Geschickt taktiert
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 29. Oktober 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Da hat Old Greeny, der Magier der Finanzmärkte, erneut in die Trickkiste gegriffen. Vielleicht erinnern Sie sich, dass wir hier im Investor's Daily eine alte Strategie erläutert hatten: Eine Regierung oder eine Notenbank warnt vor Deflation, um unbemerkt eine Inflation zu etablieren. Das Deflationsgespenst lässt die eintretende, zuvor gefürchtete Inflation weniger bedrohlich, sondern vielmehr erwünscht erscheinen.
Im Juni, als die Fed zum ersten Mal von anhaltend niedrigen Zinsen und einer Deflationsgefahr sprach, war Deflation noch ein wichtiges Thema an den Märkten. Das hat sich geändert. Dass Alan Greenspan gestern erneut über Deflationsgefahren spekulierte, hat mich verwundert. Insbesondere wenn es stimmt, dass die Wirtschaft um bis zu 6 % im dritten Quartal gewachsen ist (in einer expandierenden Wirtschaft bestehen grundsätzlich eher Inflationsgefahren). Wo soll da bitte eine Deflation herkommen?
Sie wissen, ich habe bei den letzten Zahlen darauf hingewiesen, dass sich erste leichte Anzeichen einer Inflation zeigen. Lediglich in der Autobranche und in der IT-Branche sind nach wie vor klare deflationäre Tendenzen zu erkennen. Wenn Sie sich nun überlegen, dass eine Zinssteigerung ungefähr sechs Monate braucht, um sich auf die Wirtschaft und damit auch eventuell auf die Preise auszuwirken, dann ist es zumindest bemerkenswert von Deflationsgefahr zu sprechen. Es sei denn – es stimmt was nicht mit dieser Wirtschaftserholung.
Doch welche Alternative hatte Greenspan? Er musste und wollte wohl verhindern, dass Zinssteigerungsängste den Markt belasten. Besonders nachdem US-Finanzminister Snow letzte Woche öffentlich über eine mögliche Zinssteigerung philosophierte. Seitdem geisterte das Thema Zinssteigerung durch die Medien und Alan Greenspan hat gestern alles versucht, dieses Gespenst zu vertreiben – offenbar sehr erfolgreich.
Aber auch auf anderem Gebiet versuchte Greenspan die Märkte mit optimistischen Aussagen zu beruhigen. Das Hauptargument gegen eine nachhaltige Wirtschaftserholung ist die immer noch schlechte Arbeitsmarktsituation. Und so hat Greenspan gestern nicht nur von einem erkennbaren Wirtschaftswachstum, sondern auch von einer Stabilisierung des Arbeitsmarktes geredet.
Für die US-Anleger zählte jedoch hauptsächlich die Kernaussage, dass die Zinsen auf lange Sicht niedrig bleiben werden. Erleichterung machte sich breit. Das drohende Zinssteigerungsgespenst war vertrieben – die Kaufzurückhaltung vergessen. Kein Wunder, dass der Nasdaq100 zum Schluss 3 % im Plus lag.
Was geschieht jedoch jetzt mit den Märkten? Geht die Rallye weiter? Es hat sich nichts an der hochriskanten fundamentalen Situation in Amerika geändert. Aber – der wesentliche Unterschied zwischen fundamentaler Analyse und Charttechnik ist, dass fundamentale Aspekte zuweilen ganz schön lange brauchen, bis sie von den Märkten eingepreist und umgesetzt werden. Das heißt aus fundamentaler Sicht kann ich Ihnen (immer noch) nicht sagen, was die Märkte in den nächsten Wochen machen werden, höchstens was sie machen sollten. Charttechnik reagiert auf aktuelle Situationen wesentlich schneller und ist im kurzfristigeren Bereich der fundamental Analyse vorzuziehen.
Folglich gilt weiterhin, erst wenn die in der letzten Woche genannten Marken nach unten gebrochen werden, vollendet sich diese Broadening Formation. Erst dann wird diese Formation zu einer Topformation, die auf ein Ende der Rallye hinweist. Bisher ist das noch nicht geschehen.
Ein Letztes dazu: Ich hatte es schon einmal erwähnt, ich arbeite mit der Target-Trading- Methode, den sogenannten Zielzonen. In der letzten Woche (Investor's Daily vom 20.10.03) hatte ich geschrieben, dass ich erst noch mit einem weiteren Anstieg zu oberen Linie der Broadening Formation rechne, da sich in diesem Bereich ein weiteres dieser Targets befindet. Allerdings hatte ich in der letzten Woche noch etwas schneller damit gerechnet. Wenn der steile Anstieg gestern, nun in den nächsten beiden Tagen fortgeführt wird, könnte diese Zielzone (bei 1460/1470 im Nasdaq100) noch erreicht werden. In diesem Bereich werden dann die Weichen gestellt. Dazu dann mehr.
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