Gewöhnung oder Kapitulation
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 16. August 2007 18:00 Uhr
ENL5454
Weiterhin belasten neue schlechte Nachrichten über die Subprime-Krise und deren Folgen die Kurse. Sie werden bald einen erstaunlichen Effekt erleben, der selbst in größerer Krisen immer wieder zu beobachten ist: Die Märkte neigen dazu, sich irgendwann an schlechte Nachrichten zu „gewöhnen“, und auf diese dann nicht mehr zu reagieren: "Ach, schon wieder eine Kreditbank geplatzt, na ja – kennen wir doch, interessiert uns nicht."
Die Kurseinbrüche nach solchen Nachrichten werden kleiner, die Reaktionen in den Medien weniger aufgeregt, bald sind es nur noch Nachrichten, die nebenher laufen und an der Masse vorbei gehen.
Es sei denn, der Markt kapituliert
Es gibt noch eine andere Möglichkeit, wie Märkte in Krisensituationen reagieren: Die Kapitulation. Diese ist etwas schwieriger zu erklären: Damit Märkte kapitulieren, müssen viele Faktoren zusammenkommen. Ein Beispiel dazu: Es müssen sich immer neue Ansätze einer Bodenbildung ausbilden, welche schlussendlich doch wieder abverkauft werden. Immer wieder steigen Investoren ein, weil sie hoffen, das Tief sei erreicht und nun werde eine stärkere Gegenbewegung einsetzen. Ein Teil dieser Investoren wird sehr schnell ausgestoppt. Ein anderer Teil bleibt jedoch auch bei fallenden Kursen investiert und dieses Geld fehlt fortan dem Markt.
Hinzu kommt, dass natürlich auch die Trader schnell die Lust verlieren, immer wieder neue Investitionen zu wagen, wenn sie sehen, dass der Markt jeden Bodenversuch abverkauft. Irgendwann werden sie sich dann frustriert und um einige Cent ärmer einfach zurücklehnen und warten, bis sich klare Signale ausbilden. Auch diese Liquidität fehlt dann dem Markt.
Bei weiter fallenden Kursen, und sinkender Bereitschaft, auf Gegenbewegung zu setzen, gibt es ein sehr schwer zu definierendes Niveau, an dem eine große Anzahl von Menschen Angst bekommt. Wenn dieses Niveau unterschritten wird, wenn selbst starke Hände aussteigen, dann kommt es zu Kurseinbrüchen in den Indizes, die über 4 % liegen - das ist dann das Zeichen für die Kapitulation.
Auslöser sind häufig weitere externe Nachrichten
Meistens wird diese Situation durch weitere Nachrichten, ein neues Thema, dass den Markt trifft, ausgelöst.
Im Moment mache ich mir Sorgen um die Auflösung der Carry-Trades. Sie erinnern sich, eine erste Auflösung von Carry-Trades führte zum Einbruch im März. Nun schauen Sie sich dazu den Dollar/Yen Chart an:
Der jetzige Einbruch ist bereits wesentlich heftiger als der im März, aber das ist nicht der springende Punkt.
Im Prinzip befindet sich das Dollar/Yen Verhältnis seit 1999 in einem sehr langen und sehr beständigen Seitwärtstrend. Der Kursverlauf ist vor kurzem an der oberen Linie bei circa 126 Yen abgeprallt. Innerhalb von solchen Seitwärtsbewegungen neigen die Kurse dazu, jeweils in der Gesamtspanne hin und her zu laufen. Das bedeutet, das Kursziel liegt aus charttechnischer Sicht nun bei 101 Yen. Und das kann sehr schnell erreicht sein. Wie schnell es gehen kann, sehen Sie an dem Einbruch aus dem Jahr 1998 (hier rot unterlegt). Wenn man übrigens die damalige Spanne an das jetzige Hoch anlegt, ergibt sich ein Kursziel von 90 Yen. Ich glaube jedoch nicht, dass der Dollar soweit fällt. Ich denke, dass spätestens bei 102 Yen Schluss ist.
Heute wurde übrigens auch die Aufwärtstrendlinie unter hoher Dynamik gebrochen. Auch aus diesem Grund ist die Aussicht auf einen Kurs von 101 Yen nicht sonderlich abwegig.
Die Mittellinie, die letzte Bastion
Sehr wichtig ist im Moment die Mittellinie dieser Seitwärtsbewegung, welche bei circa 113-114 Yen liegt. An diesen Mittellinien kommt es oft zu entscheidenden Bewegungshochs, beziehungsweise Bewegungstiefs. Sollte der Kurs jetzt auch noch unter dieser Marke fallen, müssen wir mit einem Kurs von 101 Yen rechnen.
Das macht auch fundamental Sinn: Fast alle Anleger, die von Oktober 2005 in einen Carry-Trade Dollar/Yen eingestiegen sind, werden unter dieser Linie Gefahr laufen, dass sie mit diesen Carry Trade Verluste machen. Unter 113 Yen wird es also kritisch! Es kann sein, dass in dem Fall die Carry-Trades kollabieren und das wäre wahrscheinlich die Nachricht, die zu einer Kapitulation der Märkte führt. Spätestens dann sehen wir auch im DAX die 6250 Punkte Marke.
Euro/Yen kurz vor dem Trendbruch?
Diese Brisanz der aktuellen Lage zeigt sich nicht nur im Dollar/Yen-Verhältnis, sondern gilt auch für andere Währungspaare, in denen der Yen involviert ist. Hier zum Beispiel das Euro/Yen-Verhältnis:
Im Euro/Yen-Verhältnis steht zu befürchten, dass der massive Aufwärtstrend, der sich seit 2000 gebildet hat, gebrochen wird. Auch das hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit einen weiteren dramatischen Kursverfall zur Folge.
Der Carry-Trade des kleinen Mannes
Ganz deutlich wird allerdings die Auflösung der Carry Trade im folgenden Chart. Hierbei handelt es sich um den Neuseeland Dollar zum Yen. Der Neuseeland Dollar war aufgrund der hohen Zinsen einer der beliebtesten Investitions-Währungen bei den Carry-Trades der Kleinanleger in Japan.
Dieser Einbruch vermittelt erst die tatsächliche Dramatik der aktuellen Situation. Das ist ein eindeutiger Crash. Aber auch hier steht eine sehr wichtige Unterstützung an, nämlich die 77 Yen Marke. Es ist sozusagen die letzte Halte-Marke vor einem massiven weiteren Abverkauf.
Wie weit die Aktienmärkte diese Entwicklung verkraften, kann ich zurzeit noch nicht absehen. Noch sind die Abschläge zwar deutlich, aber eine richtige Panik kann ich nicht entdecken. Offenbar hat der Markt noch nicht kapituliert. Es kann also sein, dass es aktuell zu einer Gegenbewegung kommt und zwar sowohl in den internationalen Indizes, als auch in diesen oben genannten Währungspaaren. Wenn jedoch dieser neuerliche Versuch einer Gegenbewegung abverkauft wird, wenn diese Marken in den Währungspaaren nach unten aufgelöst werden, dann muss man mit einer Kapitulation der Märkte rechnen.
Was mich interessiert ist: Was passiert, wenn heute Nacht Japan ins Spiel kommt – ich kann nicht abschätzen, wie viele von der oben genannten Kleinanleger die Auflösung der Carry-Trades bisher verschlafen haben, da ich nicht weiß, ob diese noch zu den Handelszeiten reagieren konnten (ich kenne mich mit japanischen Brokern nicht aus). Eventuell kommt dann noch heute Nacht ein weiterer Schub.
Was tun, wenn alles in Panik gerät?
Was Sie bei einer Kapitulation tun sollten, wenn alles in Panik gerät, die Kurse senkrecht fallen, es kein Halten mehr gibt, wenn in den Medien der Untergang gepredigt wird und wirklich jeder Analyst zum Ausstieg oder zumindest zur Vorsicht rät? Wenn Sie schon länger den Investor’s Daily lesen, wissen Sie es: Kaufen, kaufen, kaufen! Aber natürlich erst dann, wenn es „richtig“ dramatisch wird.
Bis dahin können Sie natürlich schon vorsichtige Käufe überlegen, diese sollten Sie aber dicht absichern.


