Greenspan Maximus?
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 01. Februar 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Heute trifft sich wieder einmal Alan Greenspan mit seinen "Crownies", und morgen wird verkündet, was für eine Entscheidung in Bezug auf die Leitzinsen gefällt worden ist. Wenn ich an Greenspan denke, denke ich an einen Tag im Juli 2002. Da hatte er vor einem Komitee des US-Kongresses gesprochen und Folgendes gesagt:
"Die Tatsache, dass der Abschwung vergleichsweise mild und kurz ausfällt, ist ein Beweis für eine bemerkenswerte Verbesserung der Widerstandskraft und Flexibilität unserer Wirtschaft", führte Greenspan vor einem Komitee des US-Kongresses im Juli 2002 aus. "Die fundamentalen Voraussetzungen für die Rückkehr zu nachhaltigem, gesundem Wachstum sind gegeben", setzte er fort (denn die Aktienkurse stiegen wieder). "Der Überhang an Vorräten ist genauso wie die Überkapazitäten bei den Anlagegütern abgebaut; die Inflation ist niedrig und wird es sicherlich auch bleiben. Das Produktivitätswachstum zeigt sich mit einer bemerkenswerten Stärke und bildet damit nicht nur eine gute Grundlage für zusätzliche Konsum- und Investitionsausgaben, sondern sorgt auch für nachlassenden Kosten- und Preisdruck."
Diese Greenspan-Äußerungen wurden von keinem, auch nur dem winzigsten Lächeln begleitet. Und soweit ich weiß, machte er mit seinen Fingern auch kein Kreuz. Er sagte das, was er sagte, so, als ob er wirklich selbst daran glauben würde. Auf jeden Fall schienen seine Zuhörer ihm zu glauben. Der Kameraschwenk zeigte Politiker, die einen ernsthaften Eindruck vermittelten. Sie stellten dann ihre mehr oder weniger dümmlichen Fragen, die irgendwelche Sachbearbeiter für sie vorformuliert hatten. Sie lachten über ihre eignen abgedroschenen Witze. Niemand schien auch nur die leiseste Idee davon zu haben, wie lächerlich diese armselige Inszenierung eigentlich war.
Das Spektakel war für die beste Sendezeit vorgesehen. Mit ihm sollten die Aktienbesitzer mal wieder beruhigt werden. Auch diesmal gab es nur einen zeitweiligen "Vertrauensverlust" einiger launischer Investoren ... würden erst ein paar Bösewichter hinter Gittern sitzen, wäre dieser Vertrauensverlust schnell vergessen, so die allgemeine Ansicht. Niemand war so ungezogen, zu sagen, dass es ja wohl ausgerechnet der wichtigste Zeuge – Alan Greenspan persönlich – gewesen war, der für die Spekulationsblase und ihre Nachwirkungen verantwortlich zu machen war. Schon gar nicht wurde darüber nachgedacht, wie der Zentralbanker der Nation seinen Fehler jetzt korrigieren könnte.
Und heute, mehr als drei Jahre später, wird Greenspan allgemein immer noch nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung betrachtet.