Globalisierung
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 13. Mai 2005 18:00 Uhr
ENL5454
"Die Globalisierung wird gut funktionieren", sagt mein Kollege Dan Denning, "solange die Leute mit verschiedenen Gütern handeln. Wenn sie jedoch auf dem gleichen Markt mit den gleichen Gütern in den Wettbewerb treten, dann wird irgendwer seinen Job verlieren. Es ist gut, solange die Chinesen Reis anbauen und die Amerikaner Weizen. Wenn aber beide anfangen, Autos herzustellen ... dann wird einer den Kürzeren ziehen."
Die Verlierer im globalisierten Autosektor sind leicht ausfindig zu machen: "Ford und General Motors. Jedes Auto, das GM herstellt, muss mindestens 1.500 Dollar einbringen, um allein die Gesundheitsvorsorge der Angestellten sicherzustellen. Die chinesischen Autohersteller kennen eine solche Belastung nicht. Ihre Lohnkosten betragen nur fünf Prozent der amerikanischen Lohnkosten.
"Die Ökonomen sagen, dass die gekündigten Arbeiter neue Stellen finden werden", fährt Dan fort. "Aber was für neue Stellen? Was werden sie tun? Die Schuhe der Chinesen putzen?"
Viele Dinge funktionieren in der Theorie gut ... aber nicht in der Praxis. ... und umgekehrt. Unter den nationalen Stereotypen sind die Franzosen dafür bekannt, dass sie die Dinge, die in der Praxis funktionieren, vernachlässigen ... weil es ihnen nicht gelingt, sie auch in der Theorie nachzuweisen. Die Angelsachsen verstehen zu wenig von der Theorie, als dass sie entscheiden könnten, ob sie funktioniert oder nicht; sie interessieren sich nur für die Ergebnisse.
In der traditionellen Wirtschaftstheorie sparen die Leute. Ihre Ersparnisse werden von Unternehmern geliehen und die Geschäftsleute starten neue Unternehmen, neue Fabriken und neue Produkte. Diese neuen Produkte werden dann mit Gewinn verkauft, was zu neuen Arbeitsplätzen führt – und zu höheren Einkommen – die den Leuten wiederum mehr Kaufkraft geben, mehr Ersparnisse und so weiter.
Aber in der modernen, fantastischen Wirtschaft des Jahres 2005 liegen die Dinge so anders, dass ich mich schon frage: "Ist es ein Fehler der Theorie ... oder der Amerikaner? Heute wird kaum noch ein Cent gespart. Ich habe in den letzten 20 Jahren nicht mehr gesehen, dass Fabriken gebaut würden, wenn ich auch zugebe, dass es noch einige geben muss. Pro Stunde zahlt sich die Arbeit – in realen Werten – nicht mehr aus als noch vor 30 Jahren. Und doch sieht es so aus, als hätten die Amerikaner mehr Kaufkraft denn je.
Irgendetwas stimmt nicht. Das Bild ist grotesk, unnatürlich ... wie eine schöne Frau, die ihre eigenen Brötchen verdient – fast zu schön, um wahr zu sein. Man erwartet direkt, dass sie so eine ist, die später ihre eigene Katze flambiert.
Das Problem, wenn man nicht spart, ist, dass man keine Ersparnisse hat. Wenn Sie irgendetwas tun wollen, was über das hinausgeht, was Sie immer tun, dann haben Sie kein Geld, es zu bezahlen. Selbst das gegenwärtige Konsumverhalten wird sich nicht beibehalten lassen. Die Fabriken verschleißen und müssen neu gebaut werden. Und die Wettbewerber jagen immer weiter. Es gibt keinen Stillstand. Entweder man entwickelt sich weiter, oder man fällt zurück.
Selbst die verbreiteten Medien haben angefangen darauf hinzuweisen, wie seltsam die Dinge geworden sind. "Wenn der gegenwärtige Trend anhält, dann wird Amerika in diesem Jahr den nie da gewesenen Betrag von einer Billion Dollar leihen müssen. Hauptsächlich aus dem Ausland. Eine Summe, die sich in den Handels- und Leistungsbilanzdefiziten Amerikas widerspiegelt. Jeder Analyst, der noch bei Verstand ist, muss sich fragen, wie lange es noch so weitergehen kann ..." Dieses Zitat fand ich Anfang der Woche auf der Leitartikelseite des International Herald Tribune. Ich war überrascht, es dort zu finden. Ich hatte mich schon so daran gewöhnt, dort Thomas Friedmans infantiles Geschwafel zu lesen. (Auf den späteren Seiten findet die Zeitung zu ihrer gewohnheitsmäßigen Sinnlosigkeit zurück, als sie anmerkt, dass das Sparen – ebenso wie fast alles aus ihrer Sicht – eine gemeinschaftliche Verantwortung und ein zu befürwortendes Thema ist. "Der stärkste Schritt, um die nationalen Ersparnisse zu steigern, wäre ein Beschneiden der Haushaltsdefizite. Um das zu tun, müssen Bush und seine Verbündeten im Kongress die Genugtuung zurückstellen, die entstünde, wenn sie noch weitere Steuerkürzungen auf die eh schon reichlichen regnen ließen.")
Wie können die Amerikaner ohne Ersparnisse überhaupt so gut leben? Der IHT erklärt es:
"Einige behaupten, dass der Betrag der privaten Ersparnisse unterschätzt wird, weil er die steigenden Hauswerte nicht mit einrechnet, die vielen Hausbesitzern einen Schauder über den Rücken laufen lassen. Aber gesteigerte Hauswerte tragen nicht zu den nationalen Ersparnissen bei. (Oder – füge ich hinzu – zum nationalen Reichtum.)
"Solcher Reichtum wird nur dann in wirklich verfügbares Geld verwandelt, wenn das Haus verkauft wird. Doch das Geld, das dann in die Taschen des Verkäufers fließt, ist Geld, das aus den Taschen des Käufers heraus fließt. Es entsteht kein neuer Reichtum, es sei denn, der Verkäufer spart den Gewinn – was jedoch in der heutigen Verbrauchertheorie nur sehr selten der Fall ist. Stattdessen steigern die Verkäufer ihre Kaufkraft, während die Sparrate weiter sinkt und die Vereinigten Staaten insgesamt ärmer werden."
Die Theorie hat immer funktioniert. Die Leute sparen. Sie investieren. Sie werden reicher – genau so wie es sein soll. Sie leben aber einfach nicht in den Vereinigten Staaten. Die Weltwirtschaft ist globalisiert. In einer neuen, internationalen Arbeitsteilung sparen manche Leute und werden reich. Andere konsumieren und werden ärmer. In den Vereinigten Staaten ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Theorie die Praxis eingeholt haben wird.