Gier: Nicht nur eine Bankerkrankheit
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 7. Dezember 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
glaubt man den Medien, so sind es wohl primär verschiedene Banker, die sich durch ungezügelte Gier auszeichnen, doch am Wochenende erlebte ich mein eigenes kleines Beispiel für Gier, was derart grotesk war, dass ich mich im ersten Moment gar nicht darüber ärgern konnte, sondern nur lachen musste, bevor dann der Zorn kam. Aber alles der Reihe nach (und natürlich sage ich Ihnen auch gleich, was das mit der Börse zu tun hat)...
Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind, sondern auch der Geburtstag verschiedener Familienmitglieder - so auch das vergangene Wochenende.
Ich besuchte meine Eltern und wir hatten geplant, aufgrund des besonderen Anlasses auswärts zu essen. Bei der gewählten Örtlichkeit handelte es sich um ein südländisches Restaurant, was eigentlich von seinem Ruf, seinen Speisen her und seinen Preisen durchaus im gehobenen mittleren Bereich anzusiedeln ist. Wir waren dort schon öfters und hatten soweit ganz solide Erfahrungen gemacht, so dass niemand auf den folgenden Vorfall vorbereitet war...
Dass in Restaurants gerade bei Getränken abgezockt wird ist ja bekannt, aber...
Ich bin kein naiver Träumer und mir ist somit sehr klar, dass auch in den meisten Restaurants nur mit "Wasser" gekocht wird und gerade im Getränkebereich entsprechende Gewinnmargen angesetzt sind, die sehr hoch ausfallen. Solange ich dies allerdings nicht "unter die Nase" gehalten bekomme, bin ich bereit, zu solchen Anlässen der Gesamtheit halber dies zu vergessen und stattdessen lieber die Zeit mit meinen Angehörigen zu genießen.
Dementsprechend dachte ich mir nicht viel bei, als zwei der Gäste zusammen eine Flasche stilles Wasser bestellten, denn bisher kam hier immer eine Art Krug mit dem entsprechenden Inhalt. Zwar hatte ich hier spaßhalber schon öfters den Verdacht geäußert, es könne sich nur um Leitungswasser im Krug handeln, doch ging ich letztlich nicht wirklich davon aus. Es hätte irgendwo einfach nicht ins Gesamtbild gepasst, da man gerade bei den Speisen sah, dass sich hier jemand Mühe gab, und die Zusammenstellung der einzelnen Gerichte durchaus sehr gut durchdacht ist.
Nun war es an dem besagten Tag allerdings etwas voller in dem Restaurant und offensichtlich waren wohl alle Krüge aktuell im Gebrauch. Auf jeden Fall fielen mir beinahe die Augen aus dem Kopf, als ich sah, wie der Kellner mit einer grünen Plastikflasche mit stillem Wasser ankam (19ct pro Flasche und bei einem größeren Discounter erhältlich, exakt die gleiche "Marke"!) und diese auf den sonst gut gedeckten Tisch platzierte.
Befremdlich ist wohl in diesem Fall etwas zu schwach formuliert; absolut gedanken- und hirnlos tritt es wohl eher.
Die Gäste waren natürlich alle sehr irritiert, doch diente der Vorfall zunächst noch eher der allgemeinen Belustigung. Damit war jedoch Schluss, als die Rechnung kam. Das 19ct-Wasser wurde dort mit (und ich übertreibe nicht!) mit 5,50 EUR berechnet, was einer Gewinnmarge von fast 3000% entspricht.
Ich muss gestehen, in dem Moment dachte ich wirklich, ich sei Teil einer Episode einer Art Scherz-TV-Sendung mit versteckter Kamera, bei der sich der dauerkreative Gag-Schreiber an seinem Arbeitgeber durch miserable Gags rächen wollte, da dieser ihm die tägliche Portion Koks strich o.ä.
Kurzum: Es versteht sich von selbst, dass ich mir den Kellner einmal zur Seite nahm und höflich und sachlich auf den Vorfall ansprach. Statt allerdings sich kulant zu zeigen, wurde der gute Mann unfreundlich und sogar etwas aggressiv, so dass ich anschließend mit dem Besitzer des Restaurants sprach. Leider erhielt ich hier eine noch aggressivere Reaktion, so dass dies selbstverständlich mein letzter Besuch in diesem lächerlichen Restaurant war.
Gleichzeitig werde ich die nächste Zeit einmal die regionale Zeitung verfolgen. Ich bin mir sicher, der Laden wird spätestens in 12 Monaten pleite sein, denn wie ich aus verschiedenen lokalen Internetforen entnehmen konnte, wächst die Zahl unzufriedener ehemaliger Stammgäste wohl mit jedem Tag.
Ich werde der Abzocker-Bude keine Träne nachweinen.
Die Dummheit des "nimmersatten" Restaurantbesitzers wird auch hier eines Tages entsprechend quittiert werden. Ein weiterer Vorteil der freien Marktwirtschaft...
Dies lässt sich auf die Börse übertragen
Warum habe ich Ihnen den obigen Vorfall berichtet? Um meinen Ärger abzuladen? Nein.
Hieraus lassen sich ein paar nützliche Dinge für die Börse und Ihr Verhalten als Anleger ableiten:
- Nur weil Ihnen etwas in einem schönen bzw. seriösen Umfeld präsentiert wird (etwa im Beratungsgespräch bei einer Bank, bei der viel Wert auf den "Service" und den eigenen Auftritt gelegt wird), muss es nicht gut sein. Blenderei ist heute öfters an der Tagesordnung, als die meisten Menschen glauben möchten. Ein fauler und vergammelter Fisch bleibt was er ist, auch wenn er Ihnen als exotisches Gericht in einem 5-Sterne-Restaurant flambiert und mit allerlei Show drumherum serviert wird. Gleiches gilt auch für Finanzanlagen und entsprechende "Berater", die Ihnen diese verkaufen möchten. Lassen Sie sich nicht vom Umfeld, in dem die Beratung stattfindet (Banken-Protzbau, aalglatte Berater, welche Ihnen die Getränke hinterhertragen und alle Ihre "Sorgen verstehen", etc.) blenden.
- Im Restaurant mag es ok sein, nicht zu wissen, wie man auf den Arm genommen wird, wenn man einfach nur einen schönen Abend mit den Angehörigen verbringen möchte; an den Finanzmärkten ist dies deutlich gefährlicher und Unkenntnis kann Sie leicht sehr viel Geld kosten.
- Auch wenn es in solchen Situationen wie meinem erwähnten Restaurantbesuch im ersten Moment nerven mag: Es zahlt sich aus zu wissen, was einem "angedreht" wird...
Ich wünsche Ihnen eine Woche frei von Ärgernissen.
Beste Grüße