Geliehener Smoking
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 15. März 2006 12:00 Uhr
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Vergangenes Wochenende musste ich mir einen Smoking ausleihen, dazu ein Hemd, eine Weste, Krawatte, Manschettenknöpfe und Schuhe. Zusammen kostete es zwischen 80 und 100 Dollar.
Das ist nicht wirklich günstig, wenn man bedenkt, dass man das Ganze insgesamt höchstens sechs Stunden trägt. Aber es ist immer noch deutlich weniger, als es kosten würde, ein anständiges Paar Manschettenknöpfe und die dazugehörenden Kragenknöpfe zu kaufen. Und weniger, als es kostet, sich ein schickes Hemd zu kaufen.
Und wenn sie das Alter erreicht haben, in dem sie auch nicht mehr zum Abschlussball einlädt und in dem auch der letzte heiratsfähige Anverwandte unter der Haube ist, dann wiegt die Entscheidung, ob man kauft oder mietet bei denen, die im Herzen einfach sind, schwer.
Ich habe am Montag darüber nachgedacht, nachdem ich festgestellt hatte, dass mein alter Smoking noch immer ganz gut sitzt, zumindest für ein Kleidungsstück, das bereits 20 Jahre alt ist. Das teure Hemd, das ich vor einigen Jahren gekauft hatte, war im Kleiderschrank aus unerklärlichen Gründen vergilbt und sah aus wie die Sachen, die wir 1979 aus dem Wäscheschrank meiner Großmutter zogen.
Sollte ich mir also ein neues kaufen und vorsichtshalber Tesakrepp mitnehmen, falls das Vertrauen, dass ich noch in die Hosenböden meines alten Smokings hatte, sich als nicht angebracht herausstellen sollte? Oder sollte ich mich zu meinen laut protestierenden Söhnen gesellen, und ein vollständiges Outfit mieten?
Nachdem ich die heulenden Jungs erst einmal zur Ruhe gebracht hatte (indem ich ihnen sagte, dass Smokings die erste Wahl von Geheimagenten sind), habe ich mich dazu entschlossen, den Frack zu mieten. Die Auswirkung davon war wirklich erstaunlich. Als wir beim Hochzeitsempfang ankamen, erschienen drei extrem kultivierte Herren, von denen zwei so aussahen, als bezögen sie ihr Gehalt über den Sicherheitsdienst Ihrer königlichen Hoheit.
Ich habe Photos, die das beweisen können.
*** Die Vermietung von Abendgarderobe als weniger kostenintensive Alternative zum Kaufen, hat eine interessante wirtschaftliche Begleiterscheinung. Da meine Söhne jedes Jahr einige Zentimeter wachsen, wäre ich nie auf die Idee gekommen, ihnen ihre eigenen Smokings zu kaufen. Sie hätten genauso dort erscheinen müssen, wie ich in ihrem Alter, mit einem weißen Hemd, dass noch in der letzten Minute von ihrem gestressten Vater gebügelt worden wäre, mit dunklen Hosen und vielleicht noch einer Krawatte aus dem Schrank ihres Vaters.
Aber durch die Vermietung ist heute sicher gestellt, dass es einen ausreichenden Vorrat an Größen aller Art gibt, so dass selbst der kleinste Dreikäsehoch bei dieser Hochzeit in gemieteter Eleganz erschien. Bis zum letzten Gast sahen alle nach mindestens einer Million aus.
Zumindest eine gewisse Zeit lang.
Der Effekt der gemieteten Smokings beschränkt sich jedoch nicht auf die Abendgarderobe. Das gleiche gilt auch für den amerikanischen Immobilien- und Automobilmarkt. Ob man sich ein Haus für eine Million kaufen will, ohne das geringste Eigenkapital zu hinterlgen, oder einen luxuriösen Geländewagen leasen, in beiden Fällen kauft man nicht wirklich etwas – man bezahlt einfach nur eine Nutzungsgebühr dafür, dass man auf die Nachbarn und Kollegen wohlhabend und gemacht wirkt.
Wenn man die Gebühren für die Smokingvermietung auf einen Tagessatz umrechnet, dann hat man einen ganz guten Richtwert dafür, was es kostet, wie heutzutage wie ein Millionär auszusehen: Für den Smoking macht das ungefähr 35 Dollar am Tag. Das beläuft sich im Monat auf ungefähr 1000 Dollar, ungefähr das gleiche, was man für einen dicken Schlitten mit Goldakzenten oder einen Mercedes der oberen Klasse bezahlen würde.
Oder ungefähr die Zinsen für eine "gehobene" Wohnung mit Meerblick – oder ein Fertighaus in den Vororten. Wenn man nun einen solchen Schlitten, vor dem gewählten Domizil parken will, und dabei einen Smoking tragen, dann muss man am Tag ungefähr hundert Dollar dafür hinblättern.
Der Zauber der "Nutzungsgebühren für diesen Luxus" hat ungefähr die gleiche Auswirkung auf den Vorrat an "mietbaren" Luxusgütern wie die gemieteten Smokings auf meine Bereitschaft, welche für meine Kinder zu mieten, die sich noch im Wachstum befinden: Jeder kann wie ein Millionär wirken (solange man nicht zu genau hinsieht) – wenn er ungefähr 3.000 Dollar im Monat dafür aufbringen kann. (Und wenn man auf den Smoking verzichtet, dann bleiben einem sogar 1000 Dollar von denen man Lebensmittel kaufen und Sprit in den monströsen Brummer füllen kann.)
Auf einer Fahrt entlang der Küste zwischen Virginia Beach und Newport News, wurde es ziemlich deutlich, dass die "Smoking-Wirtschaft" sich entlang der gesamten Ostküste ausgebreitet hatte. Jedes noch so kleine Grundstück, dass sich in der Nähe eines Rücklaufbeckens (auch bekannt als "Meerblick") befindet, ist dort mit Eigentumswohnungen zugebaut. Und die Häuser die dicht an dicht stehen, aus Sperrholz und Plastik zusammengezimmert, sehen so aus, als hätten sie Einheitsgröße, um fast allen zu passen.
Es scheint hier ein Gesetz zu herrschen, dass es verbietet, einen Vorplatz zu haben, auf dem nicht mindestens zwei Geländewagen stehen. Dazu noch mindestens zwei Jet-Skis und Mountainbikes für mindestens tausend Dollar.
Und es besteht offensichtlich auch kein Mangel an Amerikanern mit fortgeschrittenen Internetabschlüssen von der Strayer Universität, die für ihr Leben gern wie Millionäre aussehen, mit ihren Einkommen von knapp 50.000 Dollar im Jahr im kommerziellen Hinterland, das aus den Einkaufszentren und den Lagerhallen besteht, den Tankstellen an jeder Kreuzung, den Fast-Food-Ketten und riesigen Einkaufsklötzen.
Wir wollen hoffen, dass der globale Markt die Luxusartikel auch weiterhin immer billiger werden lässt. Oder dass die Vertreter der Smoking-Wirtschaft neue Geldquellen auftun, um für die Nutzungsgebühren bezahlen zu können. Aber nach zwei Tagen wurde es zu viel für mich, die gemietete bessere Gesellschaft zu ertragen: Ich verspürte einen inneren Drang, mich in mein abbezahltes Auto zu setzen und die fünf Stunden zurück zu meinem Haus zu fahren, auf dem keine Hypothek lastet und die Smokings so schnell wie möglich wieder zurück in die Hände der Verleihfirma zu bringen.
Als ich wieder zuhause angekommen war, habe ich zuallererst mein vergilbtes Hemd aus dem Sack für die Altkleidersammlung gefischt. Vielleicht, ganz vielleicht, gelingt es meiner Reinigung ja, es wieder sauber zu kriegen. Es ist vielleicht ein kleines bisschen aus der Mode. Aber sei es drum. Es ist bezahlt.