Geschichtslektion
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 12. Mai 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Ich möchte nocheinmal an den 8. Mai erinnern – den Jahrestag des Kriegsendes in Europa. Am 8. Mai 1945 feierten die Leute in Paris (Sie wissen, dass ich seit einigen Jahren in Frankreich arbeite und lebe). Die Amerikaner in Paris wurden als Helden und Befreier gefeiert ... die Barkeeper boten ihnen kostenlos Drinks an und die Frauen boten ihnen Küsse an. Und jeder war froh, dass der Kampf vorbei war. Auf beiden Seiten des Atlantiks konzentrierten die Leute sich wieder auf ihre Arbeit und ihre Familien ... der Krieg war vorbei.
Ich werde heute wieder über ein geschichtliches Thema schreiben. Ich hoffe, dass Sie mir verzeihen, liebe(r) Leser(in). Aber was bleibt mir sonst? Über die Zukunft weiß ich überhaupt nichts ... außer dass sie eine Erweiterung dessen ist, was vor ihr kam. Deshalb schreibe ich heute lieber über die "Verbrechen, Dummheiten und Unglücke der Menschheit", wie Voltaire meinte.
"Das hat es alles schon einmal gegeben", sagte mein Freund Jim Rogers gestern am Telefon zu mir, als wir über den "Boom/Abschwung"-Zyklus sprachen. "Schau Dir nur die Geschichte an. Du weisst, dass ich an einem College in New York Geschichte unterrichte. Meine Studenten fragen mich manchmal, was sie tun sollen, um erfolgreich zu werden. Ich antworte ihnen dann, dass sie Geschichte und Philosophiebücher lesen sollten. Sie sagen dann 'Sollten wir nicht lieber Buchführung oder BWL lernen ...?' Ich sage dann: Nein, ihr müsst Geschichte lernen, weil das alles ist, was wir haben ... das ist die Zusammenstellung von all dem, was wir gelernt haben oder gelernt haben sollten."
Was Europa vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg gelernt hat, war, dass man so einen Krieg nie wieder führen sollte. Das war weniger eine intellektuelle als eine sentimentale Lektion. Die Leute, die beide Kriege überlebt hatten ... die Besetzungen ... die Uniformen ... wollten damit nichts mehr zu tun haben. Eine Antikriegs-Stimmung war auf ihren Lippen und in ihrem Blut.
Aber jetzt sterben die alten Soldaten aus. Monsieur Minig, ein französischer Bekannter von mir, der Kriegsveteran ist, sagte mir, dass beim diesjährigen Treffen nur noch eine Handvoll seiner alten Kameraden anwesen waren. Letztes Jahr waren es noch ein paar mehr. Bald wird niemand mehr übrig sein, der sich daran erinnern kann, wie der Krieg wirklich war.
Und die neue Generation der Krieger – hauptsächlich in Amerika – hat eine andere Stimmung. Sie denken, dass sie die westliche Zivilisation verteidigen ... den Terrorismus bekämpfen ... und Demokratie und Freiheit verbreiten.
Die Welt ist heute anders, als sie für die Überlebenden 1945 war. Damals war der Weltkrieg in Europa entstanden ... und ein widerwilliges Amerika half mit, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Jetzt sind es die Amerikaner, die auf der Suche nach Ärger sind ... aber wer wird den Unfug, den sie machen, wieder in Ordnung bringen?
Damals waren es die Deutschen, die versuchten, jeden niederzumachen, der sich ihnen in den Weg stellte. Heute sind es die Amerikaner, die auf dem Weg sind ... die eine neue Art des Imperiums anbieten ... ein softes Imperium ... das nicht mehr erobern und stehlen will, sondern Frieden und Demokratie in abgelegene Gegenden der Welt bringen will ... um auch den Rest der Welt sicherer und reicher zu machen. Dieses neue Imperium des guten Willens wird von einem Krieger geführt.
Mr. Bush sieht sich als Tiberius oder Hadrian oder Marcus Aurelius ... also als einen Krieger, aber nicht als einen Tyrannen.
Die Dinge haben sich geändert. Die Welt heute ist nicht mehr die von 1945. Die USA stehen vor einer neuen Ära der Weltpolitik.
Rom befand sich 146 v. Chr. in einer vergleichbaren Position. In diesem Jahr besiegte Scipio den großen, alten Feind Roms – Karthago – endgültig. Er belagerte Karthago, eroberte und zerstörte es.
Aber man sagt, dass Scipio geweint habe, als Karthago vor ihm verbrannt sei. Er schien verstanden zu haben, dass Rom in eine neue Ära eingetreten war. Rom hatte auf einmal keinen gleichwertigen Rivalen mehr; Rom war jetzt die beherrschende Macht des Mittelmeers (und damit des größten Teils der in ihren Augen bekannten Welt). Scipio muss nach vorne geschaut haben ... und er muss im Rauch von Karthago das zukünftige Bild von Rom gesehen haben. Früher oder später kollabieren alle Imperien. Er könnte sich gedacht haben, dass der Fall Karthagos nicht notwendigerweise der Anfang vom Ende von Rom gewesen sein muss ... aber vielleicht das Ende vom Anfang.
Ungefähr zur gleichen Zeit schlug der römische Konsul Metellus eine Revolute in Mazedonien nieder ... und der Römer Mummius eroberte Korinth und zerstörte es. Griechendland, vorher eine Großmacht der Region, wurde eine römische Provinz.
Wie Europa verglichen mit den USA heute, so waren damals die griechischen Stadtstaaten die "alte Welt". Sie waren die Quelle der Kultur und die Römer lernten viel von ihnen, aber die griechischen Stadtstaaten hatten ihre militärische Macht verloren. Wenn sie jemals ein Imperium gehabt hatten, so war dies Vergangenheit. Die Macht des Jetzt war damals Rom.
Aber bevor die Römer Korinth zerstörten und die Griechen versklavten, befreiten sie sie zuerst.
Peter Bender schreibt dazu: "Im Frühjahr 176 v. Chr. (Griechenland wurde ungefähr 25 Jahre später römische Provinz) kamen alle Würdenträger von Korinth zusammen, um zu hören, was Rom ihnen zu sagen halte. Die Griechen waren ungefähr 1,5 Jahrhunderte lang von den Makedonen unterdrückt worden, und jetzt hatten die Römer den makedonischen König Philipp V. besiegt und ihn dazu gezwungen, alle seine Besitzungen in Griechenland aufzugeben. Aber die Erfahrung zeigte, dass die Griechen nur einen Meister durch einen anderen austauschten."
"Der römische Herold verlangte Ruhe und verlas die Botschaft des römischen Senats: Wir geben Euch Freiheit und administrative Unabhängigkeit; es wird keine Besetzung geben und wir werden keine Tributzahlung fordern."
Die Griechen konnten ihren Ohren nicht trauen. Aber als sich die Botschaft rumsprach, wurden die römischen Botschafter bejubelt.
Jeder hatte die besten Absichten. Aber die Geschichte hat ihre eigenen Absichten.
"Jede Supermacht hat von Natur aus die Tendenz, kleinere Nationen immer mehr und mehr zu unterdrücken", so warnte ein griechischer Redner, nachdem die Römer ihr "softes Imperium" im Jahr 176 v. Chr. errichtet hatten.
Wie bei den Märkten muss auch die Politik ihren ganzen Weg gehen ... von Anfang bis zum Ende ...