Gier und Angst
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 15. August 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Es gibt an den Börsen nur zwei wirklich große Emotionen – Gier und Angst. Die Ereignisse selbst sind fast unbedeutend. Selbst die Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 hätte noch ohne schlimmere Folgen ausgehen können – und nicht zwangsläufig zum 1. Weltkrieg führen müssen.
Aus kurzfristiger Sicht ist es deshalb nicht das Ereignis als solches, das wichtig ist ... sondern die Art, wie dieses Ereignis von den Investoren aufgenommen wird. Wenn man sich in der Nähe des Bodens eines Bärenmarktes befindet, dann ist jeder ängstlich, und fast jedes Ereignis wird als ein Omen des Untergangs bewertet. In der Nähe des Topps einer Spekulationsblase hingegen ist es schwer, ein Ereignis zu finden, das die Anleger nicht positiv bewerten. So führte in Tokio, auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase der späten 1980er, selbst ein Erdbeben zu Freudenstürmen der Investoren; und in den USA erklärten Kommentatoren wie Larry Kudlow nach den Anschlägen vom 11. September, dass dies zu einem Krieg führen würde ... der gut für die Wirtschaft und den Aktienmarkt wäre!
Und jetzt kollabiert der US-Anleihenmarkt.
Was bedeutet das?
Ich weiß es nicht, aber fast alle amerikanischen Volkswirte und Analysten und TV-Kommentatoren bewerten das als gute News.
Ich habe einige wenige essentielle Erkenntnisse: Auf einen Boom folgt ein Abschwung ... für nichts bekommt man nichts ... und selbst der Sonnenaufgang der Gier wird irgendwann der Mitternacht der Angst weichen.
Meine Mission ist es, die Dinge anders zu sehen als sie derzeit die Masse sieht. Ich will die Dinge derzeit so zu sehen, wie sie die Masse später sehen wird, wenn die Lichter ausgegangen sind. Die Investoren denken derzeit, dass steigende Renditen am Anleihenmarkt ein Zeichen für eine wirtschaftliche Expansion sind.
Aber ich denke, dass das etwas anderes bedeutet: Die Gläubiger werden verstärkt nervös; sie wollen höhere Renditen, um ihre erhöhten Risiken abzudecken.
Und wenn die Gläubiger noch nicht nervös sind, dann sollten sie es zumindest sein.
Die USA sind bis jetzt der größte Profiteur des Systems des Dollarstandards gewesen; bald werden die Amerikaner die größten Opfer dieses Systems werden. Dieses System hat es den Amerikanern erlaubt, Dinge zu kaufen, die sie sich nicht leisten konnten ... und dann mussten sie dafür nicht bezahlen. Stattdessen haben sie einfach "Dollar" gegeben.
Mittlerweile findet man kaum ein Sitzkissen auf der Welt, unter dem keine Dollar-Note liegt. Mit anderen Worten – die Welt ist mit Dollars überschwemmt. Und das Dollar-Angebot im Ausland erhöht sich JEDE MINUTE UM CA. 1 MILLION DOLLAR! Denn so groß ist das US-Handelsbilanzdefizit, d.h. um soviel importieren die USA mehr, als sie exportieren.
So etwas hat die Welt noch nicht gesehen. Aber so wie auf den Tag die Nacht folgt, so weiß ich, dass dies zu einem schlechten Ende kommen wird. Allerdings weiß ich im Gegensatz zur Tag-Nacht-Abfolge in diesem Fall nicht wann.
"Wie lange noch wird der Rest der Welt als Gegenleistung für seine realen Güter und Dienstleistungen Schuldeninstrumente der Vereinigten Staaten bereitwillig akzeptieren?" fragt Richard Duncan in seinem Buch, The Dollar Crisis. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die USA nicht mehr als kreditwürdig angesehen werden."
Mr. Duncan hat die richtige Idee. Aber sein Buch könnte ein Update gebrauchen. Die USA sind schon jetzt nicht mehr kreditwürdig ... denn es gibt keine Möglichkeit für sie, ihre Schulden und Verpflichtungen mit dem Dollar zum heutigen Wert zu bezahlen. Der Moment, an dem die Investoren das realisieren werden, liegt allerdings noch irgendwo in der dunklen Nacht.
Ich weiß nicht, wann die Sonne für das System des Dollarstandards schließlich untergehen wird. Aber ich denke, ich höre schon die Glocke, die zur Abendmesse läutet. Anleger, die Vermögenswerte halten, die in Dollar notiert sind – wie Fremdwährungskonten oder amerikanische Anleihen oder amerikanische Aktien – mögen ein ruhiges Gebet sprechen.