Google: Start oder Untergang einer neuen Ära gewinnbringender IPO's?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 27. Juli 2004 18:00 Uhr
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Der nächste riesige und meines Erachtens völlig übertriebene Börsengang nimmt weiter Gestalt an: Google, die Internetsuchmaschine, die in wenigen Jahren die Suchmaschinenwelt nahezu komplett übernommen hat, gab nun die mögliche Preisspanne für ihre Aktien bekannt:
Diese Aktie soll zu 108 bis 135 Dollar ausgegeben werden, das entspricht einer Marktkapitalisierung von 3,3 Mrd. Dollar. Damit wäre der Googlebörsengang die achtgrößte IPO aller Zeiten und erst die zweite Emission, die mit einem Aktienkurs über 100 Dollar beginnt – wenn diese Aussagen nicht bedenklich stimmen, dann sollten Sie sich mal klammheimlich fragen, ob 3,3 Mrd. Dollar für eine "einfache" Internetsuchmaschine nicht auch aus rein logischen Überlegungen her völlig übertrieben bis absurd sind.
Google ist aus dem Wort "googol" entstanden – eine Schöpfung von Milton Sirotta, ein Neffe des amerikanischen Mathematikers Edward Kasner, der damit die Zahl mit einer 1 und 100 Nullen bezeichnete. Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob diese Zahl sich nicht vielmehr auf die Größe der Dummheit der Masse der Anleger bezieht, anstatt auf das Ziel des Unternehmens, die immense Menge von Information auf dem Web und in der Welt zu organisieren.
Immerhin wird von den Anlegern damit für jede Internetsite, die Google weltweit erreicht, etwas mehr als ein Dollar bezahlt – verrückt oder?
3 Mrd. Dollar, dabei betrug der Jahresumsatz (nicht der Gewinn) im Jahr 2003 961,8 Mio. Dollar – zugegeben bei exorbitanten Umsatzsteigerungen. Der Gewinn fällt mit 105,6 Mio. Dollar zumindest positiv aus und nicht wie bei einigen anderen IPO's der Vergangenheit negativ ... Sie erinnern sich.
Doch was treibt die Anleger dazu, Google auch zu solchen Preisen kaufen zu wollen? Es sind eben die enormen Wachstumsraten – Google könnte bald Yahoo überholen – damit ist Google die Wachstumsgeschichte schlechthin. Doch es ist wie bei den zu steilen Aufwärtstrends: Wenn alle davon überzeugt sind, ist ein Invest meistens höchst riskant.
Ich vermute jedoch, Google ist vielmehr nur eine Materialisierung der Hoffnung seltsam gestimmter Bullen, dass alles wieder wird wie zuvor – wie 1999. Und schon lese ich die ersten Kommentare, die durch Google den Damm gebrochen sehen wollen, für neue Emissionen – für eine neue Epoche der Internetaktien – für eine neue Epoche des Reichtums.
Möchte man da nicht laut aufschreien? Ich kann Ihnen nicht sagen, ob die Anleger, die Google Aktien erwerben, damit Geld verdienen werden – das interessiert mich auch nicht, ich mache bei solchen Spielchen grundsätzlich nicht mit. Ich habe meine ganz eigenen Gedanken zu diesem Börsengang, dazu mehr im nächsten Abschnitt. Zuvor möchte ich mich jedoch kopfschüttelnd fragen: Wie schnell nur kann die Gier den Menschen vergessen machen?
Ich habe ein bescheidenes Hobby, ich kaufe alte Börsenbücher, solche, die keiner mehr lesen will – ausgemusterte Exemplare – meistens für ein paar Euro. Es ist überaus interessant, Bücher aus den verschiedenen Epochen der Börsengeschichte zu lesen – die alten Techniken, die Einschätzungen, die Stimmungen damals zu erfahren und den großen Vorteil zu genießen, zu wissen, wie es wirklich weiter gegangen ist.
Immer wieder habe ich in Büchern von erfahrenen Börsianern gelesen, dass die großen Baissen der Geschichte erst ihr wirkliches Ende gefunden haben, wenn sich keiner mehr für Aktien interessierte. Wenn Menschen einen Investor komisch angeschaut haben, sofern dieser es wagte, zuzugeben Aktien zu besitzen. Am Ende einer Baisse waren oft nur noch die spielsüchtigen Zocker übrig.
Aber auch war zu lesen, dass es nach den großen Jahrhundertrallyes immer wieder zu viele erschreckend ausufernde Bärmarktrallys gekommen ist. Während dieser Rallyes verbesserten sich scheinbar die Konjunkturdaten, die Stimmung stieg. Doch häufig genug wurden so viele Bärmarktrallyes gestartet, die wieder in sich zusammengebrochen sind, bis auch der zäheste Anleger die Lust an der Börse verloren hatte – erst dann war der Boden erreicht (Letztes Beispiel, die Entwicklung in Japan). Dabei wird die Volatilität der Bewegungen immer geringen, da von Mal zu Mal immer weniger Menschen bereit sind, wieder einzusteigen. Diese beiden Fakten sind aktuell eindeutig noch NICHT eingetreten.
Und so scheint mir genau dieser Google Börsengang nicht ein Hinweis auf einen neuen Börsenboom zu sein, sondern vielmehr ein Indiz für den Hochpunkt dieser Bärmarktrallye. Genauso wie es die anderen übertriebenen IPO's kurz vor und am Hochpunkt der letzten Rallye gewesen sind. Eins jedoch sind solche IPO's seltenst, der Anfang einer neuen Epoche weiterer gewinnbringender IPO's.