Gehört die Zukunft China?
Hans Sennholz in Investors Daily zum Thema Global Anlegen
vom 03. Juni 2005 18:00 Uhr
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"China befindet sich auf dem Weg nach oben und Amerika begrüßt die Entstehung eines starken, friedlichen und reichen China." Diese taktvolle Bemerkung von Präsident George W. Bush während seines Besuchs 2002 in Beijing beweist ohne Zweifel die Gedanken und den guten Willen vieler Amerikaner. Sie sind beeindruckt von dieser am schnellsten wachsenden Wirtschaft mit 1,3 Milliarden Menschen, dem vierfachen der amerikanischen Bevölkerung.
Andere Amerikaner fühlen sich jedoch durch die Entwicklung Chinas von einem armen und rückständigen Land zu einer Weltmacht bedroht. Sie fragen sich, ob sich China auf eine friedliche und demokratische Marktstruktur zubewegen wird, oder ob es eher von einem dem Untergang geweihten kommunistischen System in ein nationalistisches System übergehen wird. Wenn sich das neue China so entwickeln sollte, dann wird die Zukunft ganz so wie die schwierige Vergangenheit aussehen, die nur durch ein anderes Tor hereinkommt.
Ein wachsender Punkt der Auseinandersetzungen ist die chinesische Geldpolitik. Die Bank of China hält an einem zehn Jahre alten Wechselkurs von 8,28 Yuan für einen Dollar fest, was augenscheinlich den Yuan unterbewertet und gleichzeitig den Dollar überbewertet. Unabhängig davon, wie das Zentralbanksystem den Dollar auf- oder abwertet, die chinesischen Verantwortlichen für Geldangelegenheiten halten mit der Fed mit. Die chinesischen Behörden scheinen einen gleich bleibenden Wechselkurs zu mögen, weil dieser es der chinesischen Wirtschaft erlaubt hat, sich an den Weltmarkt anzupassen und im angemessenen Rahmen zu expandieren. Aber die Weltwirtschaft ist eher instabil. Die Vereinigten Staaten leiden unter massiven Defiziten, die auch weiterhin steigen, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung schätzt, dass die Defizite bis 2006 die 900 Milliarden Dollar Grenze oder den Wert von 6,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht haben könnten. Das Risiko einer monetären Katastrophe steigt stetig.
Viele Amerikaner geben gerne China die Schuld daran, die chinesischen Manager finden die Mängel bei den amerikanischen Managern. Sie weisen vielleicht darauf hin, dass die amerikanischen Handelsbilanzdefizite, die die Welt mit amerikanischen Dollar geflutet haben, die notwendige Folge der Geldpolitik der Reservebank seien. Die Zinssätze weit unter den Marktwert zu senken bedeutet die Nachfrage nach Geld zu steigern. Während eine solche Politik jede rein nationale Währung zerstören würde, führt sie bei der ersten Währung der Welt dazu, dass die Welt mit dem U.S. Dollar überschwemmt wird. Angleichungen des weltweiten Ungleichgewichts kommen nur sehr langsam voran, aber sie sind schon lange fällig.
Insbesondere die asiatischen Zentralbanken sind mit amerikanischen Schuldscheinen überhäuft. Sie haben 60 Prozent der gesamten internationalen Dollarreserven. Wenn sie sich entschließen würden, ihre Reserven abzuladen und sich stattdessen dem Euro zuzuwenden oder einer anderen Währung, dann würde der Dollar zusammenbrechen, d.h. er würde einen großen Teil seines internationalen Wertes verlieren. Das würde unmittelbar Verluste beim Dollar zur Folge haben, alle Anleihen und Aktienmärkte durcheinander bringen und die Weltwirtschaft herunterdrücken. Die beiden größten Dollarhalter, China und Japan, wären die größten Verlierer, was sie zweifelsohne dazu bringt, einen solchen Ausverkauf zu fürchten und davor zurückzuschrecken, ihn auszulösen. Eine japanische oder chinesische Regierung, die den Vereinigten Staaten aus irgendeinem Grund einen Schlag versetzen wollte, könnte einfach einen Zusammenbruch auslösen. Der Zusammenbruch würde überall zu hören sein und seine Folgen wären weltweit zu spüren.
Wirtschaftliche Kriege haben die Tendenz, das Kapital zu hindern, Investments in produktive Arbeit zu finden. Teilweise verbrauchen sie das Kapital und verursachen gleichzeitig eine Stagnation oder einen Rückgang der Produktivität von Arbeit und der Lebensstandards. Solche Kriege bergen in sich eine wesentlich größere Gefahr als einfach nur Vergeltung oder eine wirtschaftliche Depression. Sie können zu blutigen Kriegen zwischen den beteiligten Parteien führen. Sicher, die meisten der westlichen Staaten sind eher zurückhaltend und langsam, wenn es darum geht, die Nachbarn anzugreifen; Es braucht eine Mehrheit der politischen Vertreter, um einen Krieg zu erklären und wirklich ins Feld zu ziehen. China ist jedoch keine Demokratie, es wird von einer handvoll Autokraten der Partei regiert, die die stärkste Armee der Welt unter sich haben. Sie besitzen schon seit 1967 ein ganzes Arsenal atomarer Waffen und wissen seit 1970, wie man interkontinentale Waffen auf den Weg schickt. Sie mit schmerzhaften Handelsbeschränkungen oder plötzlichem Rückzug von Geschäftskapital zu verärgern, könnte schlimme Konsequenzen nach sich ziehen. Darüber hinaus hegen sie immer noch einen alten Groll wegen der Militärallianz Amerikas mit dem abgespalteten Teil Chinas, der Insel Taiwan. Das ist eine alte Wunde. Zusammen mit neuen wirtschaftlichen Verletzungen durch amerikanische Handelsbeschränkungen könnte sie die Geduld der Autokraten stark strapazieren und irgendwann erschöpfen und dadurch die Geschichte des 21. Jahrhundert entscheidend prägen.
Es gibt einige Amerikaner – überwiegend Wirtschaftswissenschaftler und Vertreter des Militärs – die schon die Alarmglocken wegen der Bedrohung aus China läuten. Sie benutzen überwiegend militärische und ökonomische Ausdrücke, wenn sie darüber reden. China erhöht stetig sein militärisches Potential, kauft moderne Ausrüstung von Russland, wenn auch das Geld, was man für Waffen ausgibt, nur einen Bruchteil des Verteidigungshaushalts des Pentagons ausmacht. Aber die Beträge könnten sich sehr schnell verändern. Sie werden von nur wenigen Autokraten in Beijing festgelegt. Einige Wissenschaftler sind unzufrieden mit der vollständigen Souveränität der kommunistischen Partei in China in Verbindung mit der langen Tradition der autokratischen Herrschaft. Im vergangenen Jahr hat der nationale Volkskongress, während man kleinere Zugeständnisse an die Marktstruktur machte, ausdrücklich die zugrunde liegenden Prinzipien der chinesischen Herrschaft bekräftigt: Die Herrschaft der kommunistischen Partei, die Diktatur des Proletariats, den sozialistischen Weg und die Lehren von Marx, Lenin und Mao. Nur wenige amerikanische Beobachter sind von solchen Reden alarmiert.
Der Kommunismus lebt, und nicht nur in China, sondern auch in Nordkorea, Vietnam, Laos und in einigen afrikanischen Ländern und Kuba. In China scheint die kommunistische Partei (mit knapp 50 Millionen Mitgliedern) momentan hinsichtlich ihrer Bestimmung und ihrer Richtung geteilt. Einige Führer der Partei bevorzugen die neue Richtung hin zu schnellen Verbesserungen der Produktivität und einer Anhäufung nationalen Vermögens, während andere aktiv die alte Politik vorantreiben, die versucht, eine gerechte Verteilung des Reichtums und der Einkommen zu bewirken. Einige versuchen auch weiterhin eine gute Beziehung mit den Vereinigten Staaten und den asiatischen Nachbarn aufrecht zu halten, andere betonen die Bedeutung nationaler und militärischer Macht.
Sie sind jedoch alle treue Studenten des Marxismus-Leninismus in der Ausprägung nach Mao, immer bereit, der Linie der Partei zu folgen. Wenn man sie provoziert, könnten sie vielleicht das fremde Kapital, das in den vergangenen Jahren seinen Weg nach China gefunden hat, mit Gewalt an sich reißen. Das könnte tatsächlich zur einer größeren Bedrohung für den Westen werden.