Gegenwind
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 05. November 2003 18:00 Uhr
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Die Anschläge gestern in Bagdad haben die Märkte bewegt. Wie lange wird die amerikanische Regierung sich noch rausreden können? Offenbar wird der Gegenwind aus der eigenen Regierung und der eigenen Bevölkerung immer heftiger. Trotzdem, der US-Kongress hat nun 87,5 Mrd. Dollar für den Wiederaufbau im Irak bewilligt. Nur um einmal die Dimension zu verdeutlichen: Rein aus finanzieller Sicht ist es das größte Wiederaufbauvorhaben seit dem Zweiten Weltkrieg.
Während dessen sinken die Umfragewerte von Bush rapide. Nach einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Instituts für Meinungsforschung am Marist-College wollen 44 % bei der Wahl Ende nächsten Jahres gegen Bush stimmen, während 38 % eine zweite Amtszeit befürworten. Allerdings liegt die Zustimmung zur Amtsführung immer noch bei beachtlichen und erstaunlichen 53 %.
Um die Anschläge zu begründen, hat Bush nun Saddam Hussein als Verantwortlichen für die Anschläge ausgemacht. Damit gibt es einen greifbaren Sündenbock, endlich. Sobald Saddam Hussein gefasst ist, soll es im Irak besser werden? Ich habe daran so meine Zweifel. Doch andere Nachrichten lassen erkennen, dass den Amerikanern mittlerweile wohl bewusst ist, dass sie ein großes "Image-Problem" in der arabischen Welt haben. Es würde jedoch Jahre dauern, dieses Image wieder zu verändern. Der Regierung geht es im Moment wohl eher darum, die eigene Bevölkerung bis zur nächsten Wahl auf Kurs zu halten.
Man geht in der Politik davon aus, dass Ereignisse, die sechs Monate und länger vor der Wahl passierten, nicht mehr relevant für die Wählerentscheidung sind. Doch ich frage mich, wie Bush noch ein Jahr lang die Börsen bei Laune halten will. Gerade bei amerikanischen Wahlen, gilt die Arbeitsmarktsituation als wahlentscheidend. Doch genau der Arbeitsmarkt macht Schwierigkeiten. Seit dem Amtsantritt Bushs vor zwei Jahren gingen rund 2,6 Mio. Stellen in den USA verloren. Und trotz Wirtschaftserholung will der amerikanische Arbeitsmarkt nicht so recht in Schwung kommen. Natürlich sieht die US-Regierung das anders. Sie hofft auf eine allmähliche Besserung bis Ende 2004. Doch nach neusten Zahlen geht der Stellenabbau in Amerika unverändert weiter.
Gleichzeitig ufert ein Skandal in der US-Fondbranche immer weiter aus. Mittlerweile ist sogar die Deutsche Bank im Visier der amerikanischen Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft wirft der US-Fondsbranche vor, nach Börsenschluss illegale Wertpapiergeschäfte durchgeführt zu haben, um dabei die Preisdifferenz zum nächsten Morgen auszunutzen. Die Deutsche Bank soll dabei Anlegern geholfen haben, illegale Handelsgeschäfte zu tätigen. Die Deutsche Bank hat sich bisher noch nicht wirklich zu den Vorwürfen geäußert, sie bestätigte, dass sie von der Staatsanwaltschaft gebeten worden sei, Dokumente zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass sie nicht im Fokus der Ermittlungen stehe.
Gegenwind auch aus Europa: Zwischen den USA und der EU vertieft sich ein Handelsstreit. Es geht um bestimmte Unternehmensbesteuerungen, die die EU als verbotene Subvention betrachtet. Auch die Welthandelsorganisation (WTO) hatte entschieden, dass die USA die Steuervergünstigen für große US-Exportunternehmen aufheben müsse. Aus diesem Grund hat die EU nun Strafzölle von 5 % auf Importe aus den USA beschlossen. Sollten die USA nicht reagieren, werden die Zölle zunächst ein Jahr lang jeden Monat um 1 % gesteigert. Daneben steht immer noch eine Entscheidung im Zusammenhang mit den US-Strafzöllen auf Stahlimporte aus.
Etwas seltsam finde ich die Entwicklung des Euros. Nein, nicht dass er gefallen ist, sondern dass er gefallen ist, obwohl Gold derart stabil bleibt. Die meisten Analysten begründen den schwächeren Euro mit den guten Wirtschaftsdaten aus den USA. Doch darunter hätte Gold auch leiden müssen. Ich vermute da eher andere Effekte. Eine drohende Zinssteigerung der Bank of England wird auch als Signal für die Fed gesehen. Zudem scheiterte der Euro erneut an der wichtigen 1,19er Marke. Zudem gibt es in Europa Interessen, den Euro unter 1,20 Dollar zu halten. Ich habe mal eine Abstauber-Kauforder zum bei 1,115 Dollar in den Markt gelegt. Obwohl ich kaum glaube, dass es so weit abwärts geht. Allerdings ist der Euro in dem Bereich ein Schnäppchen.