Gierige Angestellte
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 14. April 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Mein Zug ist irgendwo am Ende der Welt zum vollständigen Stillstand gekommen. Der Eurostar ist eigentlich eine zuverlässige und angenehme Art, zwischen den beiden Städten London und Paris zu reisen. Aber gelegentlich hält er ohne ersichtlichen Grund.
Ich habe nichts zu lesen, außer ein paar Ausschnitten aus der letzten Ausgabe von Barron's und ein halbes Dutzend Bücher über den Ersten Weltkrieg. Zuerst will ich mich Barron's zuwenden.
Die amerikanischen leitenden Angestellten sind die bestbezahlten der Welt. Es wird allgemein angenommen, dass sie so reich bezahlt werden, um auszugleichen, dass sie den Aktionären Geld einbringen. Warum sonst sollten Kapitalisten ein Interesse haben, einen nennenswerten Teil ihrer Profite abzugeben?
In den letzten zehn Jahren, schreibt Barron's, sei die Kompensation der höchsten Angestellten in Amerika doppelt so stark gestiegen wie die Unternehmensprofite. Zwischen 1993 und 1995 erhielten die obersten Beamten eines öffentlichen Unternehmens 4,8 % der Unternehmensprofite. Zwischen 2001 und 2003 war das Niveau schon auf 10,3 % angestiegen. In dem Jahrzehnt das dem Jahr 2003 voranging hatten diese Führungskräfte 290 Milliarden Dollar an die höchsten Beamten gegeben. Warum sollten Kapitalisten ihren Angestellten einen so großen und immer noch wachsenden Anteil ihrer Profite zugestehen? Kann man nicht für weniger Geld kompetente Mitarbeiter finden? Und dann liest man auch noch solche Geschichte wie die über die Geschäftsführung bei Enron, oder WorldCom, und Sie stellen fest, dass man einigen dieser höchstbezahlten Geschäftsführern nicht einmal die Leitung eines Tante-Emma-Ladens anvertrauen sollte, ganz abgesehen von Milliarden Dollar schweren öffentlichen Unternehmen.
Wie kommt es dazu? Mit der Zeit neigen alle Institutionen – selbst so bewegliche wie der Kapitalismus – dazu zu entarten und sich selbst zu korrumpieren. Dann fällt alles in sich zusammen. Der heilige Petrus hätte die katholische Kirche unter den Medicipäpsten wohl kaum wiedererkannt. Amerika unter George W. Bush hätte bei Thomas Jefferson Ekel hervorgerufen. Und der amerikanische Kapitalismus im Jahre 2005 ist grundverschieden von dem Kapitalismus eines Andrew Carnegie oder John D. Rockefeller.
Amerikanische Investoren werden fertig gemacht. Die großen Aktien erreichen ihren höchsten Kurs und fallen danach. Aktienfonds verlieren Geld. Leitende Angestellte werden reich ... Rechtsanwälte und Börsenmakler machen immer noch Geld ... aber die Portfolios zur Altersabsicherung des kleinen Mannes trocknen aus. Dadurch verlassen sowohl das Geld als auch der Enthusiasmus den Aktienmarkt ... und wenden sich den Immobilien zu. Bald werden die Aktienpreise fallen. Und auch der Immobilienmarkt wird früher oder später zum Stillstand kommen.
Noch vor einer Generation haben die Leute Häuser besessen, weil sie finanzielle und körperliche Sicherheiten boten. Sie waren abgeneigt, diese Häuser mit Hypotheken zu belasten, wenn es sich vermeiden ließ, denn eine Hypothek machte das Haus weniger sicher. In harten Zeiten hätten sie so das Haus verlieren können Und dann hätten sie kein Geld mehr gehabt und auch keinen Ort mehr, an dem sie hätten leben können.
Wer von den Toten hätte sich träumen lassen, wie sich die Dinge ändern würden.