Gewinne einmal anders betrachtet
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 12. März 2010, 16:00 Uhr
ENL5462
der Verlag und ich sind gerade dabei, für das IW-Themenarchiv erstmals eine eigene Homepage ins Netz zu stellen, weswegen ich Ihnen heute doch nicht wie geplant das IW-Themenarchiv präsentieren werde. Dieses folgt zum Beginn nächster Woche. Auch wird es ab dann dauerhaft und nutzerfreundlich für Sie über die Verlagshomepage zugänglich sein.
Lesen Sie stattdessen heute einen kleinen Weiterbildungsartikel, welchen ich für die Abonnenten meines US-Options Extreme Börsendienstes in der letzten Wochenausgabe verfasste.
Gewinne einmal anders betrachtet
Es gibt sicherlich kaum etwas schöneres, als das eigene Portfolio durch die Decke abheben zu sehen. Renditen von (additiv betrachtet) 1-2% pro Monat sind langweilig im Gegensatz zum Musterportfolio XY, welches innerhalb von 4 Monaten mit Pennystocks um 400% zulegen konnte. Doch gibt es immer zwei Seiten eine Medaille...
Die eine Seite, die ein jeder von uns kennt, sind die Gewinne. Je höher, desto besser. Je schneller, desto höher der Puls und der Adrenalinkick. Die andere Seite wird indes von den meisten Privatanlegern gerne übersehen und ist meines Erachtens auch der Grund dafür, warum 95% aller Trader an der Börse letztendlich mehr Geld verlieren als gewinnen und schließlich pleite gehen.
Es ist die Frage „Wie viel Risiko muss ich eingehen, um einen Gewinn zu erwirtschaften?“
Ein Beispiel:
Anleger Kunz (Name rein zufällig gewählt, ohne Bezug zu realen Personen) spekuliert gerne mit Biotechwerten. Er hat einen Investmentdienst abonniert, dessen „Raketenportfolio“ in der Zeit von Januar 2009 bis Januar 2010 um 75% nur alleine mit Aktien zulegen konnte. In diesem Musterportfolio werden immer 5 Aktien geführt, Liquidität wird niemals gehalten. Jede Aktie ist mit 20% gewichtet. Trader Kunz sieht schon den neuen Porsche vor Augen und rechnet sich aus, wie viel wohl seine investierten $10,000 bei einer Jahresrendite von min. 75% in 10 Jahren wohl wert sein werden.
Während der jüngsten Januarkorrektur fallen die Biotechwerte besonders stark zwischen 20% und 40%, weil viel spekulatives Geld gleichzeitig den Weg zur Exit-Tür sucht. Mitte Januar hat Anleger Kunz einen Buchverlust von $3000 zu verzeichnen und hört im Fernsehen die Moderatoren hektisch von einer griechischen Staatspleite faseln. Außerdem zeigt der Börsenticker auf Ente-TV, dass der Dow Jones um über 400 Punkte gefallen ist.
Fast schon panisch verkauft Kunz seine Positionen und ist im Nachhinein froh, noch den Absprung rechtzeitig geschafft zu haben, da die Nachrichten im Fernsehen ganz eindeutig sind: Es kann nur abwärts gehen.
Als einen Monat später das Biotech-„Raketenportfolio“ einen neuen Höchststand erreicht, ist Kunz wütend. Hätte er doch bloß die Aktien gehalten. Und Mist, heute sind die Teile schon wieder gestiegen. Na warte, den verpassten Gewinn holt er sich schon zurück. Er reinvestiert die $7,000 und steigt, wie kann es auch anders sein, wieder genau am höchsten Kurslevel ein. In der darauffolgenden Korrektur sinkt sein Portfoliowert auf $5.500. Kunz schwört sich, mit dieser „s§h*)ß! Börse“ nie wieder etwas zu tun haben zu wollen.
Als er Ende 2010 die Jahresrendite des "Raketenportfolios" sieht, ist er verwundert. Da steht eine Jahresperformance von 46%. Und Trader Kunz schwört sich, nie wieder Aktien vorzeitig zu verkaufen und investiert erneut $10.000 in das Raketenportfolio...
Ich möchte hier gar nicht irgendwelche anderen (meist fundamental orientierten) Börsendienste, welche nur die „zu 100% long“ Ausrichtung kennen, durch den Kakao ziehen. Es ist doch ganz klar, dass ein Börsenbrief, der zu Beginn einer Bullenphase zu 100% long in den Markt einsteigt, eine ansehnliche Rendite, je nach Länge der Phase bis zu mehreren Jahren, erwirtschaftet.
Aber als Anleger muss man auch wissen, wie groß das Risiko ist, welchem man sich mit dieser Strategie aussetzt.
Nehmen wir das fiktive „Raketenportfolio“ noch einmal als Beispiel. Dieses hat in unserer kleinen Geschichte einen Drawdown von ca. 30%. Diese 30% sind gefühlmäßig einfach zu viel für Kunz. Er verfällt in Panik, fürchtet um sein Geld und liquidiert wie ein Besessener alle Positionen. Dies führt zur folgenden, wichtigen Frage:
Wo liegt Ihre persönliche „Schmerzgrenze“?
Wie viel Verluste können Sie verkraften, bevor Sie das Handtuch werfen und sich von einer „Strategie“ bzw. einem „Tradingregelwerk“ verabschieden? Denn eines ist sicher: Jedes System und sei es noch so gut, durchlebt über kurz oder lang auch mal eine Verlustphase. „Obwohl Trades qualitativ nach allen Kriterien bestens ausgewählt sind, waren die letzten 8 von 10 abgeschlossenen Trades rot“. Solche Phasen werden immer vorkommen und führen letztendlich dazu, dass sich ein Anleger von seinem bestehenden (guten) Regelwerk oder einem guten Börsenbrief abwendet und sich etwas neues sucht.
Die Frage ist also: Wie viel will ich letztendlich gewinnen und welches Risiko muss ich dafür eingehen?
Wir können das Ganze auch in eine Formel packen und erhalten dann das sogenannte MAR- Ratio. Hierzu wird die annualisierte Rendite eines Portfolios oder einer Strategie durch den höchsten, zwischenzeitlich erzielten Drawdown geteilt. Je höher diese Kennzahl ist, desto besser. Eine MAR über 1 zeigt, dass die Rendite mit Hilfe eines angemessenen Risikos erzielt wurde.
Zwei Beispiele aus dem realen Leben (nur zur Veranschaulichung, keine Trading-Tipps):
- Die MAR des berühmten „Superfund“-Hedgefonds von Christian Baha (Superfund Q) beträgt 0,43. Das bedeutet, dass Sie mit diesem System sehr große Drawdowns im Verhältnis zu den zu erwartenden Gewinnen haben werden.
- Der „Global XL“-Hedgefonds von Estlander & Rönnlund bringt es hingegen auf eine MAR-Ratio von 5.40 (Stand Juli 2005) - und trotzdem hat der Superfund annualisiert eine höhere Rendite erwirtschaftet.
Wenn Sie also in Zukunft auf ein interessantes "Produkt" (Börsenbrief, Fonds, automatische Handelssystem etc.) stoßen, dann schauen Sie neben der historischen Performance auch auf das Risko (in Form des historischen Dradowns), mit welchem die Rendite erwirtschaftet wurde. Erst wenn Sie beide Seiten der Medaille kennen, sollten Sie darüber urteilen, ob das "Produkt" Ihren Bedürfnissen entspricht.
Beste Grüße und ein angenehmes Wochenende,
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Hiesinger Jürgen (13.03. 2010 18:35 Uhr):
US-Options Extreme ??? Bitte geben Sie mir eine kurze Info zu diesem Börsendienst. Vielen Dank MfG Jürgen Hiesinger
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