Gestatten, Frau Spitzeder...
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 22. Dezember 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
bevor ich zur heutigen Ausgabe komme, möchte ich ganz besonders auf den dritten Beitrag hinweisen.
Alexander Hahn
P.S.:
Noch ein Hinweis in eigener Sache: Seit gestern bin ich leider durch einen Magen-Darm-Infekt komplett ausgeschaltet. Die Beantwortung Ihrer E-Mail-Anfragen wird sich daher teilweise etwas verzögern. Ich bitte hierfür um Verständnis.
um Ihnen täglich einen möglichst interessanten und nützlichen Newsletter bieten zu können, lese ich jeden Tag mehrere Stunden in den verschiedensten Publikationen und Online-Medien für Sie. Hierbei kommt es ab und zu auch einmal vor, dass ich über ganz interessante Geschichten stolpere, welche ich selbst noch nicht oder noch nicht in vollem Ausmaß kannte.
Ich möchte Ihnen heute eine wahre und sehr interessante Geschichte aus dem München des 19. Jahrhunderts berichten. Parallelen zu irgendwelchen Entwicklungen oder Finanzskandalen heutzutage sind sicherlich rein zufällig...
Adele Spitzeder: Münchens "Frau Madoff" im 19. Jahrhundert?
Da ich selbst nicht der beste Geschichtenerzähler bin, sei an dieser Stelle ausnahmsweise auf einen guten Wikipedia-Artikel zurückgegriffen:
Adele Spitzeder war die Tochter des Sänger-Ehepaars Josef Spitzeder und Betty Spitzeder-Vio. Sie besuchte teure Privatschulen und verkehrte in der vornehmen Gesellschaft. 1856 gab sie ihr Debüt als Schauspielerin in Coburg und war dann in Mannheim, München, Brünn, Nürnberg, Frankfurt am Main, Karlsruhe und Altona engagiert. Sie hatte mehrere Lebensgefährtinnen. Spitzeder hatte keine eigene Wohnung, sondern lebte in Hotels und Gasthäusern und unterhielt eine Privatangestellte. Diesen aufwändigen Lebensstil konnte sie mit ihren Einkünften aus der Schauspielerei nicht finanzieren.
Die Spitzeder'sche Privatbank
Völlig mittellos versprach sie einem Zimmermann 10 Prozent Zinsen im Monat für 100 Gulden und zahlte ihm die ersten beiden Monatszinse sofort aus. Dies sprach sich schnell herum und bald kamen weitere Bürger, die ihr Geld zu diesen Konditionen anlegen wollten. 1869 gründete sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Emilie Stier in der Münchner Dachauer Straße eine Bank. Die Zinsen zahlte sie weiterhin bar aus, was damals nicht üblich war und ihrem Unternehmen einige Mundpropaganda bescherte.
Die „Spitzeder'sche Privatbank“ wurde innerhalb kürzester Zeit vom Geheimtipp aus Insiderkreisen zum Großunternehmen. Spitzeder zog aus einem einfachen Hotel in ein prachtvolles Gebäude in der Schönfeldstraße 9 in München um und hatte bald 40 Angestellte. Ihr Geschäftsgebaren und ihre Buchführung waren nicht nur unkonventionell, sondern regelrecht chaotisch. Das Geld wurde säckeweise in der Wohnung gestapelt und teils im Tresor eines Friseurs verwahrt. Angestellte, alle ohne kaufmännische Ausbildung, bedienten sich regelmäßig an den Geldern und die Finanzbuchführung beschränkte sich auf ein Quittungsbuch, in dem vermerkt wurde, wer wie viel eingezahlt hatte. Eine systematische kaufmännische Verwaltung der von ihr vereinnahmten Fremdgelder fand nicht statt; das Spitzeder`sche Grundkonzept war ein Schneeballsystem.
Spitzeder wusste um die Vorteile einer guten medialen Präsentation; sie bestach mehrere Redakteure mit bis zu fünfstelligen Guldenbeträgen für ein positives mediales Feedback (Rating). Zeitweise unterhielt sie sogar eine eigene Zeitung. Kreditvermittlern zahlte sie Provisionen in Höhe von 5 - 7 % der jeweils ausgereichten Darlehenssumme. Mit großzügigen Spenden und manchmal resolutem, manchmal fromm wirkenden Auftreten verschaffte sie sich Vertrauen und den Ruf als Wohltäterin. So eröffnete Spitzeder etwa die Volksküche im Orlandohaus am Platzl.
Aufgrund der meist bäuerlichen und Kundschaft aus dem nördlichen Umland Münchens wurde ihre Einrichtung bald „Dachauer Bank“ genannt. Bauern verkauften ihre Höfe, weil sie glaubten, von den Zinsen leben zu können. Spitzeder erweiterte ihre Geschäfte und kaufte und verkaufte diverse Häuser und Grundstücke in ganz Bayern.
Bankrott und Verurteilung
Spitzeder konnte dem stärker werdenden Druck der Regierung, der Banken und einzelner Zeitungen, die gegen die „Schwindelbanken“ zu Felde zogen, noch einige Zeit widerstehen. Als die Gegner etwa 60 Gläubiger organisieren konnten, die sich gleichzeitig ihr Geld auszahlen lassen wollten, brach die Bank zusammen. Spitzeder war nicht solvent und wurde von der Polizei am 12. November 1872 verhaftet.
In knapp zwei Jahren wurden 31.000 Bürger um insgesamt 8 Millionen Gulden geprellt. Nicht wenige davon begingen Suizid. Auch ganze Gemeinden waren ruiniert. Parallel dazu stürzten Bankensystem und Wirtschaft in die Gründerkrise, als deren Teil der Spitzeder-Bankrott gilt.
Adele Spitzeder wurde vor Gericht gestellt und nach zehnmonatiger Untersuchungshaft zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Als strafmildernd wurden unter anderem die fehlenden behördlichen Auflagen zur Buchführung sowie der Umstand anerkannt, dass Spitzeder nie mit irgendwelchen Sicherheiten geworben hätte. Spitzeder verbüßte ihre Strafe aus gesundheitlichen Gründen nicht im Zuchthaus, sondern in dem Gefängnis in der Badstraße in München, wo sie ihre Memoiren schrieb.
Beste Grüße
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Sergej (22.12. 2009 19:14 Uhr):
Hallo Herr Hahn, mein Anfrage hat weniger mit ihrem heutigen Beitrag zu tun. Ich habe aber keine andere Möglichkeit gefunden mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Ich finde ihre Beiträge und Analysen stets sehr professionell, weswegen ich mich auch dazu entschlossen habe ihr Testangebot für die US- Options wahrzunehmen. Leider werde ich zu Beginn der Testphase, also Mitte Januar aus beruflichen Gründen wenig Zeit haben für die ganzen formellen Dinge von denen Sie bereits im Vorfeld gesprochen haben. Deswegen möchte ich mein Vorgreifen entschuldigen. Habe ich Sie richtig verstanden, dass man für das Trading ein Konto beim Broker eröffnen sollte? Wenn ja, macht es einen Unterschied ob dies über die deutsche oder die amerikanische Seite erfolgt und gibt es dabei eventuell etwas worauf man besonders achten sollte? Ich würde dies gerne jetzt schon machen, da ich wie gesagt im Januar viel unterwegs bin. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen, habe aber natürlich auch Verständnis für ihren gesundheitlichen Zustand und die zeitlichen Rahmenbedingungen dieser Tage. Ansonsten wünsche ich ihnen gute Besserung und einen ruhigen und erholsamen Jahresausklang. MfG Sergej Steinke
Antworten - Kommentar von Alexander Hahn (28.12. 2009 00:11 Uhr):
Hallo Herr Steinke, ich habe Ihren Kommentar gerade eben erst durch Zufall entdeckt. Sorry. Vielleicht kontaktieren Sie mich in Ihrem Fall geschickterweise per E-Mail. Antworten Sie einfach auf eine aktuelle Investoren Wissen Ausgabe und fügen Sie Ihrer Nachricht eine Bitte zur Weiterleitung an mich an. So lassen sich Ihre Fragen schneller klären. Beste Grüße Alexander Hahn
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