"Geht es Ihnen heute besser als vor zwei Jahren?"
J. Christoph Amberger in Investors Daily
vom 05. November 2002 18:00 Uhr
ENL5454
"Geht es Ihnen heute besser als vor zwei Jahren?" Das fragte letztens ein geschwätziger Al Gore sein folgsames Publikum bei einer Veranstaltung der Demokratischen Partei, mit dem Motto: "Wo stehen wir jetzt". Die Antwort war, wie geplant, ein kollektives Kopfschütteln und die Antwort: "Nein!"
Das machte mich nachdenklich.
"Besser gehen", das bedeutet einen Vergleich anzustellen, und zwar einen Vergleich von zwei Zuständen. Aber um richtig und vernünftig vergleichen zu können, muss man die gleichen Kriterien anwenden. Wenn man das nicht macht, dann ist das Ergebnis zumindest fragwürdig.
Zum Beispiel würde es stimmen, wenn man sagt, dass 1923 jeder Deutsche ein Multimillionär gewesen ist. Natürlich war das während der Inflationszeit, und selbst mit einer Milliarde Reichsmark konnte man auf dem Höhepunkt der Inflation gerade mal ein Brot beim Bäcker kaufen konnte (der für einen Teil des Mehls übrigens oft Sägemehl verwendete). Heute sind im Vergleich zu der Zahl von 1923 nur sehr wenige Deutsche Millionäre. (Besonders, nachdem der Euro eingeführt worden ist – da man jetzt fast doppelt soviel Geld wie mit der DM braucht, um Millionär zu sein.)
Zwar haben die US-Bürger niemals so eine Hyperinflation erlebt wie die Deutschen, aber in den USA gab es eine Illusion des Reichtums. Diese wurde dadurch herbeigeführt, dass sich die Aktienkurse gewaltig inflationierten, und es plötzlich neue Millionäre gab, die die Kredite für ihre Häuser und ihre neuen Ferraris mit überteuerten Internet-Aktien absicherten – durchaus vergleichbar mit der Hausfrau der frühen Weimarer Republik, die mit Millionen Mark zum Einkaufen ging.
Oder nehmen Sie ein anderes Beispiel aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert: Spielzeug-Sammelkarten und kleine Spielzeugpuppen! Diese sogenannten Trading-Cards und auch Spielzeugpuppen gab es unter anderen von den Pokemons. Ihr wirklicher Wert tendierte gegen Null, aber für die Kinder, die sie sammelten, waren die seltenen unter ihnen sehr, sehr wertvoll.
Und deshalb bezahlten viele Leute auch viel für diese Karten oder diese Spielzeugpuppen. "Beanie Babies" wurden für 5 bis 10 Dollar verkauft. Und auf dem Höhepunkt der Sammel-Leidenschaft zahlten einzelne Leute ein paar Hundert Dollar für ihre Favoriten – die nur wenige Cents Herstellungskosten hatten.
Wenn ich den "Wert" aller Spielzeuge im Zimmer meiner Kinder im Jahr 2000 addiert hätte – dieser Wert ist inzwischen so in alle Winde zerstreut wie die Toten der Schlacht von Austerlitz –, dann hätte ich vermutlich zufrieden geseufzt und die Hände über meinem Bauch zusammengeschlagen.
Leider ist dieser "Reichtum" ebenso verschwunden wie der Reichtum der Clinton-Ära.
Um deshalb die heutige Situation des "gut Gehens" mit der von 2000 vergleichen zu können, müsste man doch eigentlich die wahrgenommene Realität des Jahres 2000 mit dem heutigen Wissen betrachten, oder?
Wenn die Gesellschaften sich damals gegenseitig in Enron-mäßigen Übernahmen immer weiter zusammenschließen konnten und AOL seine Umsätze auf dubiose Weise bilanzieren konnte, sollte man dann nicht mit dem heutigen Wissen diese damaligen Aktienkursgewinne anpassen, um Äpfel mit Äpfeln und Birnen mit Birnen vergleichen zu können?
Mit anderen Worten: Ging es uns wirklich besser im Jahre 2000, oder ignorierten wir einfach alle, dass der wahrgenommene Reichtum dieser Ära nur auf Schall und Rauch beruhte, nur eine holografische Erscheinung war?
Hätte Al Gore nicht besser fragen sollen: Sind Sie heute intelligenter als vor zwei Jahren? Dann hätte es nur eine richtige Antwort geben können: Aber ganz bestimmt!
Aber natürlich würde kein Politiker, der in ein öffentliches Amt gewählt werden will, so eine Frage stellen.
Die Stimmung zu Beginn des Jahres 2000 war zwar überzogen optimistisch, aber im Kern nicht unbegründet. Immerhin war es zum Jahrtausendwechsel zu keinen massenhaften Computerabstürzen gekommen ("Y2K"-Problematik). Als die Lichter an Silvester nicht ausgingen, da wurde Optimismus ein allgemeines Gut. Das System schien einfach zu groß zu sein, um scheitern zu können.
Natürlich hätte man im 20. Jahrhundert lernen können, dass nichts zu groß oder zu stabil ist, um nicht scheitern zu können. Das hatten der Untergang der Titanic und der Zerfall der Sowjetunion bewiesen, und auch der monumentale Film "Waterworld" von Kevin Costner ging trotz der großen Namen kläglich unter.
Man kann solche Untergänge hinauszögern. Aber es ist praktisch ein Naturgesetz, dass man solche Untergänge nicht unbegrenzt hinauszögern kann.
Heizo Takenaka, der neue japanische Wirtschaftsminister, scheint dies realisiert zu haben. Er will die japanischen Banken, die "zu groß sind, um Pleite gehen zu können", aus ihrer Misere retten.
Die japanischen Banken haben faule Kredite im Wert von mehreren Milliarden in ihren Bilanzen stehen. Und dennoch wurde ihnen – nach japanischer Mentalität – erlaubt, ihr "Gesicht zu wahren". Pleiten und ernsthafte Restrukturierungen, die den Bankensektor – und damit indirekt die gesamte japanische Wirtschaft – bereinigt hätten, wurden verzögert. Und das schon seit 10 Jahren, aus Angst vor den kurzfristigen politischen und wirtschaftlichen Folgen.
Aber diese künstlich erhalten gebliebenen Jobs haben neue Alpträume kreiert. Die japanischen Banken halten sehr große Anteile an Industriegesellschaften. Jeder Aktienkursverfall führt zu einer weiteren Verschlechterung der Lage der japanischen Banken. In den ersten Handelstagen zu Beginn des vorigen Monats sind die schwebenden Verluste der 12 größten japanischen Banken um 46 % auf 41 Milliarden Dollar gestiegen (Quelle: Daiwa Institute of Research). Bei einem Stand des Nikkei 225 von 8.600 Punkten beträgt die Eigenkapitalquote dieser Banken etwas mehr als 9 %. Das ist nur wenig mehr als die 8 %, die Banken haben müssen, um international arbeiten zu dürfen. Ein Fall des Nikkei unter die Marke von 8.000 Zählern – was vom heutigen Stand ein Minus von 7 % bedeuten würde – könnte dazu führen, dass einige Banken sehr, sehr schnell unter die Marke von 8 % fallen würden.
(Was sind schon 7 % oder 686 Punkte Minus beim Nikkei – er hat schließlich schon das Vierfache in zwei Monaten verloren!) Aber auch US-Banken haben faule Kredite und damit Abschreibungsbedarf – sie haben schließlich jede Menge Kredite an diverse Telekom- und Internet-Gesellschaften vergeben.
13 % aller noch ausstehenden Kredite sollen schon in Verzug sein, bei vielen ist mit einem Total-Ausfall zu rechnen. Diese riskanten Kredite sind laut einer Fed-Untersuchung im am 30. Juni endenden Geschäftsjahr auf 236,1 Milliarden Dollar gestiegen, nach 192,8 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr zuvor.
Das bedeutet, dass wir wahrscheinlich noch immer nicht alle Auswirkungen der geplatzten Spekulationsblase hinter uns haben. Und in Japan müsste der Index eigentlich noch um ein paar Tausend Punkte fallen, damit einige Banken Pleite gehen und damit der Weg für dauerhafte Verbesserungen frei wird.
Es gibt aber auch andere Indikatoren, die dafür sprechen, dass es zu einer Wende am Aktienmarkt gekommen ist. Anfang Oktober berichtete Thomson Financial, dass die US-Insiderverkäufe im September auf das niedrigste Niveau seit 8 Jahren gefallen sind. Gegenüber dem Vormonat fielen die Insiderverkäufe um 55 %, von 1,5 Milliarden Dollar im August auf 671 Millionen Dollar im September. Das ist das niedrigste Niveau seit Dezember 1994. Im Gegenzug kauften Insider für 130 Millionen Dollar Aktien – was ungefähr die Hälfte der im August getätigten Käufe ist.
Was sagt uns das? Diese Zahlen kann man aus drei Perspektiven betrachten: Einmal könnte man meinen, dass die Insider zu so niedrigen Kursen einfach nicht mehr verkaufen wollen – es würde ohnehin kaum etwas bringen. Andererseits könnte man auch denken, dass sie einfach ihre Portfolios nicht mehr beachtet haben – wie der Rest von Amerika. Aber – und das ist die dritte Möglichkeit – man könnte auch davon ausgehen, dass die Insider einen Rebound am Aktienmarkt erwarten. Insiderkäufe haben Lucent, Microsoft, Intel, Motorola und andere nach oben gezogen. Und es gibt andere Gründe: Viele Aktien sind auch optisch sehr billig geworden. Man kann Ford für 7 Dollar und ein paar Cents kaufen, und den innovativsten Chip-Produzenten für 5 Dollar irgendwas.