn der Gegenpart war ein Hedgefonds, der über Goldman Sachs ein solches mieses Geschäft in die Wege geleitet hatte und dringend Käufer von Finanzderivaten suchte, die mit größter Wahrscheinlichkeit im Kurs fallen würden. Und so kam es dann auch. Die Anleger wurden betrogen. Der Hedgefonds gewann eine Milliarde , dank seiner "Freunde" bei Golman Sachs". Und mit Recht kann man fragen, wie es bei diesem Beispiel da mit den Menschenrechten steht, der seinerzeit betrogenen Anleger? 3. Die von Ihnen aufgezeigten Presseausschnitte ergeben ein solch kunterbuntes Durcheinander an Prognosen, dass man als kritischer Anleger nichts mehr klar sehen kann. Henning Klodt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sagt dies, Herr Ackermann sagt das, unser EU-Finanzkommissar Olli Rehn jenes, und unser guter Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker meint sogar allen Ernstes einen Schuldenerlass für Griechenland durch die Euro-Länder vorschlagen zu müssen. Es wird Zeit, dass dieses ganze politische Theater und somit diese unsägliche Finanzkrise endlich bald abgeschlossen wird. 4. Warum werden eigentlich die Milliarden und Abermilliarden Euro, die von den "reichen Griechen" in das europäische Ausland von ihren Besitzern überwiesen wurden, nicht schon längst eingefroren??!!!.
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