Griechenland: Deutsche Politik „entlarvt“ Spekulanten
Martin Stephan (Chefredakteur "Travel Trader") in Investoren Wissen
vom 12. März 2010, 16:00 Uhr
ENL5462
zur Einführung lesen Sie bitte den folgenden Spiegel-Artikel. Er trägt den hochtrabenden Titel "Deutsche Finanzaufseher decken Griechenland-Spekulationen in großem Stil auf“ und Sie finden dieses aufklärerische Meisterwerk hier:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,682136,00.html
Es ist schwer zu sagen, was mich bei diesem Beitrag am meisten "begeistern" soll. Etwa die Ahnungslosigkeit der Regierung in Sachen CDS? Oder, dass sich das BaFin vor den Karren der Regierungs-Trottel spannen lässt und diesen Hoax flankiert? Wahrscheinlich ist es aber doch die Unfähigkeit des zuständigen Spiegelredakteurs, diesen Unsinn auch als solchen zu erkennen. Damit erhalten erneut Märchenerzähler eine Plattform und nutzen diese um die Bevölkerung mit Stuss zu überziehen. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob diese Kreise nun gutgläubig sind oder gar vorsätzlich handeln. Das Ergebnis ist das gleiche: wirtschaftlicher Quatsch!
Wer keine Ahnung hat, wie das Instrumentarium der Spekulanten aussieht und wie es korrekt bedient wird, der wird natürlich auch keine geeigneten Lösungsansätze finden, wenn es um die Aufdeckung von Manipulationen geht. Wichtig ist sowohl den großen wie auch kleinen Spekulanten nämlich stets mit ihren Anlagen Geld zu verdienen und nicht irgendeinen Staat aus einer Laune heraus in die Bedrängnis zu bringen. Bitte bedenken Sie: Jede Positionierung gegen den Strom, gegen die Macht stellt für Spekulanten ein großes finanzielles Risiko dar. Dieses wird nur dann eingegangen, wenn fundamentale Ereignisse die Positionierung unterstützen und diese im Ernstfall schnell wieder aufgelöst werden können.
Der Angriff auf das britische Pfund 1992
Der Fall des britischen Pfunds aus der europäischen Währungsschlange, hervorgerufen durch die Devisenspieler unter der Führung von George Soros, ist ein gutes Beispiel für das Vorgehen der Spekulanten in solchen Fällen. Zum einen war die Britenwährung nach allen wirtschaftlichen Ansätzen deutlich überbewertet, wurde nur aus politischen Imagegründen nicht bereits abgewertet. Zum anderen wurden spekulative Pfund-Verkäufe gegen D-Mark in den Niederungen des unteren Interventionspunkts durchgeführt. Massiv Geld einsetzen mussten die Spekulanten freilich nicht, denn ein jeder Pfund-Verkauf führte zu einem DM-Zufluss. Das „Hedge Book“ war folglich stets ausgeglichen. Die in den Medien verbreitete Darstellung, dass Soros rund 10 Mrd. US-Dollar riskierte, um das Pfund zu Fall zu bringen, ist daher falsch. Vielmehr verkaufte Soros entsprechende Pfund-Mengen und kassierte die korrespondierenden DM- oder Dollarbeträge. Nur die Wertverschiebungen des Währungspärchen sorgten für Buchgewinne oder -verluste. Wäre das Pfund nicht zusammengebrochen, wären diese Positionen mit einem vergleichsweise kleinen Kursverlust vermutlich wieder aufgelöst worden. Zwischen Chance und Risiko bestand folglich ein hohes Chancenübergewicht.
CDS sind Versicherungsprämien
Völlig anders verhält es sich hingegen mit den ins Feld geführten „credit default swaps“ (CDS). Sie stehen für die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kreditnehmer während der Laufzeit des Kredites ausfällt, stellen eine Art Versicherungsprämie dar. Anders als im Devisenhandel gibt es für den CDS-Handel keinen echten Markt, kein „Clearing“. Vielmehr treten immer zwei Parteien als Geschäftspartner auf. Der eine sichert ab, zahlt die geforderte Prämie, der andere übernimmt die Garantie. Natürlich können CDS auch „nackt“ gehandelt werden. In diesem Fall sichert der Käufer nicht wirklich ab, sondern spekuliert auf den Eintritt des seltenen Ereignisses einer Pleite – oder hofft, dass er seine CDS teurer weiter verkaufen kann. Aber: Die Prämie muss er sofort bezahlen, sie ist eventuell verloren und ein schneller Ausstieg ist auch nicht gesichert möglich. Von daher ist es deutlich wahrscheinlicher, dass die Marktteilnehmer angesichts der verschlechterten Aussichten für Griechenland verstärkt die CDS ankauften um wirklich abzusichern, nicht um zu spekulieren. Der deutliche Anstieg der gehandelten Griechenland-CDS ist daher absolut verständlich. Wenn das der Bundesregierung beim nächsten Mal erneut nicht passen sollte, kann sie ja das Gegengeschäft anbieten und so den Wert der CDS konstant halten – allerdings übernimmt sie dann auch das komplette Ausfallrisiko. Da freut sich das deutsche Stimmvolk....
Echter Bedarf und keine Spekulation
Die Verdopplung der CDS-Abschlüsse war folglich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht einer viel zu unsicheren und damit sehr teuren Wette gegen Griechenland geschuldet, sondern es bestand ein echter Absicherungsbedarf am Markt, der bei steigender Nachfrage durch steigende Versicherungsprämien seinen Ausdruck fand. Nicht weniger – aber schon gar nicht mehr! Von Aufdeckung kann daher nicht im Geringsten gesprochen werden, von Unverständnis eines sehr speziellen Marktes allerdings schon.
Gute Tipps an die Griechen aus deutschen Hinterlanden
Aber das war noch nicht alles zum Thema Griechenland. So fühlten sich einige Polit-„Auskenner“ bemüßigt, der griechischen Regierung mit tollen Tipps zum Schuldenabbau zu Hilfe zu eilen. Ihre Idee: Athen könne doch einige unbewohnte Inseln verramschen sowie das eine oder andere Kulturgut. Auch der Verkauf von Industriebeteiligungen wäre wohl möglich. Soweit die Theorie. In der Praxis dürften diese Inseln wohl irgendjemandem gehören, ebenso die Akropolis, etc. und selbst wenn nicht. Was ist denn ein nicht erschlossener Felsbrocken in der Ägäis, nahe der Türkei ohne Infrastruktur wohl wert? Doch sicherlich keine Milliarden! Doch genau um diese Milliarden geht es, denn die direkte Staatsverschuldung beträgt rund 300 Mrd. Euro! Oder meinen die deutschen „Auskenner“ etwa, dass Griechenland seine Hoheitsrechte für die verkauften Inseln aufgeben sollte? Das wäre natürlich etwas anderes, denn dann könnten zum Beispiel Hedge-Fonds hier ein neues Offshore-Steuerparadies errichten. Oder die Türkei könnte die Grenzziehung etwas verändern. Die Konsequenzen dieses Treiben würden allerdings deutlich höhere Kosten für die europäische Allgemeinheit mit sich bringen als die immer noch überschaubaren Einnahmen der Athener Regierung.
Ostpreußen und Schlesien bald wieder „deutsch“?
Sollte dieses Beispiel allerdings Schule machen, könnte Deutschland zum Beispiel die massiv nach innen überschuldeten Polen (viel zu hohe Pensions- und Sozialverpflichtungen in der Zukunft) von ihren Ausgaben „freistellen“ – vielleicht gegen Abgabe von Ostpreußen oder Schleswig. Sie sehen anhand dieser Analogien wie gefährlich solche unbedachten Äußerungen einiger Polit-Opportunisten sind, vor allem weil sie stark interpretationsfähig sind. Jedwede Einnahmen aus solchem idiotischen Treiben würden aber nie in einem ordentlichen Verhältnis zu den Verwerfungen stehen, die daraus entstünden. Es ist eine ganz klare Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, Tipps in Bezug auf Verkäufe von Ländereien müssen zudem immer revanchistisch wirken und sind deshalb völlig fehl am Platz. Ob Griechenland pleite ist, entscheiden nicht deutsche Hinterbänkler in irgendwelchen Interviews sondern die Finanzmärkte – und die haben vor wenigen Tagen eine griechische Anleiheemission mit hoher Nachfrage angenommen – wenn auch zu ärgerlich schlechten Konditionen (zumindest aus griechischer Sicht). Gehen Sie bitte weiter davon aus, dass das Thema „sovereign debt“ in Südeuropa auch weiterhin Thema sein und tendenziell den Eurokurs, vor allem zur US-Devise, belasten wird.
Mit den besten Grüßen, Ihr
Martin Stephan
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Dr Papp Ernoene Ungarn (12.03. 2010 17:37 Uhr):
Sehr geehrter Herr Stephan! Ihr Beitrag ist - wie immer - hervorragend, und auch für Laien absolut verständlich. Über CDS hinaus würde ich aber weiter gehen. An der Börse gibt er heutzutage etliche Investmentmöglichkeiten außer An- und Verkauf von Aktien. Man kann z. B. bullische, bzw. bärische Zertifikate, Scheine auf fast alles kaufen. Also spekulieren. Ich sehe nichts schlimmes daran. Sollte soetwas schädlich sein, müsste man ja diese Möglichkeiten verbieten. Sie sind aber nicht verboten. Diese sog. Spekulationen sind zwar sehr riskant, können aber auch zu großen Gewinnen führen. Herr Soros konnte ja auch nur deshalb mit dem britischen Pfund so erfolgreich spekulieren, weil der GBP überbewertet war. Also UK hätte eine solche Spekulation ausschließen könnnen, indem sie GBP auf einen reellen Wert abgewärtet hätten. Und außer Herr Soros haben sicherlich viele kleine Spekulanten damals soetwas gemacht. Was zwar Volumenmäßig nicht zum Einbruch von GBP geführt hätte. Nur Herr Soros, und einige Großspekulanten konnten es hervorrufen, da diese mit riesigen Geldmengen operieren konnten, was ein Kleinanleger nicht tun kann. Also nur in solchen Fällen kann eine einfache Börsentransaktion zu drastischen Ereignissen führen, wo diejenige agieren, die über eine riesige Geldmenge verfügen. Also an erster Stelle die Banken, und Milliardäre. Denen gelingt es auch Kurse zu beeinflussen, auch einfache Aktienkurse, wenn z. B. eine Goldgrube von Herrn Warren Buffet gekauft wird. Dadurch schießen die Aktien dieser Grube natürlich in die Höhe. Kann, oder darf man den Banken und wohlhabenden Geschäftsleuten das agieren an der Börse verbieten. Ich glaube nicht. Welche Lösung würden Sie für dieses Problem als richtig finden? Zum Schluß muss ich betonen, dass ich leider nicht zu den Multimilliardären gehöre. Trotzdem beschäftigt mich diese Thematik in der letzten Zeit immer mehr, da ich aktiv an der Börse tätig bin als absolut Kleinverdiener. Mit freundlichen Grüßen: Noch eine Frage: Ab wann kann man Ihren neuen Dienst Travel Trader abonnieren. Würde mich sehr interessieren.
Antworten - Kommentar von Michael Doß (10.05. 2010 18:19 Uhr):
Sehr geehrter Herr Stephan, um Ostpreußen zu "erwerben", müsste man sich eher an Russland und zu einem Teil an Litauen wenden und nicht an Polen. Der "Erwerb" Schleswigs (genauer Nordschleswigs) wäre mit Dänemark abzusprechen. Ich vermute allerdings, dass hier, wie in der Absatzüberschrift erwähnt, Schlesien gemeint war.
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