Gefangen in den Nebeln der Datenflut
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 04. August 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Kaum hatte ich Ihnen meinen Eindruck geschildert, dass sich die Tendenz einer deutlich abkühlenden Konjunktur in den USA wieder moderieren würde, schon kamen heute wieder schwächere Daten auf den Tisch. Die Konjunkturdaten spielen Jo-Jo ... aber das ist nicht ungewöhnlich. Wenngleich die Marktteilnehmer insbesondere nach der überraschenden Zinserhöhung der Bank of England (und der erwarteten Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank) auf ein konkretes Datenwerk fiebern .. so leicht ist das nicht.
Ob die US-Notenbank nächste Woche die Zinspause starten oder doch eine weitere Erhöhung vollziehen wird, bleibt im Nebel der Datenflut einerseits und im Sumpf der Probleme der Fed andererseits verborgen. Und eindeutige Hinweise können und werden auch die am Nachmittag anstehenden Arbeitsmarktdaten für Juli nicht geben können. Dass das Ganze so ein Theater ist und bleibt, hat ja zwei Hauptgründe:
Schnurgeradeaus gibt es bei der Konjunktur nicht ...
Zunächst verlaufen die Entwicklungen auch im konjunkturellen Bereich nie geradlinig wie ein Strich. Ob es nun Stimmungsindikationen wie Einkaufsmanager- oder Verbrauchervertrauens-Indizes sind oder „harte“ Daten wie Verbraucherpreise, Industrieproduktion, Arbeitsmarktdaten, Baubeginne ... das Ganze schwankt wie ein betrunkener Matrose auf einem Nordseedampfer. Eine klare Tendenz zeichnet sich erst ab, wenn sie auch wirklich schon unübersehbar ist. Schwierig für die Börsen, die die Zukunft, die Erwartung zu handeln pflegen. Und so bleibt jedes Setzen auf eine abkühlende Konjunktur oder im Gegenzug auf eine Fortsetzung des starken Wachstums ein Vabanquespiel. Und so bleiben die Börsen in dieser Phase der Unsicherheit über die konjunkturelle Zukunft wankelmütig .. wie der Kursverlauf der Wall Street-Indizes unterstreicht.
.... und bei den Notenbankern ebenso wenig
Der zweite Aspekt ist in der Notenbank selbst zu suchen. Die Fed ist, ebenso wenig wie die EZB, kein Automat, der bei gleichem Input auch immer das selbe Ergebnis liefert. Die Entscheidungsgremien sind zudem, wie der Name suggeriert, Gremien, nicht Jean-Claude Trichet oder Ben Bernanke alleine. Wir neigen gerne dazu, die „Notenbank“ mit eben diesen Frontmännern gleichzusetzen. Aber die Entscheidungen fällt ein Gremium, das natürlich selten in allen Facetten einer Meinung ist. Und da wird die Entscheidungsfindung natürlich besonders knifflig, wenn es, wie in diesen Wochen, für weitere Zinserhöhungen zahllose Für und Wider im Datenstrom der Konjunktur gibt, die es zu berücksichtigen gilt. Da fehlte noch, dass sich auch die Politik einmischen würde. Aber schließlich ist die Fed unabhängig, gell?
Und so kann auch ein Ben Bernanke mit seinen Mitstreitern die zukünftige Entwicklung der Inflation einerseits und der Konjunktur andererseits nur erahnen. Es gibt außerhalb der Notenbank hinreichend versierte Experten. Und auch diese sind sich hier uneins ... warum sollte es beim Federal Open Market Committee (FOMC, Entscheidungsgremium der US-Notenbank) anders sein?
Dazu gilt es einzubeziehen, welche Auswirkungen die bereits erfolgten Zinserhöhungen in den kommenden Monaten haben werden. Eine Zinsveränderung wirkt ja auf die Wirtschaft nie sofort. Bis sie (nur als ein Beispiel von vielen) vom veränderten Kreditzins einer Bank zu einem Kredit wird, der wiederum zu der Bestellung einer neuen Produktionsanlage führt, die nach Auslieferung neue Arbeitsstellen mit sich bringt und die Produktionsmenge eines Betriebes erhöht, vergeht seine Zeit.
All dies muss die Fed zumindest versuchen zu berechnen, um die Zügel rechtzeitig stärker anzuziehen oder im Gegenzug die Pferde im richtigen Tempo laufen zu lassen. Ach ja ...
Ben in der Zange ... und wir warten auf Dienstag
Ich habe kein Mitleid mit Ben Bernanke. Er hätte den Job ja nicht annehmen müssen. Seine Reputation bedingte, dass er schon im Vorfeld hat präzise wissen müssen, was ihn erwartet. Aber er hat es nicht leicht, trotz alledem. Ich will nicht zu sehr auf seine spezielle Zwickmühle eingehen. Einerseits, weil ich es in den vergangenen Wochen bereits mehrfach getan habe und es immer noch die selbe Zwickmühle ist. Andererseits, weil Mr. Bonner weiter unten ebenfalls das Thema aufgreift. Wir dürfen nicht zu viel Bernanke bringen, bevor die Fed am kommenden Dienstag der Bevölkerung dieses Planeten kundtut, was sein wird. Danach gibt es noch genug zu erzählen, jede Wette drauf!
Wall Street in Startposition: Die großen W
Bemerkenswert ist aber, dass sich die US-Börsen schon mal in Startposition für eine Rallye gebracht haben. War was? Gut, die Konjunkturdaten waren gestern wie gesagt mal wieder etwas schwächer (siehe unten), aber sonst? Die großen Indizes Dow Jones und S&P 500 stehen direkt an der Nackenlinie eines Doppeltiefs. Ein fester Tag, und hier ist eine Trendwendeformation vollendet, die (rechnerisch) Platz bis über die bisherigen Jahreshochs hinaus freisetzen würde oder zumindest (realistisch gesehen) ein, zwei sehr bullishe Wochen im Schlepptau haben würde. Ja sogar der Nasdaq 100 ist jetzt an eine wichtige Widerstandsmarke um 1.515/1.520 herangelaufen (die Charts von Nasdaq und S&P 500 kommen in der Montagsausgabe – da haben Sie dann auch das charttechnische Ergebnis der Arbeitsmarktdaten dabei)!
Was macht man daraus? Die Konjunkturdaten haben doch aktuell immer zwei Seiten. Man kann alles bullish und bearish betrachten. Außer den Lohnkosten morgen. Da einfach aus zu hohen Lohnsteigerungen mehr Potenzial für Konsum herauszulesen und das Thema Inflation zu ignorieren, wäre absurd. Aber sonst? Viele neue Jobs: Gut für eine feste Konjunktur. Kaum neue Jobs: Keine Gefahr weiterer Zinserhöhungen.
Oder man ist bearish angehaucht: Viele Neue Jobs: Inflationsgefahr. Kaum neue Jobs: Rezessionsgefahr. Also?
Happy Hour für Trader: Heute 14:30!
Also werden um 14:30 mal wieder die Daytrader zuschlagen. Wer sich in den ersten 45 Minuten in den Futures durchsetzt, hat die Trendrichtung vorgegeben. Die Erklärungen werden dann später variabel (siehe oben) nachgereicht. Die Bullen haben dabei natürlich angesichts der Schlagdistanz zur Vollendung der W-Formationen die besseren Karten, egal, was an Daten auf den Tisch kommt. Wie gesagt: Man kann ja alles positiv wie negativ auslegen.
Wenn wir nun aber morgen diese Doppeltiefs vollenden und die Fed erhöht am Dienstag (wider der Erwartung der Mehrheit) die Zinsen? Dann greift meine Warnung der letzten Wochen: Vor Bullenfallen wird gewarnt ...! Kein Umfeld, um ausgerechnet jetzt neue Positionen im Aktienmarkt einzugehen, würde ich sagen.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt
