General Motors: Flaggschiff geht unter – Opel erreicht rettende Insel
Cindy Bach in Insider Daily
vom 2. Juni 2009, 14:30 Uhr
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
während wir ein überaus sonniges, langes Pfingstwochenende genießen konnten, ist in der Wirtschaft und der Politik doch so einiges auf den Weg gebracht worden. Kurz zusammengefasst: Das Tauziehen um Opel ist erfolgreich beendet, der Autobauer gerettet und Konzernmutter General Motors (GM) geht zum 1. Juni in die Insolvenz. Was bringt der beschlossene Rettungsplan für Opel und seine Mitarbeiter und was bedeutet die Untergang" des größten Automobilkonzerns der Vereinigten Staaten für die angeschlagene US-Wirtschaft.
Zunächst die positiven Gesichtspunkte: Quasi in allerletzter Minute verständigten sich in der Nacht zu Samstag Bund und Länder mit Vertretern der US-Regierung und dem Mutterkonzern GM auf den Einstieg des österreichisch-kanadischen Autozulieferers Magna bei Opel. Magna wird diese Woche 300 Mio. Euro zuschießen, um den akutesten Liquiditätsbedarf zu decken. Die Bundesrepublik und die vier Bundesländer mit den deutschen Opel-Werken teilen sich eine Brückenfinanzierung in Höhe von 1,5 Mrd. Euro, mit welcher der Autobauer in naher Zukunft über die Runden kommen soll.
Auch Opel behält Wunden
Doch auch wenn für Opel in letzter Minute eine Lösung gefunden wurde, es bleiben dennoch einige Wunden. So drohen in diesem Jahr beispielsweise trotz guter Verkäufe des Erfolgsmodells Insignia und des dank Abwrackprämie angekurbelten Kleinwagenverkaufs 2 bis 3 Mrd. Euro Verlust für den Opel-Konzern. Deshalb wird Magna rasch den ausgehandelten Spielraum in Sachen Rotstift ausnützen: Rund 2.600 Opel-Mitarbeiter dürften damit in Deutschland ihren Job verlieren. Außerdem sollen in den anderen europäischen Ländern rund 7.500 bis 8.500 Opel-Jobs wegfallen.
Doch weitaus heftiger trifft es natürlich Konzernmutter GM. Die Pleite des größten US-Automobilherstellers dürfte nach allgemeiner Ansicht die gesamte US-Wirtschaft erschüttern. Es bestehe die Wahrscheinlichkeit, dass infolge der Insolvenzen von GM und Chrysler in den USA über die nächsten 19 Monate rund 250.000 Beschäftigte ihren Job verlieren.
GM-Pleite belastet US-Wirtschaft schwer
Doch wenn man mal etwas weiter in der Konzerngeschichte von GM zurück schaut, dann sieht man: Der "Gesundschrumpfungs-Prozess" bei läuft eigentlich bereits seit drei Jahrzehnten. So ist die Belegschaft vom Rekordstand von 620.000 im Jahr 1979 auf mittlerweile 120.000 gesunken. Zwar soll der erwartete Gläubigerschutz bei GM die Voraussetzungen schaffen, dass ein Großteil der verbliebenen Beschäftigten ihren Job behalten. Dennoch geht man fest davon aus, dass die Pleite die befristete Entlassung eines Großteils der 61.000 Fabrikarbeiter zur Folge haben wird.
Im besten Fall dürften gemäß dem Sanierungsplan des Konzerns infolge der beabsichtigten Schließung von 14 bis 16 Fabriken 21.000 GM-Zeitarbeiter bis Ende 2010 ihren Job verlieren. Falls jedoch das Insolvenzverfahren für GM nicht reibungslos verläuft könnten sich die Folgen für die gesamte Wirtschaft als schlimm erweisen. In diesem Fall sei in den USA über die nächsten 19 Monaten mit rund 1,8 Mio. Arbeitsplatzverlusten zu rechnen.
Für den Niedergang des einstigen Auto-Imperiums werden laut Nikolaus Piper von der Süddeutsche Zeitung in der Öffentlichkeit zwei Erklärungen herumgereicht". GM habe es verlernt, gute Autos zu bauen, sagen die einen. Die anderen seien der Ansicht, GM ging unter, weil die Gewerkschaften eine Kostenstruktur erzwungen haben, wegen welcher der Konzern international aus dem Wettbewerb gefallen sei.
"Beide Erklärungen sind für sich genommen falsch, in der Kombination aber werden sie richtig", schreibt Piper. GM-Managern werde immer wieder vorgeworfen, dass sie Autos nur noch als Maschinen mit vier Rädern betrachteten und der Konzern zunehmend seelenlose Autos baute. Der Vorwurf sei aus heutiger Sicht berechtigt, paradoxerweise jedoch begann der Aufstieg des Konzerns vor 101 Jahren gerade mit der Erkenntnis, dass Autos etwas Emotionales sind.
Amerikas Autoindustrie wurde nicht von nüchternen Ingenieuren begründet, sondern von begeisterten Autonarren: Louis Chevrolet, David Buick, die Brüder Studebaker und Dodge. "Die meisten dieser Gründer gingen mindestens einmal in ihrer Karriere pleite. Auch der Gründer von General Motors, William Durant, hatte zwei Insolvenzen hinter sich, ehe sein Erfolg begann. Sein Geniestreich bestand darin, farbige, interessante und emotionale Marken zusammenzukaufen und in einem Konzern zusammenzubinden: Buick, Oldsmobile, Pontiac, Cadillac, Chevrolet."
Meiner Ansicht nach, war es eben genau die Emotionalität und der falsche Patriotismus, mit welcher der Konzern an diesen US-Marken hing, welche GM blind für Neuerungen und Weiterentwicklungen in Sachen Sparsamkeit und Umweltfreundlichkeit werden ließen. Nur gut, dass Opel in diesem Sog aus Misswirtschaft und falschem Patriotismus nicht mit in die Tiefe gerissen wurde.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die neue Börsenwoche.
Ihre
Cindy Bach