Geschäftsreisen
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 24. Januar 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Ich bin kein großer Freund von Geschäftsreisen: Die Abwesenheit eines arbeitenden Elternteils bringt das andere auf Kollisionskurs mit den Gesetzen der Physik. Obwohl wir uns im Informationszeitalter befinden, gelingt es immer noch nicht, einen Körper gleichzeitig an zwei verschiedene Orte zu bringen. Deswegen versuche ich diese Reisen kurz zu halten ... was die Anziehungskraft natürlich noch stärker minimiert, da ich nur dazu kommen, Taxis, Flughäfen, Hotellobbys und Konferenzsäle von innen zu sehen.
Und glauben Sie mir, im Zeitalter der Globalisierung gilt: "Hat man einen gesehen, kennt man sie alle."
Vor zehn oder mehr Jahren hatte ich einen Gesprächstermin auf den Bahamas. Das klingt für die meisten Menschen ganz gut, aber zwischen dem Gespräch – einem Abendessen – und meiner Abreise hatte ich gerade einmal zwanzig Minuten Zeit an den Strand zu gehen. Deswegen blieb die lebendigste Erinnerung an diese Reise die Fahrt mit dem Taxi zum Flughafen in Baltimore.
Der Taxifahrer war ein grimmig aussehender Mann von unbestimmbarem Alter. Er trug eine Pilotenbrille im Stil der achtziger Jahre und eine alte Armeejacke deren Abzeichen und Insignien zu speziell waren, als das diese Jacke jemandem anderen gehören konnte, als ihm selber. Er fluchte über das Kommunikationssystem der Zentrale. Ich hörte heraus, dass es in seinem Auto installiert worden war, nachdem ein größeres Taxiunternehmen den Wettbewerber aufgekauft hatte.
Damals hatte ich gerade erst damit angefangen, als Redakteur für den Newsletter zu schreiben, dessen Tagesgeschäfte ich zuvor verwaltet hatte. Mein Gehalt lag ganz ordentlich über dem Landesdurchschnitt. Ich hatte ein Haus in den Vororten gekauft und mein Studienabschluss war drei Jahre und mein Sohn ein Jahr alt. Ich hatte also das Gefühl, "angekommen" zu sein und ich hatte ein verständnisvolles Ohr für die Sorgen der arbeitenden Bevölkerung.
Ich erfuhr, dass er gerade das durchmachte, was entlassene Akademiker heute als "Übergangsregelung" bezeichnen. Er war durch eine Ex-Frau, die es nicht geschafft hatte, die Akten für die Einkommenssteuer einzureichen, sein Geschäft losgeworden. Und er war nur ein Jahr entfernt davon, wieder ins Geschäft einzusteigen – mit einer Flotte von Abschleppwagen.
Als er erwähnte, wie viel Geld er verloren hatte, als sein Unternehmen den Bach runter ging, klappte mir die Kinnlade runter. Das Abschleppen von Autos – ganz egal ob sie liegen geblieben sind oder falsch parken – wird hauptsächlich in bar erledigt. Und durch die Parkbedingungen in den Großstädten, wird die Gewinnobergrenze nur durch die Anzahl der Abschleppwagen bestimmt, die man in seiner Flotte hat. Er hatte mehr als ein Dutzend.
Hier saß ich also, als überqualifizierter Mittelklasse Milchbart mit einer viel versprechenden Karriere in Aussicht und wurde von einem Menschen durch die Gegend gefahren, der in einem Jahr mehr Geld verloren hatte, als ich bis dahin in meinem ganzen Leben verdient hatte und der bereit war, es alles noch einmal von vorne anzufangen, wenn er erst mal genug Geld verdient haben würde, um die Anzahlung für seinen nächsten Abschleppwagen auf den Tisch legen zu können.
Es konnte sich natürlich um eine erfundene Geschichte handeln. Ich gestehe auch zu, dass es ganz einfach möglich ist, zwischenzeitlich zum Millionär zu werden, wenn man kurzzeitig bei der größten Abzugsquelle für die Profite, den Steuern, aussetzt. Aber wie die Italiener sagen: se non è vero, è bene trovato. Selbst wenn es nicht wahr ist, es ist eine gute Geschichte.
Die Fahrtkosten von vierzig Euro waren gut angelegt: Ich habe diese Leute nie wieder im gleichen Licht gesehen. Im Laufe der Jahre fand ich noch viele Beispiele für Dinge, die einen auf den ersten Blick täuschten, wenn es um Wohlstand geht. Die Geschäftspersonen mit den größten Häusern und den teuersten Autos waren oft die Leute, die nie einen Fuß in ein College oder eine Universität gesetzt haben – oder in die Kreditabteilung einer Bank.