Gerüchte, Charttechnik und Firmenrealität
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 30. Mai 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Ein Grund für den gestrigen "Absturz" bei den amerikanischen Börsen dürfte unter anderem das Gerücht gewesen sein, die amerikanische Regierung plane bereits einen Angriff auf den Iran. Meine Recherche nach verlässlichen Quellen, die dieses Gerücht bestätigten, blieb ohne Erfolg. Aber das Auftauchen derartiger Gerüchte zeigt mir, dass ich mit meinen in den letzten Tagen geäußerten Befürchtungen in dieser Richtung offensichtlich nicht allein dastehe.
Von Gerüchten zu etwas Handfestem: Die Charttechnik. Durch den gestrigen Handelstag wurden im Kerzenchart aller bekannten Indizes starke Umkehrsignale generiert. Ich bin gespannt, ob diese heute bestätigt werden. Zumindest sollte der Nasdaq100 endlich mal im Minus schließen. Eines der vielen Dinge, die ich an der Börse gelernt habe, ist, beständig die eigene Einschätzung zum Markt zu überprüfen. Und wenn ich ehrlich bin, kämpfe ich momentan ein wenig mit meiner Einstellung. Die amerikanischen Bullen erscheinen mir zu stark. Sicher, die oben genannten Umkehrkerzen zeigen, dass wir kurz vor einer Konsolidierungsphase stehen. Aber was ist, wenn diese Konsolidierung nur recht schwach ausfällt? Ich schätze, dann werde ich zwar mein Bärenfell nicht ablegen, aber mir eine Bullenkappe überziehen. Ein verkleideter Bär sozusagen.
In den letzten Tagen fühle ich mich immer wieder an die Zeit nach März 2000 erinnert. Vielleicht erinnern Sie sich auch noch. Damals brachen die Märkte weg und trotzdem wurde bei jeder kleinen Erholung wieder das Bullenszenario vertreten. Auf jeden weiteren Rückschlag mit tieferen Kursen wurde mit großem Unverständnis reagiert. Befinden wir uns gerade in der gleichen Phase? Nur umgekehrt?
Doch zeichnete sich damals das Ende der Baisse bereits deutlich ab. Die Märkte waren extrem überhitzt, die KGV's erreichten utopische Ausmaße. Dann verschlechterten sich die Konjunkturdaten und zuletzt hat Alan Greenspan einiges vergeigt. Ich denke da an die maßlosen Zinssteigerungen. Greenspan wollte den Dow runter haben, die Nasdaq war ihm dabei egal. Er hat nie besonders auf die Nasdaq geachtet (seinen eigenen Aussagen nach). Der Dow fiel auch maßvoll, nur die Nasdaq brach zusammen. Doch so unwichtig für die Wirtschaft war der Technologiesektor nun doch nicht mehr. Alan Greenspan hatte die Zeichen der Zeit verkannt.
Und heute? Ist alles anders? Gut, Alan Grennspan ist immer noch im Amt. Die Zinsen wurden maßlos gesenkt, das stimmt. Aber verbessern sich aktuell die Konjunkturdaten? Hm, da kann man vielleicht verschiedener Meinung sein. Sind die KGV's so niedrig wie nie zuvor? Unsere amerikanischen Korrespondenten sind nicht dieser Ansicht. Nein, meine Zweifel an einer nachhaltigen Rallye sind nach wie vor ungebrochen. Doch eins habe ich gelernt: Stelle dich nie gegen den Markt, egal was du auch denken magst, denn der Markt hat immer Recht.
Sollten also jetzt noch wichtige Marken nach oben brechen, werde ich mir, wie gesagt, die Bullenmütze aufsetzen, über mein Bärenfell.
Wenn derartige Zweifel an mir nagen, dann greife ich auf die Charttechnik zurück. So habe ich gestern lange und ausführlich die verschiedenen Indizes analysiert. Doch auch die Charts unterstützen im Moment (noch) meine bearishe Gesamtstimmung. Ich habe also gerade meine erste kleine Short-Position aufgebaut. Aber ein wirklich entspanntes Gefühl habe ich dabei nicht. Es ist ein unsicherer Trade. Eigentlich sollte ich auf die 2800er Marke warten. Doch ich dachte, wenn ICH schon Zweifel kriege, wie soll es dann den anderen Marktteilnehmern ergehen ...
Aber bleiben wir beim aktuellen charttechnischen Bild. Der Dow scheiterte an der Widerstandslinie bei 8869. Die wesentlich wichtigere Widerstandszone liegt hingegen zwischen 9050 und 9100 Punkten. Sollten diese nachhaltig brechen, werde ich bullisher. Aber wirklich bullish wird es erst über 9400 Punkten. Allerdings verjüngt sich der Aufwärtstrend im Dow seit Anfang April. Zumeist ein sehr bearishes Zeichen. Sollte die 8600 Marke nach unten brechen, dann wären alle bearischen Signale bestätigt. Spätestens dann sollten Sie ihr Geld in Short-Zertifikate investieren. Aber auch der Dax generierte mit seinen letzten beiden Kerzen ein deutliches Umkehrsignal. Doch die gerade veröffentlichten US-Konjunkturdaten haben die Märkte wieder nach oben getrieben. Dazu unten mehr.
Ich habe heute mit dem Projektleiter einer großen Firma gesprochen. Er erzählte, die Vorstände hätten ihn vor einigen Tagen zu sich gerufen. Sie haben ihm eröffnet, dass zwar die aktuellen Zahlen okay seien, es der Firma im Moment recht gute gehe, aber die Aussichten für 2004 und 2005 trüben sich dramatisch ein. Er solle einige seiner Untergebenen vorsichtig darauf vorbereiten, dass ihnen gekündigt würde.
Nun ja, Kündigungen stehen derzeit leider an der Tagesordnung. Aber die wesentliche Aussage: "Uns geht es zwar noch gut, aber die Aussichten auf die nächsten zwei Jahre sind so schlecht, dass wir vorsorglich schon jetzt Mitarbeiter entlassen werden ...". Ich weiß nicht was da auf uns zu kommt. Ein neuer Börsenboom ganz bestimmt nicht!